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Die Wort- und Sprachkunst von Radka Denemarková
in ihrem neuen Roman 

 

 

 

 

 

 

 

 

Radka Denemarková
Ein Beitrag zur Geschichte der Freude
Ü.: Eva Profousová
Hoffmann & Campe Verlag

 

 

Die Schwalben fliegen und zwitschern. Sie erzählen sich Witze über Männer und Frauen. Sex ist Freude. Die Witze wiederholen sich über die Jahrhunderte, die Schwalben sammeln Beiträge für die Geschichte der Freude. Dabei sind sie auf ein Schlachtfeld gestoßen, das keine Friedenszeiten kennt. Ein stilles Abkommen, ein Gebiet, das nicht frei ist und es nie sein wird, das von jedermann erobert werden darf, wo bis heute alles erlaubt ist.

 


Von Volker Strebel


Radka Denemarková hat sich als Autorin eindringlicher Geschehensabläufe profiliert und versteht es, mit dramaturgischen Effekten geschickt umzugehen. So verwundert es nicht, dass sie mit Ein Beitrag zur Geschichte der Freude das Genre eines Kriminalromans gewählt hat. Nach allen Regeln der Kunst bahnt sich eine Story an, die bis zum Ende des Romans durchgehalten wird. Gleichzeitig gelingt es Denemarková in erzählerischer Souveränität, das Handlungsgeschehen nicht nur packend zu schildern, sondern einen doppelten Boden einzuziehen.


Obwohl der reiche Unternehmer in seiner Prager Luxusvilla erhängt aufgefunden wird, glaubt der Kommissar nicht an Selbstmord. Nachdem er den Tatort besichtigt hat, versucht er erste Hinweise auf das Geschehen zu finden. Routinemäßig richtet sich sein Blick zunächst auf die Ehe des Unternehmers, um zugleich Aufschlüsse über das Leben und die Eigenarten des Erhängten in Erfahrung zu bringen. Im Zuge seiner Recherchen dauert es etwas, bis er sich seine Zuneigung zur Witwe eingesteht, die deutlich jünger als ihr toter Ehemann ist. Es beginnt sich eine Beziehung zu entwickeln, die insofern irritierend wirkt, als sich die Ermittlungen zunehmend mit einer erschreckenden Paarung von Erotik und Gewalt konfrontiert sehen.


Schritt für Schritt eröffnet sich dem Ermittler ein verborgenes Szenario, welches den Tathergang überwölbt und folgenreiche Konsequenzen birgt. Über Bande und mehrere Ecken lernt der Ermittler drei ältere, sehr kultivierte Damen kennen, deren außergewöhnliche Lebensgeschichten immer mehr an Bedeutung gewinnen. Im Zuge dieser Recherchen beginnt auch das Erzählen ins Kreiseln zu kommen. Fremde Welten fangen an, den Ermittler in ihren Bann zu ziehen. Ungeahnte Schicksale und Vorkommnisse beginnen, ein Eigenleben zu entwickeln. Die Kriegszeit mit ihren Gräueln, die auch nach dem offiziellen Ende ihre Fortsetzung gefunden haben, wird in die Gegenwart gespült. Aber Gewalt und Unrecht an Frauen, die ohne Folgen für die Täter bleiben, finden sich bis in die unmittelbare Lebenswelt.


Als der Ermittler heimlich das unscheinbare Häuschen der Damen betritt, das etwas versteckt am Fuße des Petřín, des am westlichen Rand von Prag liegenden Laurenziberges steht, beginnt für ihn der Eintritt in eine ihm bislang verborgene Sphäre. Er entdeckt ein geheimes Archiv, das ihn erschüttert. Säuberlich geordnet und sortiert findet er Tausende von Vergewaltigungs- und Missbrauchsfälle dokumentiert:


"Aus den handgeschriebenen Seiten steigen Filmschicksale von Körpern empor, die angegriffen und von anderen Körpern berührt wurden, von Körpern, die das Etikett der Kriegshelden schützt, die Zugehörigkeit zur Siegermacht, welche durch den Kriegszustand geschützt nie vor ein Gericht geladen wurden, über die nie gerichtet wurde, die ein für alle Mal von den Historikern entweder unter das Minus- oder Pluszeichen einbetoniert wurden."


Die uralten Fragen drängen sich auf. Erlittene Gewalt imprägniert ihre Opfer, auch wenn man es ihnen nicht ansieht. In welcher Weise kann Sprache Verwundungen mitteilen? Und inwieweit ist es überhaupt möglich, Gefühle zum Ausdruck zu bringen?


Denemarková jongliert mit der Sprache. Sie baut Spannungsbögen auf und rückt mit knallharten Erzählungen heraus. Zugleich vermag sie es als Wortkünstlerin auf meisterhafte Weise, der schäbigen Wirklichkeit in mythologischer Überhöhung zu begegnen. Symbole, aber auch Chiffren aus der Vogelwelt halten Einzug. Vor allem bietet die Beobachtung von Schwalben einen Ersatz, wenn das Menschenwort zu Schilderungen nicht mehr ausreicht. Konspirativ wird sogar der Leser zu einem geheimen Agreement überredet. Am Ende haucht die Sprache aus und es bleibt nur noch die angedeutete Geste, die auch alle Gewalt gegenüber Schwächeren begleitet: „Pssst!“


Das geschickt durchkomponierte Geflecht eines Kriminalfalles, der sich zugleich zu einer Anklage gegen sexualisierte Gewalt entwickelt, gerät zu einem kunstmächtigen Plädoyer für Menschlichkeit und bildet zugleich eine politische Wortmeldung. Denemarková ist eine tapfere Schriftstellerin, die es nicht nötig hat, sich ideologischen Verengungen zu unterwerfen. Da Sie falsche Vereinnahmung nicht fürchtet, richtet sich ihre Anklage gegen alle Täter, gleich welcher Nation und losgelöst von irgendwelchen historischen oder sozialen Rechtfertigungen.


© Volker Strebel, mit freundlicher Genehmigung des Autors; Erstveröffentlichung: www.literaturkritik.de


Weitere Texte von Volker Strebel: Kafka in Kalpadotia; Josef CapekNoch einmal VaculikGünter KunertDaniil Granin, RomanArbeitslager WorkutaEmil HaklLiteratur-slowakischAhoj und guteReiseVaclav Havel 

 
Radka Denemarková

R.Denemarkova-Müller: „Damit die Worte nicht trügen“: Herta Müllers Werk, Übersetzung Die Atemschaukel, Herta Müller über das Übersetzen; Die Schwalben Erzählungen von Radka Denemarková; RadkaDenemarkova Ein herrliches Fleckchen Erde Gespräch und Rezension von Katja Schickel

 


Tobias Bohm

 

 

 

 



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