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IN THERESIENSTADT

Wie organisiert man das sog. Alltagsleben? Als junge Frau? Was machen Sie?

ER: Darüber habe ich ja jeden Tag geschrieben. Wir waren jung, und wenn man jung ist, ist alles viel einfacher. Wir hatten uns bemüht, wieder aus dem Ghetto, nein, wenigstens aus den Kasernen heraus zu kommen. Als ich mich zur Landwirtschaft gemeldet habe, war das unter diesen Umständen wahrscheinlich das Beste. Man konnte die Kaserne verlassen, und man konnte Theresienstadt verlassen. Das war für uns das Wichtigste. Dass man sich wieder ein bisschen frei fühlen konnte. In den Kasernen war man wirklich eingesperrt, man konnte nichts machen. Das war dann auch für alles, für die Laune nicht gut. Das war für Depressionen, ja. In einer Kaserne zu leben hieß, auf 20 qm waren ungefähr 40 Leute. Zuerst waren wir auf dem Boden, auf Stroh, später hat man daraus Strohsäcke gemacht, 70 cm breit, 1,80 lang. Das war unser Platz. Alles was man hatte, musste auf diese 70 x 1,80 Meter. Unter den Strohsäcken waren die Koffer, die Decken, und alles musste man auf diesem einen Platz unterbringen. Das war ziemlich kompliziert.

 

 

Wie war das in Prag, sie müssen in diesen Transport und Sie müssen packen, waren das 70 Kilo? Alles wird gewogen...

ER: Das war eine Komödie, das waren nie 70 Kilo, ständig hat man uns etwas weggenommen...

Was haben Sie denn eingepackt? Was war Ihnen wichtig?

ER: Das war ja das Schlimmste. Man musste eigentlich alles liquidieren. Alles aus der Wohnung mitnehmen, von dem man glaubte, man würde es brauchen können, warme Sachen, genug Schuhe - und man hat sich nicht vorstellen können, wie das dort aussehen wird. Aber man hat sich das überhaupt nicht vorgestellt. Dass man in der Früh eine schwarze Brühe bekommen würde, das war ja kein Kaffee, mittags eine Suppe, wo etwas in der Suppe geschwommen ist, Rüben oder so etwas, und abends wieder Kaffee. Einmal in drei Tagen hat man noch ein Stück Brot bekommen. Das musste man sich einteilen. Man konnte sich das vorher nicht vorstellen, wie man davon leben kann. Aber man konnte.


EINE FRAGE DER MORAL

Eine wichtige Sache war auch, wie Leute sich in dieser Not verhalten haben. Ein großer Unterschied, wie Leute sich unter solchen Bedingungen ändern. Dort habe ich z. B. ein Mädchen gefunden, mit der ich sehr befreundet war. Und wir haben uns immer bemüht, in der Küche schöne Augen zu machen, damit wir noch eine Suppe bekommen oder sonst etwas. Dieses Mädchen hat mich dann bestohlen. Sie war wie eine Schwester für mich, wir waren gut befreundet, haben viel zusammen gelacht, uns unterhalten, uns bemüht, das Leben erträglicher zu machen. Und dann habe ich festgestellt, dass meine Uhr verschwunden war. Mir ist gar nicht eingefallen, dass die jemand gestohlen hat. Ich dachte, ich habe sie irgendwo verloren. Dann habe ich festgestellt, dass meine Schwester, Freundin auch anderen Leuten Sachen gestohlen hat. Das war für mich eine unglaubliche Enttäuschung, dass jemand lacht und sich unterhält und eigentlich ein Dieb ist. Aber: Sie war frisch verheiratet, bevor sie in den Transport gegangen ist. Ihr Mann musste in den Transport, und sie ist freiwillig mit ihm gegangen Sie war eine junge Frau, und sie hat gesehen, dass ihr Mann Hunger hatte und wollte ihm helfen. Also ist das eine schreckliche Sünde, jemand zu bestehlen, um dem Mann etwas Brot zu besorgen? Das ist schwer zu sagen. Ich weiß nicht. Aber ich konnte es nicht verstehen, dass jemand, mit dem ich so gut war, meine Mutter hat alles zwischen uns geteilt, wir waren von früh bis abends zusammen – und dann bestiehlt sie mich. Auf der anderen Seite musste ich sie ja verstehen, dass sie dem Mann, den sie so geliebt hat, helfen wollte. Sie wusste nicht, wie sie ihm etwas zu essen besorgen konnte, also hat sie gestohlen.

Wenn es darum geht, dass man sich und die Familie jeden Tag neu überleben lassen will, dann ist man ja im Grunde gezwungen, etwas zu tun. Sie sagen: In der Küche schöne Augen machen. Das ist eine kleine Sache, ein bisschen Verführung, aber das geht dann eben vielleicht auch weiter, um etwas mehr zu bekommen.

ER: Ja, das kann sich niemand vorstellen, was das bedeutet, Hunger zu haben, niemand, der das nicht selbst erlebt hat. Bis heute bin ich nicht imstande, ein Stück Brot wegzuwerfen. Mich stört das, wenn ich sehe, wie in Amerika Unmengen von Essen weggeworfen werden. Wer wirklich einmal Hunger hatte, ist nicht imstande, Essen wegzuwerfen. Das habe ich auch meinen Kindern gesagt und allen Leuten. Und die wiederum können nicht verstehen, was es bedeutet, Hunger zu haben.

KS: Gott sei Dank, vielleicht...

ER: In einem Artikel stand, dass man sogar einem Hund das Fressen weggenommen hat. Wenn man wirklich Hunger hat, ist man bereit, auch dem Hund das Essen zu stehlen. 

Kommt ja häufiger vor: Kartoffeln, die eigentlich für die Schweine sind oder die Abfälle für die Gänse...

ER: Ja, überhaupt: Sich immer Essen besorgen zu müssen.. Meine Mutter war als Krankenschwester bei alten Leuten, und sie hat ihnen das Essen aus der Küche gebracht. Und manchmal wurde das Essen nicht ganz aufgegessen, etwas auf dem Teller gelassen. Und wir waren glücklich, dass sie nicht alles aufgegessen haben. Meine Mutter hat mir diese Reste mitgebracht, und wir haben dann zusammen gegessen, was die alten Leute übrig gelassen hatten. Jetzt würde mich stören, etwas zu essen, was jemand auf dem Teller übrig gelassen hat. Aber damals war uns das ganz egal. 

Später, mit Karel sind Sie ja auch immer am Organisieren. Das Schleusen von allen möglichen Sachen wird ja auch von Ihnen betrieben.

ER: Ich war nie sehr unternehmungslustig im Schleusen. Ich war nicht sehr geschickt, und nicht sehr bereit, etwas zu organisieren. Natürlich habe ich es gemacht. Ich hatte allerdings das Glück, dass ich damals schon keinen wirklichen Hunger mehr litt. 

Hatte das damit zu tun, dass Sie in der Landwirtschaft gearbeitet haben?

ER: Ja, die Landwirtschaft hat auch viel geholfen. Wir haben die Möglichkeit gehabt, auf den Feldern etwas mitzunehmen, das beschreibe ich auch, was wir damals alles in die Hosen gesteckt haben. Eine Zeitlang habe ich auch bei den Ziegen gearbeitet, ich mochte keine Ziegenmilch, aber meiner Mutter hat das sehr geholfen, jeden Tag ein kleines Fläschchen Ziegenmilch. Die ist angeblich sehr gesund. Und sie hat sie sehr gerne getrunken. Da war man bereit, alles zu machen, nur um Hunger zu stillen.


LÜGEN 

Sie haben ja auch über diese Verschönerungsarbeiten geschrieben, eine große Propagandalüge...

ER: Ja, das war wirklich eine große Komödie. Es sollte eine internationale Gruppe vom Roten Kreuz kommen, und denen wollte man zeigen, wie schön es dort ist und wie gut alles funktioniert und wie glücklich die Leute sind. Das war eine Lüge von A bis Z.

Die wurde allerdings gut vorbereitet...

ER: Aber es musste ihnen doch klar sein, dass das nicht richtig sein konnte. Aber sie wollten nicht sehen. Das waren wahrscheinlich Leute, die sich irgendwelche Vorteile von den Deutschen versprachen. Sie haben dann geschrieben, was die Deutschen lesen wollten.

Es sind auch viele Juden aus Deutschland gekommen. Denen hat man versprochen, dass sie in ein sehr luxuriöses Altersheim kommen. Sie sind in ihren besten Anzügen, in Lackschuhen gekommen, in ausgesuchter Kleidung. Man hat ihnen eigene Zimmer versprochen. Die waren vollkommen uninformiert. Sie sind gekommen und hatten sich nicht vorstellen können, was sie da jetzt sahen. Das hatte mit den Versprechen nichts zu tun. Die waren so unglücklich und litten auch den größten Hunger. Die Deutschen haben mir leid getan. Sie haben rund um die Kessel und Fässer, in denen das Essen war, alles ausgekratzt, jeden Rest. Das konnte niemand mehr essen. Da war nichts. Und wenn, war es verdorben. Sie haben auch Schalen von Kartoffeln gegessen, rohe Schalen. Das war furchtbar. Sie hatten schrecklichen Hunger.

Wenn sie gekommen waren und gedacht hatten, das wäre so ein luxuriöses Heim, dann hatten sie doch auch dementsprechende Sachen dabei. Konnte man damit nichts anfangen, tauschen?

ER: Einigen gelang das, den meisten aber nicht. Sie hatten nur das Beste mitgenommen. Niemand hatte sie informiert, was wirklich ist. Sie hatten keine Ahnung, wohin sie gehen. Wenn man sie informiert hätte, wohin sie gehen, hätten vielleicht viele abgelehnt zu gehen, hätten eher Selbstmord begangen. Man wollte aber, dass sie sich darauf freuen, in ein gutes Altersheim zu kommen. Das waren ja meistens alte Menschen, und die meisten sind an Hunger gestorben. Es gab tschechische Köche, die haben sich hie und da bemüht, uns etwas mehr zu geben, auch meine Mutter hatte sich zum Kartoffelschälen gemeldet. Das war die Möglichkeit, sich ein Paar Kartoffeln in die Strümpfe oder die Schuhe zu stecken, irgendwie an Möglichkeiten zu kommen. Aber die Deutschen hatten keine Möglichkeiten. Sie konnten nicht arbeiten. Sie waren zu alt. Gebrochen. Niemand hat ihnen geholfen. Die Köche haben am ehesten uns geholfen, wenn sie die Gelegenheit hatten. Aber die Deutschen waren noch viel schlimmer dran als wir. Sie sind wirklich von einem Zimmer zum anderen gegangen und haben gebettelt um paar Kartoffelschalen. Sie waren schrecklich hungrig. Sie waren auch kranker als die anderen. Vom Schmutz bekam man ja auch verschiedene Krankheiten.

Es gab Typhus, Ruhr...

ER: Die Krankheiten verbreiteten sich, und diese Menschen hatten einfach keine Kraft, sich dagegen zu wehren. Dann gab es immer mehr Ungeziefer, keine Möglichkeit, sich zu reinigen, Wäsche zu waschen, das war alles sehr kompliziert.


Waschen, wie funktionierte das eigentlich?

ER: Als ich hingekommen bin, waren einige Jungen, die ich noch von Prag gekannt habe, die mich gefragt haben, ob ich ihnen etwas waschen kann. Sie waren auch schmutzig, schrecklich, und hatten keine Möglichkeit. Ich habe ihnen unter schrecklichen Bedingungen, natürlich nur mit kaltem Wasser, in den Waschräumen etwas ausgewaschen, nur eiskaltes Wasser, ohne Seife. Da kann man sich vorstellen, wie die

  

 

 

Wäsche ausgesehen hat. Man konnte die Wäsche auch nicht trocknen. Die Jungen haben sie dann irgendwohin gebracht, wo man sie ein bisschen trocknen konnte, in der Nähe eines Ofens oder so. Das waren auch Bedingungen, die man sich vorher nicht hatte vorstellen können.

 

Das Zusammenleben: manchmal verträgt man sich ja gut, manchmal auch nicht...

ER: Sehr häufig funktionierte es nicht. Wenn Leute in Not sind, dann sind sie nervös und gereizt und sehen am Anderen nur, was ihnen nicht gefällt, Streitigkeiten, das kommt sehr häufig vor - durch die schlechten Bedingungen natürlich.

 

 

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