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DER UNSICHTBARE HELD

KAREL KOŠVANEC

 

 

 

Mich interessiert noch die Geschichte mit diesem Karel, der Ihnen ja einerseits wirklich hilft, sich bei ihnen aber auch bedanken will, weil er glaubt, Sie haben ihn nicht verpfiffen. Es gibt eine Situation, in der es so aussieht, als würde er erwischt. Sie sind auch auf der Wiese, und er hat Angst, dass Sie ihn verraten könnten. Das tun Sie aber nicht.

Ja, das war, als ich ihn zum ersten Mal kennenlernte. Ich hatte Angst, er wäre von irgendwem geschickt, und damit wollte ich nichts zu tun haben. Das stellte sich dann als falsch heraus. Er war unglücklich, weil ich eingesperrt worden war, und hatte selber Angst, dass ich ihn verraten könnte. Ich konnte ihn nicht verraten. Ich kannte seinen Namen nicht, ich wusste gar nichts über ihn. Auch wenn ich gewollt hätte, ich konnte ihn nicht verraten. Ich wusste nicht, wovor er Angst hatte. Ich hatte ja Angst vor ihm. Die Gendarmen hatten uns vorher noch nie durchsucht, und nun zum ersten Mal passierte es mir. Ich dachte also, er hätte mit einem Gendarmen verabredet, dass sie mich erwischen. Das war natürlich falsch. Aber für mich war es erst einmal tragisch. Ich hatte damals diese schrecklichen Verhöre, in denen sie mir gedroht haben, mich zu erschießen, sie haben mir immerzu einen Revolver vor die Nase gehalten. Sie wollten mich damit nur erschrecken, aber ihn konnte ich nicht verraten, weil ich nichts über ihn wusste. Aber ich erzählte, dass einer aus der Landwirtschaft einem Jungen erlaubt hatte, etwas eigenes Gemüse zu pflanzen.Sie hatten mich gefragt: Woher haben Sie die Zwiebel? Da habe ich gesagt, die habe ich von dem Jungen. Der hat das dann geleugnet und mich damit eigentlich verraten. Aber dieser Junge musste dann in den nächsten Polentransport. Das war eine Tragödie, die ich bis heute nicht ganz verwunden habe. Ich dachte, ich müsste mich bekennen, aber wegen der Zwiebel musste ein junger Mensch nach Polen und ist nie mehr zurück gekommen.

Alle sind eingebunden in dieses Gewaltsystem.

ER: Ja, aber der deutsche Verwalter war im Grunde genommen nicht schlecht. Er wollte bloß keine Unannehmlichkeiten haben. Er hat den Jungen etwas erlaubt, was er eigentlich nicht erlauben durfte. Aber er hat sich nicht dazu bekannt.

So fing aber die Beziehung zu Karel an, dass er Sachen gebracht hat.

ER: Ja, er war mir damals dankbar, ich weiß nicht wofür, dass ich ihn nicht verraten habe, aber das war ja unlogisch. Ich konnte ihn nicht verraten. Aus irgendeinem Grund...er hatte Leute, die ihm sympathisch waren, ich weiß nicht, warum ich ihm auch sympathisch war, und denen hat er schrecklich viel geholfen. Der Frau F. hat er auch regelmäßig Pakete geschickt, der L. war ihm auch sympathisch, die haben ihm nie etwas dafür zahlen müssen. Er hat für sie eine Menge Gutes getan. Das war eigentlich ziemlich unverständlich. Von anderen hat er Geld genommen, dann Zigaretten und was sonst noch gebraucht wurde, besorgt. Bestimmten Leuten hat er einfach nur so geholfen. Von mir hat er nie etwas gefordert. Für mich war alles umsonst. Auch wenn ich ihm schrieb: Schicke nichts, es ist zu riskant, du riskiert viel zu viel. Ich habe hier auch einige Briefe von ihm: Er mache das gerne. Allen Menschen wollte er am liebsten nur helfen. Aber das ist natürlich nicht möglich.

Aber einigen hat er geholfen

ER : Ja, einigen hat er geholfen. Das hat ihm irgendwie gut getan. Aber er riskierte unglaublich viel, das stand in keinem Verhältnis zum Risiko. Das war unendlich viel größer als irgendwelche Vorteile, die er daraus vielleicht haben konnte. Dessen war er sich nicht bewusst. Da hatte ich eben den Eindruck, er war vollkommen primitiv. Er konnte sich nicht vorstellen, was ihm passieren konnte, dass er das Leben seiner Kinder riskierte, seiner ganzen Familie.

Vielleicht wollte er eben einfach nur helfen? Vielleicht hatte er Ideale und hat es deshalb gemacht?

ER: Ich weiß nicht, ob er es aus Idealismus gemacht hat. Er wollte helfen. Der ganzen Menschheit helfen kann man nicht, aber warum er diese Hilfe gerade auf diese paar Leute verteilt hat, weiß ich nicht.  

Vielleicht war er ja doch nicht so primitiv. Vielleicht hat es mit Menschlichkeit zu tun?

ER: Ja, unbedingt. Er hatte unglaublich viel Geduld, Stunden, in denen er die Wachen beobachtete, um dann nach und nach alles nach Theresienstadt zu bringen. Er kannte die Gegend wie seine Westentasche. Er hat da gelegen und ausgeharrt, bei allen Wettern, bei Eis und Schnee. So hat er sich auch seine Gesundheit ruiniert und ist schon so früh gestorben. Das stundenlange Warten hat ihn krank gemacht. Die Behörde wollte ihm dann sogar noch den Prozess machen, weil er sich angeblich bereichert hätte. Ohne ihn hätten viele aber gar nicht überlebt.

 

 

 

 

 

 

 

© Fotos: privat, Terezín Document Center, Interview: Katja Schickel

 

 

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