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Malte Kleinwort
Der späte Kafka – Spätstil als Stilsuspension
279 S. kart., 12 s/w Abb., Wilhelm Fink Verlag, München 2013
€ 39,90. ISBN:978-3-7705-5439-3

 









Das Schreiben versagt sich mir“ oder wie Malte Kleinwort auf der Basis der sich noch im Progress befindenden Faksimileausgabe späte Schreibprozesse Franz Kafkas neu datiert und kommentiert



Schreiben „von Eisenbahnreisenden“:
ohne Abfahrt und ohne Ankunft und mittendrin verunglückt
 

„Das Schreiben war hier nur ein Provisorium“. Das schrieb Franz Kafka im Juli 1921 an seinen Freund Max Brod, den späteren Nachlassverwalter, Biographen und ersten Herausgeber einer kritischen Edition der zu Lebzeiten publizierten und nachgelassenen Werkwelten Franz Kafkas. „Das Schreiben war hier nur ein Provisorium“: mit diesem Zitat leitet der bereits international recht bekannte Kafka-Forscher Malte Kleinwort seine zweite Monographie zu diesem Dichter ein, bei der es sich um die erweiterte und überarbeitete Fassung seiner Dissertation handelt, die er an der Humboldt Universität zu Berlin und unter der Betreuung von Joseph Vogl verfasste. So kann er erstens den Prager Juristen und Dichter von Weltrang als Primus, vor allen anderen schreibexegetischen Kommentaren in eigener Sache zu Wort kommen lassen. Zweitens stammt dieses Wort und alle weiteren, die es nach sich ziehen wird, auch noch aus genau jener Zeit, die im Folgenden dann als Spätphase des Schaffens stark gemacht werden soll. Drittens endlich versammelt es in den Satzflüssen, die es darstellt, alles, was Schreiben als Prozess und Schreiben als Produkt dem Dichter der Moderne war, und was es ihm nicht war und was es also auch allen ernst zu nehmenden Kafka-Forschern, besonders den textgenetisch interessierten, als niemals endende Aufgabe philologischer Kärrnerarbeit – nicht etwa als Zielvorgabe eines vermeintlich letztgültigen Kommentars – sein könnte.
Das Schreiben als ‚kafkaesker‘ Prozess und entsprechendes Produkt wäre so ein zunächst zu erlesendes und dann zu edierendes oder anderweitig zu kommentierendes Auf und Ab, ein Hin und Her, ein fehlerlos und einwandfrei in einem Durchschreiben-Wollen und meistens nicht -Können, ein -Müssen und nicht wissen wie, ein kreuz und quer sich durch die Blätter Schlagen, ein stolperndes Rasen ohne Punkt und Komma, dann aber auch wieder ein Aufgeben vor allem Schreibbeginn, ein Versiegen allen Schreibschwungs schon vor dem ersten Ansetzen, um endlich irgendwann wider besseren Wissens um das Können doch in den Schreibzug einzusteigen, als jemand, dessen Leben, wie Peter André Alt und Malte Kleinwort in Rekurrenz auf ihn festhalten, sich mehr auf das „Schreiben“ bezog als dass sich „das Schreiben auf das Leben“ bezogen hätte.


Wenn Schreiben zur Passion wird, die man mit anderen Schreibern teilt und man selbst mehr Werkzeug als federführender Aktant der Schreibszene zu sein scheint, dann wird unsicher, wo genau der eigene Zeilensprung anhebt und wo genau er endet. Schreiben wird so zu einem haltlosen Unterfangen, auf das zutrifft, was Franz Kafka am 20. Oktober 1917 in Bezug auf die anthropologische Grundverfassung vorsichtig als nicht zu hintergehende Bedingung erwog: „Wir sind, mit dem irdisch befleckten Auge gesehen, in der Situation von Eisenbahnreisenden, die in einem langen Tunnel verunglückt sind und zwar an einer Stelle wo man das Licht des Anfangs nicht mehr sieht, das Licht des Endes aber nur so winzig, daß der Blick es immerfort suchen muß und immerfort verliert wobei Anfang und Ende nicht einmal sicher sind. Rings um uns aber haben wir in der Verwirrung der Sinne oder in der Höchstempfindlichkeit der Sinne lauter Ungeheuer und ein je nach der Laune und Verwundung des Einzelnen entzückendes oder ermüdendes Spiel.“

Schreiben war also sein Ein und Alles, war eventuell sogar ihm immer schon vorgelegte soziale Protokollpflicht, der niemand so einfach entkommt, ganz im Sinne des zweiundzwanzigsten Zürauer Aphorismus aus dem Jahr 1917: „Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit.“ Es muss unentschieden bleiben, ob Franz Kafka länger oder kürzer, glücklicher oder unglücklicher, kränker oder gesünder gelebt hätte, hätte er die Vorteile des Junggesellen-Seins für die Vorteile des Familienvater-Seins aufgeben können. Das kann keine Forschung beantworten, wenngleich es innerhalb der letzten Jahrzehnte der Kafka-Werk-Exegesen immer wieder Ansätze dazu gab.
Schreiben war sein Ein und Alles, obwohl oder vielleicht gerade weil es sich ihm eben mehr als gelegentlich versagt[e] und damit den „Plan der selbst-biographischen Untersuchungen“ auf den Plan rief, nicht aber um ihrer selbst Willen oder als narzisstisch-regressive Nabelschau, vielmehr vielleicht auch und vor allem, um mittels eigener autobiographischer Details sich als (geblendetes) Wesen unter (geblendeten) Wesen einer Zeit und ihrer Rahmenbedingungen zu beobachten? Dann wäre dieses Schreiben nicht unabhängig von der Zeit und ihren gewaltigen anthropologischen Umwälzungen denkbar, auch nicht ablösbar vom Ort, der Vielvölkerstadt Prag, auch nicht loszulösen von der jüdischen Identität-Suche und der Identität-Fremdzuschreibung als Jude, als Minorität unter Christen, was immer das sein oder nicht sein konnte, in Zeiten der Assimilation, des Antisemitismus und des Kulturzionismus.


Da aber auch alle weiteren Auseinandersetzungen mit diesem ungeheuer wirkmächtigen Schreibkosmos nicht unabhängig von ihrer Zeit und vorangegangenen Fokussierungen und Perspektivierungen innerhalb und außerhalb der Kafka-Forschung geschehen, kann es also nur von Vorteil sein, wenn die Kommentare ganz im Sinne des gleichnamigen Romans dieses Prager Dichters sich zu einem immerwährenden Prozess fügten, an dem sich möglichst viele Passionierte, Laien und Forscher, von möglichst vielen unterschiedlichen literarischen, lebensgeschichtlichen und theoretischen Grundlagen aus, beteiligen. Die revolutionären Neuerungen in Bezug auf Kommunikationsmedien- und Techniken generell, die um 1900 einschneidende Veränderungen der Lebens- und Arbeitsräume bedeuteten, spielten als Rahmen des Schreibens mit Tinte oder Bleistift an Nachtschreibtischen Franz Kafkas so ebenfalls eine nicht unerhebliche Rolle. Im Anschluss an die epochale Lektüre Gilles Deleuzes und Félix Guattaris, die unter dem Namen Kafka. Für eine kleine Literatur erstmals 1976, ein Jahr nach der französischen Originalausgabe, erschien, arbeiteten dies viele Beiträge – von unterschiedlichen theoretischen Fundamenten aus – bereits heraus. Dort liest man, sicherlich angeregt unter anderem von Walter Benjamins Überlegungen zur Gestik von nicht zu unterschätzender Bedeutung, dass das Werk Kafkas weniger gedeutet als vielmehr „experimentell erprobt sein will“.
Diese experimentellen Erprobungen könnten ihrerseits dann etwa, wie es viele an diese Lektüre anschließende Versuche auch taten, die allmähliche Zunahme von Aktennotizen und Statistiken, Gefährdungserhebungen und Maßtabellen, die das Konterfei des Großstadtmenschen nach Maßgabe des Durchschnittsmenschen immer klarer zu bedingen schienen, als Einfluss nehmenden zeit- und gesellschaftspolitischen Schrift-Rahmen dieses Schreibens darstellen (so etwa geschehen in Beiträgen von Joseph Vogl, Wolf und Friedrich Kittler, Benno Wagner, gelegentlich auch bei Malte Kleinworts anderen Beiträgen und dem vorliegenden einerseits, aber eben auch etwa bei Ulf Abraham, Thomas Anz, Gerhard Neumann, Manfred Engel und Oliver Jahraus andererseits, um hier nur Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum zu berücksichtigen, die sich entweder diskursanalytisch und semiotisch oder hermeneutisch und literatursoziologisch Kafkas Texten annäherten).
Ganz unabhängig von der eigenen theoretischen Basis und den darauf basierenden Methoden bestimmen selbstverständlich in Bezug auf jeden Autor die vorhandenen Ausgaben seines Werks den Blick und dies gilt, wie fast alles in Bezug auf das Werk des Prager Dichters und promovierten Juristen Franz Kafka, hier nur umso deutlicher.


Malte Kleinwort hat diese seine zweite Monographie, dezidierter noch als die erste, die ebenfalls schon den Schreibweisen des späten Franz Kafkas galt, wie sie sich innerhalb der Korrespondenz mit Milena Jesenská abzeichneten, dem späten Schreiben des Dichters und einer späten Faksimileausgabe seines Werks gewidmet. Freilich stellt die Arbeit nicht im geringsten den Anspruch Letztgültiges über den Autor zu sagen, vielmehr positioniert sie sich innerhalb eines Fortschreibens, zu dessen Anfangs- und Endpunkten wir nichts Positives, nichts einigermaßen Abgesichertes sagen können. Auch darauf zielt das Motto, das Kafkas Brief an Max Brod entnommen wurde, vielleicht weniger mit den Worten als mit der Art des Zitierens, die sich von einer in eckigen Klammern mit Pünktchen vermerkten Auslassung über den Sprachprozess wieder hin zu einem erneuten Auslassen, dargestellt mit Pünktchen in eckigen Klammern verläuft: „[…] das Schreiben war hier nur ein Provisorium, wie für einen, der sein Testament schreibt, knapp bevor er sich erhängt, - ein Provisorium, das ja recht gut ein Leben lang dauern kann […].

 

 

   

Faksimile: Verwandlung, Blatt 41v, vorletzte Seite des Manuskripts

 

Faksimile: Beschreibung eines Kampfes, Stroemfeld Verlag


„Immer ängstlicher im Niederschreiben“ oder:

von dem Wunsch, spurlos ins Schreiben einzutauchen 

Gleich der erste Satz Malte Kleinworts in der Einleitung, der sich dort anschließt an das Motto, wonach Schreiben sich weniger im Skriptorium, sondern mehr im Provisorium ereignet, stellt die so bescheidene, so entscheidende und neue Forschungsergebnisse zeitigende Frage: „Unterscheiden sich Kafkas späte Texte von seinen früheren und, wenn ja, wie?“ Das „Neuland“, das die Arbeit mit diesem Forschungsinteresse betritt, so weist es auch die dazugehörige Fußnote aus, hat das schnell schon unverzichtbar im Umgang mit dieser Literatur sich erwiesene Kafka-Handbuch, das Manfred Engel und Bernd Auerochs 2010 im Metzler Verlag herausgaben, bereits als noch zu erforschendes und detailgetreu zu kartographierendes Gebiet ausgewiesen.
Doch es besteht stets, ganz gleich welcher wissenschaftlichen Methode man sich bedienen möchte, die Gefahr, dass die Aufzeichnungen und Abgrenzungen mehr über die Herkunft und Lektüre-Gewohnheiten des Aufzeichners als über das Nachzuzeichnende verraten. Das ist der Grund, warum der Verfasser drei differente Perspektiven, die drei ebenso unterschiedliche Aspekte des Spätwerks Kafkas fokussieren, miteinander verbindet. Nur so kann der Eindruck eines totalitären Anspruchs vermieden werden und nur so wird die Wichtigkeit aller berücksichtigten Hinsichten für das Schreibexperiment und seine Rezensionsmöglichkeiten deutlich. Unter systematischen Gesichtspunkten stellt sich die Frage nach besonderen „Regeln oder Gesetzmäßigkeiten“, unter genetischer jene nach „Prozessen oder Prozeduren“, die „sich bei der Lektüre von Kafkas späten Texten rekonstruieren“ lassen und die analytische Annäherung endlich forscht danach, welche „diskursiven Formationen […] an Bedeutung gewinnen“.
In allen drei gerade genannten Hinsichten ist die Frage danach vor allem zu klären, worauf im vorliegenden Zusammenhang die Rede vom Stil respektive Spätstil zielt. Dies geschieht zunächst im kritisch erläuternden Umfeld relevanter Betrachtungen zum Stil generell, wie sie sich in Kants Kritik der Urteilskraft finden. Dann werden in kompetenter, dem ‚Kafkaesken‘ geschuldeter Absetzung davon die in Bezug auf diesen Dichter der Moderne forschungsprägenden Ausführungen von Gerhard Neumann zum „gleitenden Paradox“ einerseits und Benno Wagners ebenso wichtige Bemerkungen zum experimentellen „Protokollstil“ andererseits in Bezug auf ihre Bedeutung für die vorliegende Studie vorgestellt und diskutiert.


Malte Kleinwort setzt so in gewissem Sinne frühere Bemühungen um textgenetische, diskurshistorische und stilistische Besonderheiten des Spätwerks Kafkas jetzt deutlicher denn je auf der Basis der historisch-kritischen Faksimile-Ausgabe fort, die im Stroemfeld Verlag erscheint. Sie wird dort in unermüdlicher philologischer Liebe und Fürsorge um detailgetreue Rekonstruktion eines Schreibens, das mit einem „Zittern auf der Stirn“ gleichsam seismographische Erhebungen veränderter anthropologischer Zeit- und Selbstentwürfe aufzeichnen wollte, von Roland Reuß und Peter Staengle ediert.
Hatte der Verfasser schon innerhalb der Monographie Kafkas Verfahren. Literatur, Individuum und Gesellschaft im Umkreis von Kafkas Briefen an Milena expressis verbis betont, dass der vorliegende Versuch „eine angemessene literaturwissenschaftliche Praxis zu finden“ für die Ausgabe, die „Faksimile im Verbund mit einer diplomatischen Umschrift darbietet“, so hängen die Ergebnisse der nun vorliegenden, überarbeiteten Dissertation noch eindeutiger von dieser Ausgabe ab, die es wie keine andere vor ihr ermöglicht, Spuren der Schreibprozesse in den Schreibprodukten als noch wirksame Elemente sichtbar zu machen.
Dies soll nun keineswegs heißen, dass diese Edition nun die andere wichtige Ausgabe aus dem Fischer Verlag in den Schatten stelle oder gar überflüssig mache. Es kann höchstens heißen, dass beide Ausgaben interessierten Lesern jeweils andere Hinsichten des ‚kafkaesken‘ Schreibens jeweils anders näher bringen. Was sich hier auf den ersten Blick erschließt, erschließt sich dort eventuell erst auf den zweiten Blick und vice versa. Unschlagbar freilich ist eine Faksimileausgabe immer für diejenigen, die sich noch immer nicht das bibliophil-empathische Vergnügen eines Philologen oder einer Philologin abgewöhnen mögen, das darin besteht, auf der Basis möglichst originalgetreuer Reproduktion von Schreibutensilien in Bedingungen von Schreibprozessen längst vergangener Zeiten zu gelangen und mittels der sinnlichen Vermittlung des Materials und in dessen Abwesenheit einen Dialog mit dem Schreiber zu führen. Dagegen bietet die andere historisch-kritische, gleich unverzichtbare Ausgabe, die amtlichen Schriften des Juristen und die zahlreichen Briefe und ist eben in dieser Hinsicht ebenfalls für die wissenschaftliche Auseinandersetzung unersetzlich.
Anhand der Faksimileausgabe allerdings gelingt es Malte Kleinwort nun seine Recherchen fortzusetzen und zu spezifizieren, die er in der ersten Monographie aus dem Jahr 2004 einleitend wie folgt umschrieb: „Wo beginnt die Literatur und wo hört sie auf? Bei Kafka ist der Anfang nicht selten das Ende. In den Momenten, in denen das Schreiben oder der Text ins Stocken geraten, kristallisiert sich bei Kafka Literatur.“
In Rekurrenz zu wichtigen Kontexten, etwa Adornos Ausführungen zu Beethoven und zu Max Brods Adolf Schreiber und mithilfe akribischer Analyse von drei verschiedenen Perspektiven aus und am Beispiel verschiedener Textsorten, die alle mit dem Namen Kafka verbunden sind, gelingt es Malte Kleinwort sehr überzeugend, einen Spätstil von einer mittleren Schaffensphase abzugrenzen. Tagebuchnotizen ab 1921 sowie späte Künstler-Novellen wie Der Hungerkünstler und Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse oder auch Forschungen eines Hundes, endlich auch bestimmte Kapitel und Passagen aus dem Schloss-Roman im Vergleich zu Tagebuchnotizen und Briefkorrespondenzen sind es hauptsächlich, die zur Revision der bisherigen Annahme Anlass geben, die Spätphase dieses Schreibens hätte 1917 eingesetzt. Dies sah die bisherige Forschung auch weniger begründet darin, dass das Schaffen nun als künstlerisches Echo auf Beginn und Verlauf des ersten Weltkrieges ein den Bedingungen und dem Wirken nach radikal anderes sein müsse. Der Grund für einen derartigen Einschnitt scheint eher in der Diagnose der Tuberkulose zu liegen, die für Kafkas Rückzug aufs Land, zu seiner Schwester nach Zürau, ausschlaggebend gewesen war, wo die sogenannten Zürauer Aphorismen entstanden, und die eine gänzlich andere Schreibweise bewirkt habe. Für Malte Kleinwort wird diese Schaffensperiode zu einer eigenständigen Übergangsphase vom mittleren zum späten Werk, welches er nicht als etwas Statisches und Vorgegebenes einführt und behandelt, sondern von der er annimmt, dass im „Wechsel der Perspektiven“ , gemeint sind eben jene drei methodisch relevanten Hinsichten, denen sich die vorliegende Studie verdankt, „die behandelten Texte nicht dieselben“ blieben.

 

   

Faksimile: 1. Oktavheft, Blatt 1r

 

Faksimile: 3. Oktavheft, Blatt 3r

 


Gerade darin, in der ungeheuer vielfältigen Weise, in der eben auch Kafkas Spätwerk als Experiment beobachtbar wird, „sich zur Welt zu flüchte[n]“, wie es die Nummer fünfundzwanzig der Zürauer Aphorismen fordert, damit „man sich über die Welt freuen“ kann, zu einer Zeit als die Welt für Kafka immer deutlicher ihre Konturen einbüßte und selbst als Schreib-Provisorium zu versagen schien, gerade darin liegt ein signifikant eigener Modus des späten Schreibens. Den legt Malte Kleinwort höchst kompetent und über weite Strecken stilistisch brillant offen. Man könnte ihn als Modus des Verschwindens bezeichnen. Da scheint jemand so stillos und wortlos wie es nur eben als Schriftsteller noch geht, in seine Schriften einzufahren. Nicht mehr laut und bestimmt – wir vernehmen nach der Lektüre der Monographie von Malte Kleinwort nur deutlicher denn je die tonlose Stimme des Prager Dichters selbst, wie es der noch junge Kafka 1910 fordert: „Ich werde mich nicht müde werden lassen. Ich werde in meine Novelle hineinspringen und wenn es mir das Gesicht zerschneiden sollte“, sondern immer „ängstlicher im Niederschreiben“ – und nahezu druck- und kraftlos schreibt sich ab etwa 1920/21 der Autor als Protagonist Zug um Zug von „den falschen Händen, die sich einem während des Schreibens entgegenstrecken“ los.


© Text mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Bilder: textkritik.de; stroemfeld.de (oben: Oxforder Quartheft, Übergang von Bleistift zu Tinte, Blatt 4v)



Die historisch-kritische Franz Kafka-Ausgabe; bisher erschienene Bände der FKA:
Der Process; Faksimilenachdruck von Der Prozess
, hrsg. v. Max Brod (1925); Oxforder Oktavhefte 1 -8; Oxforder Quarthefte 1 & 2; Faksimilenachdruck von In der Strafkolonie (1919); Die Verwandlung; Faksimilenachdruck der Buchausgabe von Die Verwandlung; Faksimilenachdruck von Ein Landarzt; Einleitungsband; Drei Briefe an Milena Jesenská; Beschreibung eines Kampfes.
Faksimile-Edition, Hrsg. v. Roland Reuß und Peter Staengle, Stroemfeld Verlag, Frankfurt/Main – Basel, s.a.:
www.textkritik.de

 


 

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