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nach: Franz Kafka: Gib´s auf! 

 


  


 

Ich schreibe kein Buch über Kafka

Böse Zungen, oder vielmehr deren Besitzer, behaupten - und ich sehe sie dabei hämisch lächeln - dass ich an einem Buch über Kafka schreibe. Diese Anschuldigung trifft nicht zu, ich weise sie zurück. Denn ich schreibe an einem Buch über Golch

Ehrlichkeitshalber möchte ich zugeben, dass ich mich vor langer Zeit einmal mit dem Gedanken trug - wie schließlich jeder sensible Intellektuelle - ein Buch über Kafka zu schreiben. Durch diese Phase muß man nun einmal hindurch, und man braucht sich später ihrer so wenig zu schämen wie einer jugendlichen Schwärmerei. Was mich damals allerdings davon abhielt, war weniger eine Abkehr von dem Thema als der Umstand, dass meine sämtlichen Bekannten bereits an einem Buch über Kafka schrieben (nicht alle an einem; jeder für sich natürlich). Aus irgendeiner Tücke des Schicksals heraus, die zu bedauern ich heute wahrhaftig keinen Grund mehr habe, hatten sie alle früher damit angefangen - ich habe mich verhältnismäßig spät entwickelt - und nun war für mich kein Aspekt mehr übrig, im Lichte dessen ich Kafka hätte deuten können. Deshalb spielte ich eine kurze Zeit mit dem Gedanken, einen der bedeutenderen Kafka-Biographen herauszugreifen und ein Buch über ihn zu schreiben, aber auch diese Idee hatte mir ein anderer, der, wie ich, zur Verteilung der Gesichtspunkte zu spät gekommen war, vorweggenommen.

Nun beschloss ich, mir ein neues Feld zu suchen, und ich fand eines. Ich schreibe, wie gesagt, an einem Buch über Ekkehard Golch. Für diejenigen, denen dieser Name kein Begriff ist - und es gibt noch allzuviele - möchte ich seine Persönlichkeit umreißen.

Golch, der im Jahre 1929 sechsundachtzigjährig starb, war zeit seines Lebens - abgesehen von einer äußerlich ebenso ereignislosen Jugendzeit - Studienrat in Altmünzach, einer Stadt, in welcher Schnellzüge nicht halten. Wohl weniger dieser Tatsache als vielmehr seiner Gleichgültigkeit gegenüber dem Bereich der Abwechslung ist es zu verdanken, dass er diese Stadt niemals verlassen und sein Leben mit unermüdlicher Konzentration seinem Werk gewidmet hat. (Mein Kapitel «Innere Reisen» befasst sich mit diesen Gedankenvorgängen und verfolgt sie auf einer Ebene, welche den Rahmen dieser kurzen Rechtfertigung sprengen würde.)

Hier also lehrte Golch an der Töchterrealschule - denn eine solche gab es dort und gibt es noch heute - Englisch und Deutsch. Nach einigen analytischen Versuchen, von denen vielleicht der Essay «Körners Frauengestalten» der stärkste ist - leider dürfte er, wegen der Zeitgebundenheit des Themas, heute kaum noch Beachtung finden - widmete er sich seinem magnum opus, welches Leben und Werk James Boswells, des bedeutenden Biographen Johnsons, des unsterblichen Lexikographen, behandelt. Es ist dies ein Werk nicht nur von großer psychologischer Dichte und ungeheurer Eindringlichkeit, sondern es übertrifft an quantitivem Inhalt - es umfasst neun Bände - das Lebenswerk Boswells sowie Johnsons.

Ich will meinem Buch hier nichts vorwegnehmen, möchte aber betonen - und der Leser wird die hier etwa zutage tretende Selbstsicherheit gerechtfertigt finden -, dass es mir in meinem Werk, welches inzwischen bis auf das Schlußkapitel «Über das Wesen der Biographie» im Manuskript vorliegt, nicht nur gelungen ist, das starke Boswell-Erlebnis meines Helden in zwingender Weise zu schildern, sondern dass ich auch, umgekehrt, Boswell im Lichte Golchs beleuchtet habe, bei welchem Vorgang ich den eigenwilligen Doktor Johnson hinwiederum durch Boswells Brille gesehen habe (metaphorisch gemeint: Boswell trug keine Brille), wie er, durch Golch gedeutet, nun mir erscheint; gewissermaßen also eine dreifache Überblendung der Kernpersönlichkeit (- in diesem Sinne ein von mir geprägter Begriff; er hat nichts mit der Schule des C.G.Jung zu tun -) Doktor Johnsons.

Mein Buch ist gut, daran ist kein Zweifel. Es füllt eine Lücke. Ich möchte sogar wagen zu behaupten, dass die solide Kennerschaft und das Vermögen, mich in die Mentalität verwandter Geister zu versetzen, welche beide Tugenden sich in diesem Buch offenbaren, dereinst einen Biographen bewegen werden, mir, in meiner Eigenschaft als Golch-Biograph, zumindest einen ausführlichen Nachruf zu widmen. Und was die Behauptung betrifft, ich schreibe an einem Buch über Kafka, so wird sie mit dem Erscheinen meines Werkes widerlegt sein. Denn dass man nicht über Kafka und über Golch schreiben kann, wird selbst den Besitzern böser Zungen einleuchten.

 

© Quelle: Wolfgang Hildesheimer: Lieblose Legenden. Frankfurt a.M. 1991, S.18-20.


V2010 

 



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