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Jiří Gruša, Mimner oder das Tier der Trauer. Prosa I.
(Band 3 der Gesamtausgabe)
400 S., Wieser Verlag, Klagenfurt 2015
€ 21,00. ISBN-13: 9783990291658






Anti-Utopie, Science-Fiction – im Mittelpunkt steht die Sprache: die eigene und die fremde aufgezwungene. Von Oktober 1968 bis September 1969 geschrieben, als sich in der Tschochslowakei das alte System wieder etablierte: Eine Antwort auf dieses System, auf alle Systeme, die – mit welcher Ideologie auch immer – Menschen unterdrücken. Daraus bezieht der Roman auch seine Aktualität.





Kafka in Kalpadotia

von Volker Strebel


Mit Jiří Grušas Mimner oder das Tier der Trauer liegt ein verstörender Roman vor. Der Autor selbst bereitet den Leser darauf vor, indem er dieses ungewöhnliche Buch mit dem unmissverständlichen Satz eröffnet: „Schlecht verstand ich ihre Sprache“.


Der Ich-Erzähler berichtet von einer Art erzwungenem Aufenthalt unter den fremdartigen Alchadoken in einem exotischen Land, einem im wahrsten Sinne des Wortes vollkommen unverständlichen Kulturkreis. Die von der europäischen Philosophie evozierte „Umwertung aller Werte“ scheint hier, im verschneiten Kalpadotia, verwirklicht zu sein. Der Erzähler, von dem nicht ganz klar wird, ob er Gast, Besucher oder Gefangener ist, berichtet von seinen Verständigungsschwierigkeiten, die im Übrigen auch auf den Leser übergreifen. Immer wieder werden Begriffe der fremden Sprache übersetzt und als einschlägige Schlüsselwörter zur weiteren Verwendung gebraucht.

Bei allen Berichten über Vorgänge, die in einer nüchternen und unaufgeregten Weise vorgetragen sind, geht es letztlich um nichts weniger, als das schiere Überleben. Zuweilen geraten Gefahren in greifbare Nähe, dann wieder erlauben willkürliche Launen dieser fremdartigen Wesen überraschende Wendungen. Im Laufe der Zeit verheiratet sich der Erzähler sogar mit einer Einheimischen, auf deren buschige Augenbrauen er wiederholt zu sprechen kommt. Selbstredend sind auch die intimen Vorgänge in Kalpadotia irritierend und werden durchaus unverhüllt beschrieben. Besonders verstörend ist der öffentliche Charakter des Beischlafes, an den sich der Ich-Erzähler nicht gewöhnen kann.


In seinem Vorwort erinnert Grušas Freund Hans Dieter Zimmermann an die mitteleuropäische Albtraumwelt und führt nicht von ungefähr Franz Kafka und Alfred Kubin an. Bei Jiří Gruša kommen freilich noch die Erfahrungen mit dem „real existierenden Sozialismus“ hinzu. Dass der Autor infolge der Samtenen Revolution vom November 1989 Botschafter seines Landes werden würde, Politiker und Direktor der Diplomatischen Akademie Wien, stellt keine Widerlegung, sondern eine wundersame Ergänzung dieser realen Phantasmagorie dar.

Ein Blick in die tschechische Literaturgeschichte vermittelt psychologische wie historische Hintergrundinformationen, die zur Entschlüsselung dieses beunruhigenden Romans beitragen. Jiří Gruša war Teil der sogenannten „Generation der Sechzigerjahre“, welche die Schrecken des Weltkrieges höchstens noch während der frühen Kindheit mitbekommen hatte und nicht zur ideologisch ausgerichteten Avantgarde des sozialistischen Aufbaus gehörte.


Anlässlich seiner Dresdner Poetik-Vorlesungen hat sich Jiří Gruša über biographische Aspekte seines literarischen Schaffens geäußert: „Nach 1948 kamen fast fünfzig Jahre Diktatur, und meine Generation kriegte den vollen Aufprall ab“.

So scheint der Eindruck gerechtfertigt, dass Gruša in diesem Roman die besonderen Erfahrungen einer Gesellschaft zum Ausdruck bringen wollte, die sich bei dem erzwungenen Experiment der Errichtung eines „real existierenden Sozialismus“ einstellten. In sublimer Weise werden Vorgänge durchgespielt, die kennzeichnend für oktroyierte Gesellschaftsformen sind. Die Folgen werden anschaulich in der Zerstörung des Denkens, der Sprache und der Moral in Kalpadotia beschrieben.

Ein Entrinnen scheint es nicht zu geben. Im vorliegenden Roman wird sogar der versuchte Ausbruch aus einer beklemmenden Welt geschildert. Eine Art Auswanderung, die letztlich aber nicht zur Befreiung führt. Das Ende ist vollkommener Niedergang.


In der ČSSR sind einige Kapitel aus Mimner oder das Tier der Trauer ursprünglich (unter dem Pseudonym Samuel Lewis) in der Literaturzeitschrift Sešity pro mladou literaturu a diskusi/Hefte für junge Literatur und Diskussionen erschienen. Die Publikation  dieses Textes war unter anderem der Grund, warum der Dichter und Redakteur Petr Kabeš seinerzeit seine Leitung bei den Sešity abgeben musste. Es ist eine Geste der solidarischen Kollegialität, daß Gruša den Roman dann Petr Kabeš gewidmet hat.

Vonseiten der staatlichen Behörden sah sich Gruša dem Vorwurf der „Pornografie“ ausgesetzt. Die strafrechtliche Verfolgung führte schließlich zu seinem Publikationsverbot in der ČSSR.

Im umfangreichen Nachwort Vision einer verirrten Gesellschaft berichtet der tschechische Schriftsteller Milan Uhde über die damaligen Vorgänge. Er kannte Jiří Gruša nicht nur gut, sondern teilte gemeinsam mit ihm und zahlreichen anderen Schriftstellern der ČSSR das Schicksal, über Jahrzehnte hinweg im eigenen Land nicht mehr veröffentlichen zu dürfen.



© Volker Strebel. Mit freundlicher Genehmigung des Autors. Erstveröffentlichung: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22473

Weitere Texte von Volker Strebel: Josef CapekNoch einmal VaculikGünter KunertDaniil Granin, RomanArbeitslager WorkutaEmil HaklLiteratur-slowakischAhoj und guteReiseVaclav Havel 

Texte von Hans Dieter Zimmermann: Max Brod-WerkausgabeProf. Zimmermann-TUB - Zur Prosa Richard WeinersEmpfehlungen




Jiří Gruša

*10.11.1938 Pardubice, †28.10.2011 Hannover; ab 1957 Studium der Philosophie und Geschichte an der Karls-Universität Prag, 1962 Promotion zum Dr. phil.
Ab 1960 literarische Veröffentlichungen, ab 1963 in der von ihm mitgegründeten Zeitschrift Tvář/Gesicht, die nach einer Kritik an der stalinistischen Poetik der 1950er Jahre zwangsweise eingestellt wird; Mitarbeiter der literarischen Zeitschrift Sešity/Hefte, Redakteur der Wochenzeitschrift Zítřek, Übersetzer von Rilke, Celan und Kafka ins Tschechische. Schriftstellerkollegen zu dieser Zeit: Jiří Pištora, Petr Kabeš, Jan Lopatka, Václav Havel, Zbyněk Hejda und Věra Linhartová.
Nach dem Prager Frühling, im Zuge der Repression während der sog. Normalisierung erhält er Berufsverbot und wird wegen seines Roman Mimner aneb Hra o smrad'ocha (s.o.) strafrechtlich verfolgt. Er publiziert in der von ihm mitbegründeten, illegalen Samisdat-Reihe Edice petlice/ Edition hinter Schloss und Riegel. Einige andere Werke erscheinen in weiteren Selbstverlagen. Strafverfolgung wegen der Unterzeichnung der Charta 77 und des 1978 in Toronto erschienenen Romans Dotazník/Fragebogen. Nach seiner Entlassung zunächst Emigration nach Kanada, später in die BRD. 1981 Aberkennung der tschechoslowakischen Bürgerrechte, 1983 deutsche Staatsangehörigkeit, nach der Samtenen Revolution, 1990, Tschechischer Botschafter in Deutschland; von Juni bis November 1997 Bildungsminister in der Regierung Václav Klaus, von 1998 bis 2004 Botschafter in Österreich, von 2005 bis 2009 Direktor der Diplomatischen Akademie Wien, parallel dazu Präsident des Internationalen P.E.N.
Von 1992 bis zu seinem Tode ist Jiří Gruša Vorstandsmitglied der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft; 1994 einer der Erstunterzeichner eines Aufrufs für die Stiftung „Verbrannte und verbannte Dichter/Künstler – für ein Zentrum der verfolgten Künste“, den die Wuppertaler Gesellschaft gemeinsam mit dem PEN Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland („Exil-PEN“) initiiert.

2014 beginnt der österreichische Wieser Verlag eine zehnbändige Jiří Gruša-Werkausgabe, die 2018 abgeschlossen sein soll.


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