LETNA PARK     Prager Kleine Seiten
Kulturmagazin aus Prag
info@letnapark-prager-kleine-seiten.com

 

Ludvík Kundera 

Wortspieler und Buchstabenzauberer - zum 95sten


 


Z pohnuté historie 22. březnů


Aus der bewegten Geschichte des 22. März

Milerád se přiznávám
k veliké a stěží odpustitelné
slabosti:
vyhledávám ve starých knihách,
co se kde stalo 22. března.
(Je to starý blázen,
říkali o mně
už když mi bylo třináct.)


I nemohlo mi uniknouti,
že 22. března roku 1782
přijel do Vídně papež,
aby zabránil rušení klášterů.
(22. dubna pak opět z Vídně odejel.)
Zaznamenal to pan profesor
František Martin Pelcl a tomu já,
jemuž nebyl dán dar víry,
téměř věřím.
Tím spíše, že necelý rok před touto událostí
klnul mstivým, nespravedlivým a pyšným                                                                        pedantům,
a že po této události po pět let pečlivě                                                                      zaznamenával,
kde byl který klášter zrušen či o kolik
byl zmenšen počet řeholníků.
Neméně nadšen jsem však i zápisem,
jejž pan profesor Pelcl učinil 22. března 1790:
tehdy se na zemském sněme
sešlo osmdesát pánů a jejich stížnosti
byly sebrány a odevzdány
nejvyššímu purkrabímu
aby je poslal do Vídně králi.



Tak tedy:
vivant 22. březny! 


Von Herzen gern bekenn ich mich
zur großen kaum verzeihlichen
Schwäche:
in alten Büchern aufzusuchen,
was wo am 22. März geschah.
(Ein alter Narr,
sagten sie von mir
schon als ich dreizehn war.)


So konnte mir nicht entgehen:
am 22. März des Jahres 1782
kam der Papst nach Wien,
die Auflösung der Klöster zu verhindern.
(Er reiste wieder ab am 22. April.)
Das vermerkte Herr Professor
František Martin Pelcl, dem ich,
mir war die Glaubensgabe nicht gegeben,
fast glaube.
Um so eher, da fast ein Jahr vor dem Ereignis er
der rachsüchtigen, ungerechten, hochmütigen                                                            Pedanten fluchte,
und sorgfältig nach diesem Vorfall fünf Jahre lang                                                     vermerkte,
wo welches Kloster aufgelöst oder um wie viel
der Stand der Ordensbrüder sich verringert. Jedoch
nicht weniger begeistert war ich von der Notiz
des Herrn Professor Pelcl vom 22. März des Jahres                                                      1790:

im Landtag damals
traten zusammen achtzig Herren deren Beschwerden
gesammelt übergeben wurden
dem Oberburggrafen,
damit er sie dem Wiener König sende.


Also:
vivant jeder 22. März! 

 

 

Ludvík Kundera, *22.03.1920 in Brno/Brünn, war einer der bedeutendsten tschechischen Lyriker, Dramatiker, Erzähler, Essayisten, Übersetzer (aus vielen Sprachen) und Bildenden Künstler. Er studiert mit kriegsbedingten Unterbrechungen Germanistik und Bohemistik in Prag und Brünn. In dieser Zeit entstehen auch erste Prosatexte und Gedichte. Er steht von Anfang an für die literarische Moderne in der Tschechoslowakei (Dadaismus, Expressionismus, tschechischer Poetismus, s. hier auch: Poetismus), die sich allerdings während der deutschen Okkupation ab 1939, in den Zeiten des Stalinismus nach 1948 und während der sog. Normalisierung nach dem Prager Frühling 1968 aus ideologischen Gründen nicht frei entfalten kann. 1943 wird er Zwangsarbeiter in einem Rüstungsbetrieb in Berlin-Spandau und erkrankt lebensgefährlich an Diphtherie. Zurück in Brünn wird er 1946 Mitbegründer der surrealistischen Gruppe Skupina Ra, arbeitet bis 1955 als Redakteur, dann als Freiberufler, von 1968–1970 als Dramaturg. 1970 erhält er Publikationsverbot und veröffentlicht im Samisdat. Erst nach der Samtenen Revolution 1989 ist sein Werk legal verfügbar und wird gewürdigt; eine umfangreiche Werkausgabe stellt sein vielfältiges Œuvre vor. 2002 erhält er den Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung und den Kunstpreis zur deutsch-tschechischen Verständigung, 2009 den Jaroslav-Seifert-Preis, die höchste tschechische Auszeichnung für Literatur. Mit seinen Übersetzungen trägt er wesentlich zur Vermittlung deutscher Literatur in Tschechien und tschechischer Literatur in Deutschland bei, ist Herausgeber und Essayist. Er übersetzt u. a. Kubin, Rilke, Huchel, Brecht, Kunze, Trakl, Heine, Celan, Arp, Benn, Morgenstern, Kirsten und Böll ins Tschechische, fungiert als Herausgeber – und Nachdichter – tschechischer Lyrik: von den Anthologien Die Glasträne, 1964; Die Sonnenuhr – gemeinsam mit Franz Fühmann – 1986/1993 und Adieu MusenAnthologie des Poetismus, 2004 – mit Eduard Schreiber – bis zu Süß ist es zu leben. Tschechische Dichtung von den Anfängen bis 1920, 2006. Ein bibliophiler, von Eduard Schreiber (s. hier auch: FrantisekListopadMiladaSouckova)  herausgegebener Druck zu Kunderas 90. Geburtstag thematisiert schon einmal das oben erwähnte Datum: Zur Bewegten Geschichte des 22. März – Ludvík Kundera zum Neunzigsten – eine Hommage von Freunden, Bewunderern und Weggefährten in Wort und Bild (Arco Verlag), überreicht bei einer Feier in Kunštát. Ludvík Kundera starb am 17.08.2010 in Boskovice. Empfehlung: Ludvík Kundera – Überwintern. Gedichte. Aus dem Tschechischen von Eduard Schreiber. Graphiken: Kaltradierungen des Autors. 40 S., brosch., hochroth Verlag, Berlin 2014. 6,00 €, ISBN 9783902871602

© Übersetzung: Eduard Schreiber, der uns das Gedicht freundlicherweise zur Verfügung stellte; Fotos: Hommage, Arco Verlag (Ausschnitt); idnes.cz

 

****** 

Wisława Szymborska

 

Morgen - ohne uns 

Nazajutrz – bez nas 

Der erwartete Morgen ist kühl und neblig.
Von Westen her
beginnen Regenwolken aufzuziehen.
Die Sicht wird schlecht sein.
Die Straßen glatt.

Allmählich, im Laufe des Tages,
unter dem Einfluss eines Hochs von Norden
sind örtlich Aufheiterungen möglich.
Doch bei starken und wechselhaften 
Windstößen
kann es Gewitter geben.

In der Nacht
klart es fast im ganzen Land auf,
nur im Südwesten
sind Niederschläge nicht auszuschließen.
Die Temperatur wird merklich fallen,
dafür steigt der Luftdruck.

Der nächste Tag
verspricht sonnig zu werden,
obwohl jene, die leben,
noch einen Regenschirm brauchen. 

 

Aus dem Polnischen von Karl Dedecius.
Aus: Glückliche Liebe und andere Gedichte.
Berlin, Suhrkamp Verlag 2012.
 

Poranek spodziewany jest chłodny i mglisty.
Od zachodu
zaczną przemieszczać się deszczowe chmury.
Widoczność będzie słaba.
Szosy śliskie.

Stopniowo, w ciągu dnia,
pod wpływem klina wyżowego od północy
możliwe już lokalne przejaśnienia.
Jednak przy wietrze silnym i zmiennym w porywach
mogą wystąpić burze.


W nocy
rozpogodzenie prawie w całym kraju,
tylko na południowym wschodzie
niewykluczone opady.
Temperatura znacznie się obniży,
za to ciśnienie wzrośnie.

Kolejny dzień
zapowiada się słonecznie,
choć tym, co ciągle żyją

przyda się jeszcze parasol. 

 

© Wisława Szymborska Foundation
Aus: Dwukropek
Kraków: Wydawnictwo a5, 2005

 

Wisława Szymborska (* 02.07.1923, Kórnik, † 01.02.2012, Kraków, Polen) ist eine der bedeutendsten polnischen Dichterinnen. Von 1945-48 Studium der Polonistik und Soziologie an der Jagiellonen-Universität in Krakau. Im März 1945 veröffentlichte sie ihr erstes Gedicht, Ich suche das Wort, im Beiblatt der Tageszeitung Dziennik Polski. Von 1953 bis 1981 schrieb sie für das Krakauer Wochenmagazin Życie Literackie eine Poesie-Kolumne und Bücher-Rezensionen, bekannt als Lektury nadobowiązkowe, später Gazeta o Książkach. Die dort erschienenen Essays sind in mehreren Sammelbänden erschienen. Insgesamt veröffentlichte Szymborska dreizehn Gedichtbände. Postum erschien außerdem der Sammelband Es ist genug, 2012. Ihre Gedichte sind bisher in über vierzig Sprachen übersetzt. Sie selbst war als Übersetzerin hauptsächlich aus dem Deutschen und Französischen tätig. 1991 wurde sie mit dem Goethepreis ausgezeichnet, 1995 erhielt sie den Herder-Preis und den Ehrendoktortitel der Adam-Mickiewicz-Universität in Posen.1996 gewann Wisława Szymborska den Preis des polnischen PEN-Clubs sowie den Nobelpreis für Literatur. 2011 wurde sie mit dem höchsten Ehrenzeichen der Dritten Republik Polens ausgezeichnet, dem Orden des Weißen Adlers. © Fotos: Women Poets; privat

 

 ******

Ilma Rakusa


 

[In den Pausen zwischen den Bäumen: Schnee]

[V prazninah med drevjem: sneg]

In den Pausen zwischen den Bäumen: Schnee
in den Räumen zwischen den Worten: Schnee
in den Mulden zwischen den Häusern: Schnee
in den Gärten zwischen den Zäunen: Schnee
und kalt
in den Teichen zwischen den Kneipen: Schnee
in den Löchern zwischen den Eichen: Schnee
in den Träumen zwischen den Feldern: Schnee
in den Tellern und Falten: Schnee


© Ein Strich durch alles. Neunzig Neunzeiler, Ffm. Suhrkamp Verlag , 1997 


V prazninah med drevjem: sneg
v presledkih med besedami: sneg
v kotanjah med hišami:sneg
v vrtovih med ograjami: sneg
in hlad
v ribnikih med beznicami: sneg
po jasah med hrasti: sneg
v sanjah med njivami: sneg
na krožnikih v gubah: sneg


© Slowenische Übersetzung: Ilma Rakusa & Kajetan Kovič 

 

 

Ilma Rakusa, *1946 in Rimavská Sobota, Slowakei als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen geboren. Frühe Kindheit in

Budapest, Ljubljana und Triest. Ab 1951 in der Schweiz nieder. Volksschule und Gymnasium in Zürich, 1964 Abitur. 1965-1971 Studium der Slawistik und Romanistik in Zürich, Paris und St. Petersburg. 1971 Promotion (Dissertation: Studien zum Motiv der Einsamkeit in der russischen Literatur, Herbert Lang Verlag, Bern 1973). 1971-1977 Assistentin am Slawistischen Institut der Universität Zürich. Ab 1977 Lehrbeauftragte der Universität Zürich. Daneben freiberuflich als Schriftstellerin, Übersetzerin und Publizistin (Neue Zürcher Zeitung, Die Zeit) tätig. Sie übersetzt aus dem Französischen, Russischen, Serbokroatischen und Ungarischen. Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt). Ilma Rakusa lebt in Zürich. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen.
Werke (Auswahl): Wie Winter. Gedichte. Zürich, Edition Howeg, 1977; Die Insel. Erzählung. Frankfurt a. M., Suhrkamp Verlag,1982; Miramar. Erzählungen. Frankfurt a. M., Suhrkamp Verlag, 1986; Farbband und Randfigur. Vorlesungen zur Poetik. Graz, Droschl Verlag, 1994; Ein Strich durch alles. Neunzig Neunzeiler. Frankfurt a. M., Suhrkamp Verlag, 1997; Love after Love. Acht Abgesänge. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag, 2001; Von Ketzern und Klassikern; Streifzüge durch die russische Literatur, Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag, 2003; Durch Schnee. Erzählungen und Prosaminiaturen. Mit einem Nachwort von Kathrin Röggla, Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag, 2006; Garten, Züge. Eine Erzählung und 10 Gedichte. Ottensheim, Edition Thanhäuser, 2006; Zur Sprache gehen. Dresdner Chamisso-Poetikvorlesungen 2005, Dresden, Thelem Universitätsverlag, 2006; Mehr Meer. Erinnerungspassagen, Graz, Droschl, 2009. Link:

www.ilmarakusa.info/

© Fotos: Giorgio von Arb (Porträt); Friedlinde Kazmeier (Ausschnitt - Schwäbische Alb) 
10XII14 

******

Marion Poschmann


winterliche Anwendung mit Teelichtern

zimná aplikácia s čajovými sviečkami 

eine Zartheit befolgt, ein Herzklopfen, beinah
Anordnung (Flageolett):
ein versprengter Frost, ein Stanniol, das
Aufblitzen in den Augen
„wie sich diese unsteten Gegenden nach und nach lossagen von uns“


Imitate und Tarnungen, halber Aufenthalt
wie auf fotokopiertem Schnee (die geheimen
Verstecke: dein einzeln beschlagenes
Brillenglas, ich bin anstandshalber
bald wieder gegangen) und alle Berührungen
fallengelassen: noch rasch
an dich angelehnt


flackernde Orte, ein Herzklopfen
voller Teelichter, leichte Bandagen: ich taste
die Schuhe, die Schneeränder ab
eine Zartheit befolgt, ein paar Fluchtpunkte
sachte verschoben, ich habe die Fingerspitzen lackiert als wären sie winterfest


© Aus: Verschlossene Kammern. Gedichte
Lüneburg: zu Klampen! Verlag, 2002

ISBN: 3933156769 

nasledujúc nežnosť, búšenie srdca, takmer
nariadenie (flažolet):
rozptýlený mráz, staniol,

záblesk v očiach,
„ako tie nestále krajiny od nás
krok za krokom ustupujú“


imitácie a maskovania, polovičný pobyt
ako na skopírovanom snehu (tajné
úkryty: sklá tvojich okuliarov, každé zvlášť
zahmlené, zo slušnosti
som hneď zas odišla) a všetky dotyky
som si odoprela: len som sa o teba
ešte narýchlo oprela


blčiace miesta, búšenie srdca
plné sviečok, ľahké obväzy: nahmatávam
topánky, okraje snehu,
nasledujúc nežnosť, zopár jemne posunutých
úbežníkov, nalakovala som si špičky prstov,
akoby boli mrazuvzdorné


Slowakische Übersetzung: Nóra Ružičková 



Marion Poschmann, *1969 in Essen, Deutschland wuchs in Mülheim an der Ruhr und in Essen auf. Von 1989 bis 1995 Studium der Germanistik, Philosophie und Slawistik in Bonn, ab 1992 in Berlin, 1994 außerdem Szenisches Schreiben an der Berliner Hochschule der Künste. 1997 bis 2003 unterrichtete sie Deutsch im Rahmen des deutsch-polnischen Grundschulprojekts Spotkanie heißt Begegnung. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Berlin und ist Mitglied im P.E.N.

Werkauswahl: Baden bei Gewitter – Roman, 2009: Verschlossene Kammern – Gedichte, 2002; Grund zu Schafen – Gedichte, 2004; Schwarzweißroman, 2005; Hundenovelle, 2008 (alle Frankfurter Verlagsanstalt); Geistersehen – Gedichte, 2010 Suhrkamp Verlag. Viele Stipendien und Preise, zuletzt Ernst-Meister-Preis für Lyrik. Fotos: Gerlach (Porträt); Kasal. 30XI14

 

****** 

Andrés Sánchez Robayna




El Libro, tras la duna I     


 

Das Buch, jenseits der Düne I  

Ahora,
en la mañana oscura del desceñido octubre,
en que, umbroso y en calma, yace el mar
entregado a la pura aquiescencia del cielo,
al deslizarse de las nubes blancas
que un gris ya casi mineral golpea,
marmóreo, dilatado,
ahora,
mientras el tiempo gira
a punto de ser siempre alumbramiento,
sin dar a luz más que el instante cierto
y siempre tembloroso,
y damos vueltas en su vientre ciego,
y entrega solamente
un puñado de arena
que vemos escurrirse entre las manos,
mientras un niño juega,
después de echar los dados,
ahora,
sólo ahora,
el comienzo
comienza.



 

© Andrés Sánchez Robayna
Aus: El libro, tras la duna

Valencia: Editorial Pre-Textos, 2002 


 

Jetzt,
im dunklen Morgen des ungezügelten Oktober,
in dem schattig und ruhig das Meer liegt, hin-
gegeben der reinen Zustimmung des Himmels,   dem Hingleiten der weißen Wolken,
an die ein Grau stößt, fast schon mineralisch,
marmorn, weithin,
jetzt,
während die Zeit kreist,
nahe daran, immer Geburt zu sein,
nichts als den Augenblick zur Welt zu bringen, den wahren und ständig zitternden,
und wir uns drehen in ihrem
blinden Leib,
und sie nichts hergibt als
eine Handvoll Sand,
den wir rinnen sehen durch unsere Finger,
während ein Kind spielt,
nach seinem Würfelwurf,
jetzt,
erst jetzt,
beginnt
der Beginn.




Aus dem Spanischen von Elke Erb 


 

Andrés Sánchez Robayna, *1952 in Las Palmas /Spanien, ist Doktor der Hispanischen Sprachwissenschaft und seit 1995 Professor für Spanische Literatur an der Universität La Laguna/ Teneriffa. Er ist Vorstandsmitglied des Instituts für Kanarische Studien der Universität La Laguna und Präsident der Abteilung für Bibliographie ebendort. Er war Gründer der Zeitschriften Literradura - Barcelona, 1976 und Syntaxis - Teneriffa, 1983-93 und leitete verschiedene Verlagsreihen. Seit 1970 publiziert er zahlreiche Gedichtbände. Seine Lyrik wurde u.a. ins Englische, Französische, Deutsche und Italienische übertragen. Er lebt in Tegueste / Spanien. Bild: Paul P. und Katja S.

17X2014 

******

Georg Trakl 

 

Grodek

Grodek

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder

Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen

Und blauen Seen, darüber die Sonne

Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht

Sterbende Krieger, die wilde Klage

Ihrer zerbrochenen Münder.

Doch stille sammelt im Weidengrund

Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt

Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;

Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.

Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sterne 
Es schwankt der Schwester Schatten durch                                            den schweigenden Hain,

Zu grüßen die Geister der Helden, die                                                           blutenden Häupter;

Und leise tönen im Rohr die dunklen Flöten                                                  des Herbstes.

O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein                                             gewaltiger Schmerz,

Die ungebornen Enkel.

 

Navečer znějí podzimní lesy

smrtícími zbraněmí, zlaté roviny

a modrá jezera, nad nimi se valí

temnějí slunce; noc v objetí svírá

umírající válečníky, divoký nářek

jejich rozbitých úst.

Však tiše kupí se ve vrbách

rudá mračna, v nichž přebývá rozezlený Bůh,

prolitá krev, mesíční chlad;

všechny cesty ústí do černé zkázy.

Pod zlatým větvovím noci a hvězd

stín sestry blíží se mlčenlivým hájem

pozdravit duchy hrdinů, krvácející hlavy;

a tiše v rákosí znějí temné flétny podzimu.

Ó hrdější smutku! vy oltáře z kovu,

horoucí plamen ducha živí dnes mocná                                                                bolest,

nenarození vnuci.  


 

 

Grodek ist ein Gedicht von Georg Trakl, das die Erinnerung an den gleichnamigen Ort Gródek in Ostgalizien (in der heutigen Ukraine: Horodok/Gorodok) wachhält: Es entstand nach der erbitterten Schlacht bei Gródek am 8. September 1914, in der die österreich-ungarische Armee gegen die schließlich siegreichen russischen Truppen kämpfte. Trakl war zum ersten Mal als Sanitäter eingesetzt. Die entsetzlichen Erlebnisse, vor allem aber der Rückzugsbefehl am 11.09.1914, ließ das Kämpfen und das Sterben der Soldaten vollkommen sinnlos erscheinen. Die vorliegende Fassung des Gedichts ist die zweite Version. Die erste ist nicht erhalten. Erstveröffentlichung, September 1914, in: Der Brenner. s. hier auch: Georg Trakl

Tschechische Übersetzung, aus: Radek Malý: Držíce v drzých držkách cigarety. Malá antologie poezie německého expresionismu. Praha: BBart, 2007

vgl. auch die Übersetzung von Ludvík Kundera: Haló je tady vichr-vichřice! Expresionismus. Praha: Československý spisovatel, 1969. Foto: 1. Weltkrieg, 1918, Galerie Bilderwelt


****** 

Klaus Merz


Leoš Janáček Piano Sonata 1. X 1905, From The Street 

Die Brünner Mädchen

         

The Brünner Girls

Aus den Alben geschnitten
liegt die Kindheit verstreut
auf dem Stubentisch. Zum
Unvergessenen gesellt sich
das stete Entgleiten.

Aufgehoben in Ivan Blatnys*
späten Gedichten fahren wir
mit ihm zum Friedhof hinaus
die Brünner Mädchen winken
wir grüßen zurück:


Der Schwermut sich beugen
und leicht werden dabei.  


© Aus dem Staub

 

Snipped out of the albums,
childhood scattered
on the living room table.
The constantly-fading-away
accompanies the unforgotten.

Preserved in Ivan Blatny's
late poems, we drive
out to the cemetery with him.
The Brünner girls wave:
we greet them back.

To bow down to melancholia
and become lightened on the way.


Ins Englische übersetzt von Marc Vincenz: 

www.asymptotejournal.com



Klaus Merz, *1945 in Aarau, lebt in Unterkulm, Schweiz. Sein Werk umfasst über dreißig Gedicht- und Prosabände. Er hat Hörspiele und Drehbücher geschrieben und Texte für Zeitschriften verfasst. Sein letzter Roman Der Argentinier ist 2009 im Haymon Verlag erschienen, das Gedicht wurde dem Band Aus dem Staub (Haymon Verlag, 2010) entnommen. Merz wurde u.a. mit dem Hermann Hesse-Literaturpreis und 2012 mit dem Friedrich Hölderlin-Preis ausgezeichnet.

 

* Zu Ivan Blatný: http://www.korrespondenzen.at/Pdf/Blatny/Ivan%20Blatny%20-%20Alte%20Wohnsitze.pdfhttp://www.planetlyrik.de/ivan-blatny-landschaften-der-neuen-wiederholungen/2010/08/

10VIII14


******

Helwig Brunner


 

Ein Lerchenaufschwung
Pēteris VASKS: Streichquartett No. 4


Vzlet škovránkov
Pēteris VASKS: sláčikové kvarteto No. 4


Ein Lerchenaufschwung intoniert,
ein Firnis Landschaft vors Auge gemalt,
eine Wolkenhelligkeit vorgeführt:
unsere durchsichtigen Ränder
sind schwer zu bestimmen,
im wechselnden Lichtfall
wechseln auch sie.


Wären die Richtungen klarer,
wüssten wir vergeblich,
was wogegen sich setzen ließe.
So aber kann nur Fürsprache sein:
für die Schritte in der Zeit,
für die vorläufigen Ausdeutungen
von Stimme zu Stimme,


Dinge von augenblicklichem Bestand,
solange noch jemand das Vergessen
lächelnd vor sich herträgt
wie ein Gedächtnis.


© H.B., unveröffentlichtes Manuskript


Vzlet škovránkov intonuje,
Fermežová krajinka namaľovaná pred očami,
Predvedená svetlosť oblakov:
Naše priehľadné okraje
Sa ťažko určujú,
V meniacom sa svetle
Sa menia aj oni.


Keby boli smery jasnejšie,
Vedeli by sme zbytočne,
Čo sa dá postaviť oproti čomu.
Ale takto to môže byť len prihovorenie sa:
Za kroky v čase,
Za dočasné výklady,
Hlasom k hlasu,


Veci v okamžitej existencii,
Kým ešte niekto zabudnutie
S úsmevom nesie so sebou
Ako pamäť.


Slowakische Übersetzung: Svetlana Žuchová  



Der Österreicher Helwig Brunner, *1967 in Istanbul, hat Musik und Biologie studiert. Er lebt als Biologe und Autor in Graz, schreibt vor allem Lyrik, daneben Kurzprosa, Essays, Rezensionen sowie fach- und populärwissenschaftliche Texte. Helwig Brunner ist Mitherausgeber der Grazer Literaturzeitschrift Lichtungen und Herausgeber der Buchreihe keiper lyrik. Er ist Geschäftsführer eines ökologischen Planungsbüros und lebt in Graz, Steiermark. Werke: Gelebter Granit. Haiku, Senryu, Tanka. Graphikum, Göttingen 1991; Auf der Zunge das Fremde. Gedichte. Leykam, Graz 1996; Gehen, schauen, sagen. Gedichte. Steirische Verlagsgesellschaft, Graz 2002; Aufzug oder Treppe. Gedichte, Anagramme. Grasl, Baden bei Wien 2002; grazer partituren. Gedichte. Steirische Verlagsgesellschaft, Graz 2004; Rattengift. Erzählungen. Kitab, Klagenfurt 2006; Nachspiel. Roman. Kitab, Klagenfurt 2006; Die Zuckerfrau. Roman. Leykam, Graz 2008; Süßwasser weinen. Gedichte. Sonderzahl, Wien 2008; Schuberts Katze. Musikgedichte. Edition Thurnhof, Horn 2009; Vorläufige Tage. Gedichte. Leykam, Graz 2011; gemacht/gedicht/gefunden. über lyrik streiten. Droschl, Graz 2011 (gemeinsam mit Stefan Schmitzer); Die Sicht der Dinge. Rätselgedichte. edition keiper, Graz 2012; Die Kunst des Zwitscherns. Essays. Residenz, St. Pölten 2012 (gemeinsam mit Kathrin Passig und Franz Schuh). Website: 

http://helwigbrunner.jimdo.com/

  12VI14


******

Oleh Kozarew 


ДВОБІЙ У ГОРИЗОНТАЛЬНИХ ПЛОЩИНАХ

Zweikampf auf den horizontalen Flächen

Крапає теплий дощ на мозаїку,
Де застигли в польоті з мечами
Міцні й рішучі чоловіки.
Одразу видно, що це той самий
Драматичний двобій свободи і рабства,
Якого вчить нас всесвітня історія,
Обережно йдіть, не наступіть на героя!
Та надходить вода, ледь сірувата,
Мінить обриси, стяги й мечів барви,
Історія –
Помилилася,
Мозаїку 
Ускладнено:
Ваш вибір насправді – між рабом і дебілом,
І в кожного, що характерно, свої переваги,
Дебіл усміхатися краще вміє,
А раб пристосованіший
До марафонських дистанцій




© Oleh Kozarew

Warmer Regen tropft auf das Mosaik,
Darin starke und entschlossene Männer mit Schwertern
reglos im Flug verharren.
Sofort sieht man, dass es dieser
Dramatische Zweikampf zwischen Freiheit und                                                                           Sklaverei ist,

Den uns die Weltgeschichte lehrt,
Laufen Sie vorsichtig, treten Sie nicht auf den Helden!
Dann kommt Wasser, leicht gräulich,
Ändert die Formen, die Streifen, die Farben der         Die Geschichte                                     /Schwerter    
Hat sich geirrt,
Das Mosaik
Ist kompliziert geworden:
Sie haben eigentlich die Wahl zwischen Sklave und  Und jeder hat natürlich seine Vorteile,         /Trottel

Der Trottel kann schöner lächeln
Und der Sklave ist besser angepasst
An die Marathonstrecken.



 Übersetzt von Claudia Dathe  


Oleh Kozarew, *1981 in der Ukraine, hat bisher eine Gedichtsammlung Das Kurze und das Lange veröffentlicht, für die er allerdings schon zwei wichtige ukrainische Literaturpreise, z. B. den des Verlags Smoloskyp im Jahr 2003, erhalten hat. Kozarews Gedichte wurden in sieben Sprachen übersetzt. Er lebt in Charkiw, Ukraine. 

10IV12




                                                              ******                                                   Mario Wirz 


 

Nächtlicher Törn

 

Noční plachtění

 

der Wind in deinem Traum
bläht die 
Gardinen zum Segel
reißt alle Dinge die wir gesammelt haben
von ihrem Platz
im furchtsamen Licht der Nachttischlampe
suche ich vergeblich unsere Rettungswesten
hohe Wellen schlagen über deinem Schlaf
die Nacht auf die Seite des Mondes
vielleicht wärest du lieber als
Einhandsegler unterwegs
unbeschwert von meinen Ängsten
auch diese Frage werfe ich jetzt
über Bord
steige vorsichtig in deinen Traum
und folge seinem Kurs
das Meer das ich nicht gefragt habe
in all den Jahren
denkt sich in unserem Schlaf
eine neue Geschichte aus

 

 

© Aufbau Taschenbuchverlag
Aus: Sieben Leben hat die Woche
Erschienen: 2003, Aufbau Verlag

 

ten vítr ve tvém snu
nadouvá záclony co plachty
vše co jsme nastřádali
zpřevrací
v plachém světle stolní lampy
marně hledám záchranné vesty
vysoké vlny přes tvůj sen se valí
noc na náměsíčné straně
snad bylo by ti lépe
plavit se samojediná
neobtěžkaná mými strachy
i tuto možnost nyní házím
přes palubu
vkrádám se opatrně do tvého snu
a sleduju jeho kurs
moře na něž jsem se nezeptal
po celá léta
vymýšlí v našem snu
neznámý příběh

 

 

© Preklad: Michal Kovar  

 

 

Mario Wirz, *1956 in Marburg an der Lahn, nach dem Abitur Schauspielausbildung in Berlin. Engagements als Schauspieler und Regisseur, Arbeit als Theaterautor bis 1987, diverse Uraufführungen. Seit 1988 freier Schriftsteller. 1991 Erster Preis des P.E.N.-Clubs Liechtenstein, 1997 Förderpreis des Landes Brandenburg. Zahlreiche Veröffentlichungen. Übersetzungen der Gedichte für Zeitschriften und Anthologien in Frankreich, Ungarn, Griechenland, den U.S.A., Polen und der Ukraine. Bereits 1984 wurde Wirz mit der positiven HIV-Diagnose konfrontiert. Fortan hat die Krankheit sein Leben, aber auch seine literarischen Texte geprägt: Es ist spät, ich kann nicht atmen. Ein nächtlicher Bericht, 1992 im Aufbau Verlag Berlin erschienen, hat für Aufsehen gesorgt, denn dieser Band brach mit Tabus und holte das Thema Aids in die Literatur. Über zwei Jahrzehnte schrieb er gegen seine Krankheit an, am 30. Mai 2013 starb er in Berlin. 

26II14


******

Andriana Škunca 


Kako sve brzo zaboravlja

 

   

Wie schnell sie alles vergisst

 

Kako joj nečujno prolazi, majka namata vrijeme na štap,
razvlači ga u hodu. Doziva iz raznih udaljenosti, provjerava,
pita. I dok šeta, štap je ticalo kojim ispituje - gleda.
Kako sve brzo zaboravlja, neprestano ponavlja isto: kako,
kada, zašto? Sadašnjost protječe kroz nju kao nešto neprisutno.
Sve čega se sjeća dolazi iz djetinjstva i nekih budućih predjela.
O tome nam priča svagda isto.
Kad se uspinje stubištem, vrijeme za njom zamata nevidljivi sag. Sa svake
stube pita: - Jesi doli? - Jesi li dolika?
Nikoga. Ništa.

 

 

© Andriana Škunca
Aus: Pomaci, tišine. Erschienen: 1981, Nakladni zavod Matice hrvatske

   

Damit sie lautlos vergeht, wickelt die Mutter die Zeit um den Stock, 
dehnt sie beim Gehen. Ruft von nah und fern, prüft, fragt.
Und während sie geht, ist der Stock ein Fühler, mit dem sie alles untersucht - schaut.
Da sie alles schnell vergisst, wiederholt sie ständig dasselbe:
Wann, wie, warum? Die Gegenwart fließt durch, als sie nicht da.
Alles, woran sie sich erinnert, kommt aus der Kindheit und aus Bereichen des Künftigen. Davon erzählt sie uns immer dasselbe.
Steigt sie die Treppe hinauf, rollt die Zeit hinter ihr einen unsichtbaren Teppich ein. Bei jeder Stufe fragt sie: Bist du da unten? Bist du unten?
Niemand. Nichts.

 

 

Aus dem Kroatischen von Matthias Jacob  

 

 

Andriana Škunca, *1944 in Bjelovar, stammt aus Novalja auf der Insel Pag, wo sie ihre Kindheit verbrachte und heute noch einen Teil des Jahres lebt. Studium der Jugoslawische Sprachen und Literaturen und der Literaturwissenschaft an der Philosophischen Fakultät der Universität Zagreb. Viele Veröffentlichungen und Preise. Ausstellungen ihrer Fotografien. – Škunca schreibt Literaturkritiken und poetische Notizen über bildende Künstler und arbeitet als Redakteurin der Bibliothek Kairos des Kroatischen Universitätsverlags / Hrvatska sveučilišna naklada und der Zeischrift Europski glasnik/Messager européen. Infos. lyrikline.org.

25II14




******

Péter Zilahy


   

Egy angyal

 

    

Der Engel

akkor jön
hallani szárnysuhogását
biztos mozdulatokkal
húzza le a takarót
már tizenkilenc éve
hogy minden éjjel
feldúlja az ágyam
alaposan végigkutat
végül a hátamra ül
és töpreng
rakosgatja hideg lábait
ha megmozdulok elrepül
ha elrepül megmozdulok

 

 

Aus: Lepel alatt ugrásra kész szobor (Statue Under A White Sheet Ready To Jump)
Erschienen: 1993, Pesti Szalon. © Peter Zilahy

 

erscheint
ich höre das Heranrauschen der Flügel
mit geübtem Griff
schlägt er die Decke zurück
neunzehn Jahre geht es nun schon
dass er jede Nacht
mein Bett zerwühlt
und mich sorgfältig untersucht
schließlich setzt er sich auf meinen Rücken
grübelt
und ordnet seine kalten Beine
bewege ich mich fliegt er davon
fliegt er davon bewege ich mich

 

 

© Übersetzung: Gerhard Falkner und Orsolya Kalász

 

 

Péter Zilahy, ungarischer Prosa-Autor, Lyriker, Performer und Fotograf, *1970 in Budapest. Studium der Philosophie und Kulturwissenschaften. 1995–1998 Dozent an der BME–Universität, von 1997–1999 Chefredakteur des ungarisch-englischen Internet-Magazins Link Budapest, seit 1998 Herausgeber der International Series bei JAK-Books, einer internationalen Debütreihe (die u.a. Pelevin, Ian McEwan, Arnon Grunberg, Ingo Schulze, Jenny Erpenbeck und Kathrin Röggla verlegt). Auf Deutsch erschien 2004 sein Roman Die letzte Fenstergiraffe (Original: Az utolsó ablakzsiráf, 1998, Ab Ovo-Verlag), ein etwas anderes Alphabet über die europäischen Revolutionen, in der Übersetzung der Schriftstellerin Terézia Mora. 2008– 2009 war er Stadtschreiber von Graz. Zilahy lebt in Budapest. 

09I14 


******

Jonáš Hájek


 

 

CZ 


Miska tekutého ohně: tak – přibližně –
vypadal kulový blesk tehdá na chalupě.
Na vteřinu jsme strnuli hrůzou a první
krůpěj studeného potu perlila na čele.

A kulový blesk plul místností (i kolem
košíků) tak krotce a ohleduplně, zvlá-
dnuté ego mi zpětně připomíná ten jeho
horký, klidný pohyb, zvládnuté ego při

silvestrovských piškvorkách, no nevím.
Tak náš milý blesk plul a plul a plul,
říkal nám „v IKEA jsou nás tisíce“, až
jsme pocítili lítost, že by mohl chtít

pryč.
Zmizet
jak
anonymní

hacker zamilovaný do sousedky, vypařit
se cestou hada, klikatě – zřejmě – jak
rychlovlak vyslaný na průzkumnou dráhu
(fujtajbl!) okolo hranic naší zahrady.

 

 

© Jonáš Hájek. Audioproduktion: renshi.eu@ poesiefestival berlin 2012

Tschechien 


Eine Schüssel flüssigen Feuers: so – ungefähr –
sah in dem Ferienhaus damals der Kugelblitz aus.
Kurz waren wir starr vor Schreck und der erste
eiskalte Schweißtropfen erschien auf der Stirn.

Und wie der Kugelblitz (sogar die Brotkörbchen
umkreisend) so zahm und rücksichtsvoll durch den Raum schwamm, rief seine ruhige, heiße Bewegung
mir im Geist das beherrschte Ego zurück, das be-

herrschte Ego beim Silvester-Tic-Tac-Toe, na ja.
So schwamm und schwamm unser lieber Blitz,
uns „bei IKEA sind unser Tausende“ sagend, bis
uns fast Wehmut beschlich, er würde vielleicht

weg wollen.
Verschwinden
wie
ein anonymer

in die Nachbarin verknallter Hacker, abzischen
auf Schlangenart, im Zickzack – offenbar – wie
ein (pfui Teufel!) zu Spionagezwecken ringsum
um unsere Gartengrenze herum geschickter D-Zug.
 



© 
Übersetzung aus dem Tschechischen von Christa Rothmeier 


Jonáš Hájek, *1984 in Prag, ist ein tschechischer Dichter und Musiker. Er hat Musik studiert, spielt Cello und gewann 2007 den Jiří Orten-Preis für seinen Gedichtband Suť. Er lebt in Prag.

 



22XII13

 


******

Renáta Berkyová 



 

So eine...                                                                  

rosa

wie ein Rock vom Markt -

doch zu groß und billig für die schmale Taille

sagen die anderen.


Wie Pappeln entlang eines Flusses

und die Stille summt im Wind

ihr Lied

über Liebe und Unschuld.


Quirlig und glitzernd

ein See am Morgen,

der ein Zeichen in den Augen hinterlässt,

dass sie etwas wert war.


Wie eine trockene Scheibe Brot,

wenn du nichts hast,

ein wehmütiges Lied.

Wenn du nichts mehr weißt...


Rosa

(wie Träume)

ist die Zigeunerseele.

Taká ...

ružová

ako sukňa z tržnice -

vraj priveľká a lacná do štíhleho drieku

v očiach iných.


Ako topole, čo lemujú rieku

a ticho šumia vo vetre

tú svoju

o láske a nevinných.


Nestála a ligotavá

hladina jazera z rána,

čo necháva v očiach znamenie,

že za niečo stála.


Ako suchý krajec chleba,

keď niet čo,

clivá pieseň,

keď nie je kam...


Ružová

(ako sny)

je cigánska duša.

 


Renáta Berkyová, *1985 in Rimavská Sobota, Slowakei studiert Roma-Studien an der Karlsuniversität Prag und arbeitet momentan bei der Stiftung OSF. Dank des Milena Hübschmannová-Preises 2006 wurden ihre Gedichte bekannt; sie wird regelmäßig zu Lesungen und Festivals zeitgenössischer Poesie eingeladen.

Veröffentlichungen u.a.: Steklá, Radka – Balážová, Jarmila (Hrsg.): To nej – z Literární ceny Mileny Hübschmannové, Romea, Praha 2007. Sammelband der mit dem Milena Hübschmannová-Preis ausgezeichneten Werke.

Rozsvieť / Mach das Licht an, in: Plav 11/2011 mit Pavla Cicková

Brišind, in: Otcův duch a jiné pohádky romských autorů, Kher, Praha 2012

© Veronika Patočková (Hrsg.): Roma-Autoren erzählen... Kurzgeschichten und Gedichte aus Ungarn, Tschechien und der Slowakei, 154 S., brosch., Roma Trial e.V., Berlin 2013, 4,00 Euro, ISBN: 978-3-00-043704-5 oder bestellen über: www.romatrial.org. Bild: Marie Kasal. s. auch: Termine im November 2013 

07XI13


*****

Katarína Kucbelová 



raz prestanem dýchať

einmal höre ich auf zu atmen

 

potreba ísť za hranicu


prítomnosti
logiky
sily pochopiť


stále prítomná túžba
po úplnom vyčerpaní
konflikte


rastie
paralelne
priamo úmerne

 

dávka sily
potrebná na prežitie

 

ktorého nemusím byť svedkom
len súčasťou

 

prežiť konflikt
látkovú premenu

  

vyjsť v inej forme

 das bedürfnis hinter die grenzen zu gehen

 

von gegenwart
logik
verstandeskraft

 

das immerwährende verlangen
nach vollkommener erschöpfung
nach konflikt

 

wächst
parallel
direkt proportional


genau die dosis kraft
die nötig ist fürs überleben

 

dessen zeuge ich nicht sein muss
lediglich bestandteil

 

den konflikt überstehen
die stoffe sich wechseln lassen

 

herauskommen in veränderter form  

 

 

© Katarína Kucbelová, Übersetung aus dem Slowakischen: Clemens Franke; Foto: Katja Schickel

 

Katarína Kucbelová, *30.11.1978, Banská Bystrica, Slowakei, lebt in Bratislava. Sie veröffentlichte mehrere Gedichtbände:Duály (2003) und Šport (2006). Eine Auswahl ihrer Gedichte findet sich auch in A Fine Line, The Arc Antology of New Poetry from Eastern and Central Europe (2004) und in Slowakische Anthologie (2006) sowie in verschiedenen anderen Zeitschriften und Anthologien in der Slowakei, im Ausland und unter .lyrikonline.org. Sie arbeitet als Kulturmanagerin und organisiert den Literaturpreis Anasoft literasowie das internationale Literaturfestival Ars litera in Bratislava.Das hier ausgewählte Gedicht, in der Übersetzung von Clemens Franke, fanden wir bei www.novinki.de 

03X13 


*****

Petr Borkovec 



Doma

 

Západ. Keř po keři plál. 
Vždy jeden tón. Vysoký. Podrážděný.
Vzduch kolem silnice. Sytý jak stěny.
Hrušně se leskly. Stál jsem. Pak
tma jako fistule trnula nad krajinou,
vylétl reflektor, bleskové kino:
osiky byly jak z alpaky.

 

 

Silnice – černé vlny, profily a desky,
a promítání černobílé humoresky,
nic nechci, jen se dívat, dívat, dívat,
stržen – ale jen jako divák.

 

Ztratit se věcem, ztratit věci.
Ztratit se krajině, ztratit krajinu.
Psát oči.

         

Daheim

 

Sonnenuntergang. Strauch um Strauch entflammt.
Immer nur ein Ton. Hoch. Aufgebracht.
Die Luft entlang der Straße. Dicht wie eine Wand.
Die Birnbäume glänzten. Ich stand da. Dann,
starr wie eine Fistelstimme hing Finsternis über dem Land,
das Licht eines Scheinwerfers flog empor, ein Kino

aus Blitzen, die Espen waren wie aus Alpaka.

 

Die Straße – schwarze Wellen, Profile und Platten,
eine Stummfilmgroteske in Schwarz-Weiß,
ich will nichts, nur schauen, schauen, schauen,
hingerissen – doch wie ein Zuseher nur.

 

Sich an die Dinge verlieren, die Dinge verlieren.
Sich an die Landschaft verlieren, die Landschaft verlieren.
Augen schreiben

 

 

  

Aus: Petr Borkovec, Feldarbeit. Gedichte. Zweisprachig. Aus dem Tschechischen von Christa Rothmeier.
Erschienen: 2001, Edition Korrespondenzen
09IX13

 

 

 

 

 

 

 




 



Tweet