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Beneš-Dekrete

Wie Tschechen und Slowaken das Thema beenden könnten








von Luboš Palata


Miroslav Lajčák, slowakischer Außenminister, dachte kurz nach. Dann beantwortete er meine Frage, ob er sich vorstellen könnte, eine ähnliche Rede wie sie Petr Nečas im bayerischen Landtag hielt, im ungarischen Parlament zu halten, mit einem entschiedenen „Ja, das kann ich“.


Nečas hatte in seiner Rede am 21.02.2013 von einer Schicksalsgemeinschaft gesprochen, „die voll Inspiration und Bereicherung, aber auch Traumata und Vorurteile“ sei, und überraschte vor allem mit einem Satz, den er allerdings fast wörtlich aus der Deutsch-Tschechischen Erklärung von 1997 zitierte: „Wir bedauern, dass durch die nach Kriegsende erfolgte Vertreibung sowie zwangsweise Aussiedlung der Sudetendeutschen aus der damaligen Tschechoslowakei, die Enteignung und Ausbürgerung unschuldigen Menschen viel Leid und Unrecht zugefügt wurde.“


Das Thema Beneš-Dekrete, meinte er, sollte nicht nur in den böhmisch-bayerischen, sondern auch in den slowakisch-ungarischen Beziehungen abgeschlossen werden. Auf meine weitere Frage, ob es denn nicht reichen würde, wenn die Slowakei sich bei ihren Ungarn genauso für Dekrete und Vertreibung entschuldigen würde wie schon 1990 bei den Karpatendeutschen, erklärte Lajčák, dass er sich das zwar vorstellen könne, es aber eine vergleichbare Geste der anderen Seite bedürfe. Quid pro quo, sozusagen: Entschuldigung für Entschuldigung.

Wie ich die Slowaken kenne, würden sie sicher eine Entschuldigung für die harte Magyarisierung begrüßen, die Horthys Ungarn auf dem Gebiet der heutigen Südslowakei und um Košice (Kaschau) herum betrieben hat, die ihm die Wiener Arbitrage im Herbst 1938 zugesprochen hatte. Oder für den Kleinen Krieg, einen mehrtägigen Konflikt im März 1939, der entbrannt war, als Ungarn von Košice aus in Richtung Poprad vorstieß und weitere etwa 2.000 Quadratkilometer und 70.000 Bewohner, hauptsächlich ethnische Slowaken und Ukrainer, an sich riss. Ein weiteres slowakisches Trauma ist die Magyarisierung, der die Slowaken Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts im ungarischen Teil der Monarchie unterworfen waren und die dazu führte, dass sich 1918 die Ingenieure, Professoren oder Richter unter den Slowaken an einer Hand abzählen ließen. Und die meisten von ihnen hatten dazu im böhmischen Prag studiert.

Wie es nun in unserem Internet-Zeitalter so ist, hat man mein Interview mit dem slowakischen Außenminister natürlich in Budapest wahrgenommen und sich entschlossen, nur einen kleinen Teil des Gesprächs zu kommentieren. So kam es, dass Jánosz Martonyi, Orbans Außenminister, erklärte, wenn die Slowaken sich bei den Ungarn entschuldigen würden wie einst bei den Karpatendeutschen, sei das Thema Beneš-Dekrete für Budapest beendet. Überraschenderweise reagierte Lajčák nicht wütend, sondern wiederholte mit der Ruhe eines professionellen Diplomaten, dass Verständigung keine Einbahnstraße sei und er sich gerne darüber mit seinem ungarischen Amtskollegen unterhalten würde.


Auch der Nečas-Rede gingen einige Gesten der bayerischen und sudetendeutschen Seite voraus, auf die die tschechische Seite dann mit Entgegenkommen reagierte (das innerhalb der Grenzen der deutsch-tschechischen Erklärung von 1997 blieb). Mit Gesten meine ich vor allem die Kranzniederlegung am Mahnmal für die Opfer von Lidice durch den Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft Bernd Posselt, den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer und schließlich auch den Bundespräsidenten Joachim Gauck.

Mit ein bisschen Mühe ließe sich ein solcher Gedenkort auch in der Slowakei finden. Zum Beispiel das Denkmal für die Opfer der ungarischen Bombardierung von Spišská Nová Ves im März 1939, ein Fliegerangriff der Ungarn im „Kleinen Krieg“, der 13 Todesopfer forderte. Im kommenden Jahr, am 75. Jahrestag dieses einmaligen bewaffneten Konflikts zwischen Slowaken und Ungarn (die Kriege zwischen Prag und Budapest 1918-20 nicht mitgerechnet, weil da vor allem Tschechen und Ungarn gegeneinander kämpften), wäre eine gute Gelegenheit. Die Beneš-Dekrete, wie Lajčák im Interview mit mir sagte, sind ein gemeinsames tschechisch-deutsch-slowakisch-ungarisches Problem. Petr Nečas und Horst Seehofer haben mit ihren Reden und Gesten ein Beispiel für Bratislava und Budapest gesetzt. Die Slowaken haben lange auf etwas ähnliches gewartet. Nur haben die Tschechen den Slowaken bislang als schlechtes Beispiel gedient.

Eine sehr unheilvolle Rolle im Streit um die Beneš-Dekrete spielte Václav Klaus. Zugegeben, auch er hatte seine lichten Momente. Aber die meiste Zeit missbrauchte er die Beneš-Dekrete auf eine paranoid anmutende Art, zum Beispiel bei der Unterzeichnung des Lissabon-Vertrags. Jetzt erklingen aus Prag endlich vernünftige Töne und es wäre gut, dieses positive Beispiel auch weiter zu setzen. Denn um ehrlich zu sein, die Beneš-Dekrete waren ein tschechischer Einfall und ihre Anwendung in der Slowakei war gegenüber den Ungarn und Karpatendeutschen noch viel ungerechter als gegenüber den böhmischen und mährischen Deutschen. Schließlich haben slowakische Ungarn in der Slowakei keine faschistischen Parteien gegründet und hatten keine Freikorps Henleinschen Typs. Horthys Ungarn lässt sich außerdem nicht mit Nazi-Deutschland gleichsetzen, genauso wenig wie die Demütigungen der Slowaken, die in Ungarn lebten, sich mit den Grausamkeiten der Nazi-Okkupation Böhmen und Mährens vergleichen lassen. Auch wurden die meisten Ungarn nach dem Krieg glücklicherweise nicht vertrieben und mit Rudolf Schuster war ein Karpatendeutscher in den Jahren 1999-2004 Präsident der Slowakei.

Deshalb wünschen wir Tschechen und Deutsche den Slowaken und Ungarn, dass sie es schaffen werden, einen dicken Schlussstrich unter die Beneš-Dekrete zu ziehen. Wissen wir doch selbst sehr gut, dass die Dekrete ein großer Fluch sind, dessen es sich zu entledigen gilt.


© mit freundlicher Genehmigung des Autors. Erstveröffentlichung: www.landeszeitung.cz

Luboš Palata ist Redakteur der Tageszeitungen MF DNES und Lidové noviny. Foto: lidovky.cz

07IV2013

Tschechoslowakei 1939 - nach der Wiener Arbitrage 1938



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