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Karl Huß - Scharfrichter, Heiler, Sammler und Chronist aus Böhmen

 

Hazel Rosenstrauch
Karl Huß, der empfindsame Henker
Eine böhmische Miniatur
175 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Abbildungen

Matthes & Seitz Verlag, 2012, ISBN: 978-3-88221-982-1



 

Scharfrichter unterlagen besonderen Rechten und besonderen Diskriminierungen, ihr Bild in der Öffentlichkeit war geprägt von Vorurteilen und Ängsten, sie wurden als unrein betrachtet.
Karl Huß (1761–1838), der Henker der böhmischen Stadt Eger/Chleb, wehrte sich zeitlebens gegen diese Ausgrenzung und bemühte sich um den eigentlich unmöglichen sozialen Aufstieg.

Neben seinem blutigen Handwerk widmete er sich mit großem Erfolg der Heilkunst und legte eine bemerkenswerte Sammlung von Curiosa an, die auch Goethe beeindruckte. Zudem verfasste er eine mehrbändige Chronik sowie eine wirkmächtige Schrift gegen den Aberglauben. Er starb schließlich als geachteter fürstl.Custos von Metternich auf Schloss Königswart.
Hazel Rosenstrauch zeichnet in ihrer biografischen Annäherung das Leben dieses ungewöhnlichen Menschen nach, der zwischen den Welten lebte und in unruhigen Zeiten seinen eigenen Werten gehorchte. Sie beschreibt den radikalen Umbruch um 1800 und den Abschied von einer Ordnung, in der das Neue noch nicht greif- aber schon spürbar ist. So liefert sie das Bild eines Mannes, der tötet und heilt, der sowohl Opfer als auchTäter ist.

Karl Huß, der empfindsame Henker‹ ist das Portrait eines Mannes, der sich gegen Widerstände durchzusetzen verstand; der Grenzen überschritt und dadurch den Weg bereitete für viele ihm Nachfolgende, die die Trennung der Stände und Berufe nicht mehr zu akzeptieren bereit waren.


Hazel Rosenstrauch, geboren als Tochter österreichischer Emigranten in London und aufgewachsen in Wien, arbeitete als Journalistin und Redakteurin, sie lehrte an verschiedenen Universitäten und veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter biografische Studien zu Karl August Varnhagen und Caroline und Wilhelm von Humboldt. Rosenstrauch lebt heute als freie Autorin in Berlin. 2012 wurde sie mit dem Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet. (Matthes & Seitz Verlag)



Leseprobe


I. DIE LEUCHTENDSTE ZIERDE SEINES STANDES


Ja, trotz dem Richtschwert, womit schon hundert arme Schelme

geköpft worden, und trotz der Infamia, womit jede Berührung

des unehrlichen Geschlechts jeden behaftet, küßte ich die

schöne Scharfrichterstochter. Ich küßte sie nicht bloß aus

zärtlicher Neigung, sondern auch aus Hohn gegen die alte

Gesellschaft und all ihre dunklen Vorurteile.

(Heinrich Heine, Memoiren)


Wer, wann, wo und weshalb

Zum ersten Mal hörte ich von dem gebildeten Scharfrichter, als ich vor vielen Jahren im böhmischen Mariánské Lázně/Marienbad kurte und zur Ablenkung ins nahe Kynžvart/Königswart fuhr. Es goss in Strömen, wir flüchteten ins Museum. Der Schlosswart zeigte uns Münzen, Steine und Waffen und erzählte von dem Mann, der die hier ausgestellten Schwerter für das Köpfen benutzt hat.
Als ich mich ein paar Jahre später für Metternich interessierte, stieß ich wieder auf Karl Huß, und er drängte sich vor, noch vor den österreichischen Staatskanzler, dem die Grafschaft Königswart, das heutige Kynžvart, damals gehörte. Ich begann mit der Recherche, im Netz, in Bibliotheken, schließlich schrieb ich an das Schlossarchiv, weil ich herausgefunden hatte, dass die Lebensgeschichte des Scharfrichters dort aufbewahrt wird.
Die Sammlungen von Metternich und Huß sind nach einer längeren Zeit der Renovierung des Schlosses wieder zugänglich. Der Garten des Fürsten ist jetzt ein Golfplatz, über den vereinzelt Männer in ihren Wägelchen fahren. Ein Seitenflügel des Schlosses beherbergt das Archiv, in dem die Chronik der Stadt Eger und in ihr eine Autobiografie von Karl Huß auf mich wartet.
Böhmen ist nicht weit von Berlin, aber ich musste sechs Mal umsteigen, weil auf der Strecke neue Gleise verlegt wurden. Da ich alt genug bin, um den Eisernen Vorhang samt Schwierigkeiten, durch ihn durchzukommen, von vielen Reisen zu kennen, war ich fasziniert, als der Regionalzug einfach von Deutschland nach Tschechien durchfuhr. Ich bemerkte die Grenze nur, weil die Stationen auf der einen Seite erst auf deutsch und danach auf tschechisch und ein paar Minuten später in umgekehrter Reihenfolge angesagt wurden. Mir ging auf dieser Reise vieles durch den Kopf, ich dachte an Grenzen und Ordnungen, die unumstößlich schienen und sich aufgelöst haben. Und ich war neugierig auf den Mann, der sich aus seiner ererbten Stigmatisierung lösen konnte und trotzdem bis heute vor allem »der Henker« ist. Jahrelang habe ich die deutsche protestantische Geschichte gründlich studiert, diesmal betrachte ich diese Zeit radikaler Umbrüche aus katholisch-habsburgischer Perspektive, wo ein Kaiser und eine Kaiserin − die nur so genannt wurde, aber als Frau nicht gekrönt werden durfte − über ein großes zusammenhängendes Territorium herrschten, und wo zu der Zeit, in der Huß gelebt, geköpft und gesammelt hat, einheitliche Gesetze und Verwaltungen eingeführt wurden. Ich staune immer wieder, wie wenig die eng verflochtenen Geschichten deutscher Kleinstaaten Landkarte mit Eger (eingekreist) mit denen des Habsburgerreichs zusammen gedacht werden. Manch liebgewordene Interpretationen könnten dabei verrutschen, es scheint mir ein wunderbarer Stoff, um Verallgemeinerungen mit dem konkreten Fall zu kitzeln und die Überlieferung an Verallgemeinerungen zu reiben.
Zwischen Geburt und Tod meines Protagonisten, zwischen Französischer Revolution und Wiener Kongress, hat nicht nur ein König seinen Kopf verloren, es haben sich auch die Ansichten über Tod und Verbrechen, das Verhältnis zwischen den sozialen Schichten und Lebensformen verändert, einige Vorurteile und mancher Aberglaube verloren an Bedeutung. Damals sind Vorstellungen und Gedanken gekeltert worden, die bis heute in unseren Köpfen spuken. An den Geburtsmalen kann ich besser erkennen, welche Bindungen entstanden, deren Verlust jetzt beklagt wird, wer gefeiert wurde, was unter den Tisch der Historiker gefallen ist und welche Optionen es neben den real gewordenen Geschichten gegeben hätte. Ich spiele mit dem Gedanken, das Chaos, mit dem die Bewohner Europas nach der Erosion der ständisch-klerikalen Ordnung konfrontiert waren, hätte auch anders sortiert werden können.
Wie man seine Bibliothek nach Größe der Bücher oder Farbe der Umschläge ordnen kann, richte ich den Lichtkegel auf die für die Geschichte Europas völlig marginale Figur des Scharfrichters von Eger. Mit Huß suche ich im Abseits an unsicheren Orten nach dem Umgang mit zusammengebrochenen Werten. Vom Rand sieht man mehr, ich kann den Blick wenden, die Perspektive wechseln. Zwischendurch tritt Metternich auf, der Dienstherr des zum Kustos gewandelten Scharfrichters, Goethe kommt ins Bild, weil er Huß besucht und wie er Mineralien gesammelt hat; andere Persönlichkeiten, die Geschichte geschrieben haben, werden kurz beleuchtet, sofern sie für Huß wichtig waren. Aber wenigstens in diesem Buch stellen sie den Diener des Todes nicht in den Schatten.

Natürlich ist es absurd, das Leben des Staatskanzlers, der den Vielvölkerstaat dirigiert hat, mit dem des Scharfrichters zu vereinigen. Karl Huß war ein kleiner Angestellter der Stadt Eger, der die Urteile der Richter vollstreckte, wie es Hunderte seiner Berufsgenossen in vielen Städten des Reichs taten. Klemens Metternich avancierte nach Napoleons Untergang zum mächtigsten Politiker Europas, mit seinem Namen wurde bis vor kurzem die Reorganisation Europas, der Länderschacher beim Wiener Kongress und, mehr noch, die Unterdrückung aller Freiheitsbestrebungen assoziiert. Die Biographien der beiden Männer berührten sich erst 1827, als der Fürst auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn war und Karl Huß sein Amt als Scharfrichter im Alter von 67 Jahren aufgab. Nach der mühsam erarbeiteten Ordnung von Oben und Unten, wichtig und nebensächlich gibt es kaum eine Gemeinsamkeit zwischen den beiden Männern, sieht man von Hußens Tätigkeit im Dienste des Fürsten ab. Sie passen nicht zusammen, aber beide sind exponiert von den radikalen Umbrüchen betroffen; der eine gewinnt Anerkennung und eine zuvor nicht mögliche Ehre, der andere fürchtet um seine Privilegien, seinen Besitz und die Würden, die ihm in die Wiege oder zumindest ins Ehebett gelegt wurden.
Karl Huß, der Scharfrichter, Sammler, Heiler und Verfasser diverser Schriften, führt mich durch eine Zeit, in der alte Orientierungen zerbrochen sind und neue noch kaum erkennbar waren. Verunsicherung und Desorientierung bestimmten auch vor 200 Jahren das Leben der Leute und erst recht dasjenige eines Mannes, der wegen seiner Herkunft und seines Berufs verachtet wurde und vieles unternommen hat, um Vorurteile gegen sich zu widerlegen. Wie konnte ihm das gelingen? Was waren seine individuellen Gaben und welche Umstände haben eine solche Karriere möglich gemacht? Was geschieht mit einem, der in der alten Ordnung am Rande steht, wenn diese Ordnung zusammenbricht – zu einer Zeit, in der das Neue vielleicht schon spürbar, aber noch nicht fassbar ist? Weshalb dieser Mann mich fasziniert, ist schwer zu sagen, immerhin war auch Goethe von dem Außenseiter angezogen, der Töten, Heilen und wissenschaftliches Interesse zu verbinden wusste. Ich sammle Dokumente, Gedanken und Puzzlesteine, bewege mich durch verschiedene – im kulturellen Gedächtnis oft separierte – Räume, drehe das vorhandene Material hin und her, ordne es um und mache mir ein Bild. Weil man inzwischen das Denken messen kann, und ich mich den neuesten Erkenntnissen nicht verschließen mochte, kokettiere ich mit der Idee, dieser Scharfrichter könnte meine Aplysia sein, eine Meeresschnecke, die mir bei der Suche nach dem kulturellen Gedächtnis hilft, an der ich Impulse und Nervenbahnen, Vererbungs- und Entwicklungsprozesse studiere.


Sammeln

Es gab und gibt viele Gründe zu sammeln und hübsche Erzählungen über besessene Sammler. Von den Wunderkammern der beginnenden Moderne über Naturalienkabinette bis zu Kuriosa reicht die Vorgeschichte wissenschaftlicher Systematik, um eine Ordnung zu finden. Sammlungen konnten als Insignien sozialer Herkunft oder Instrumente des Aufstiegs dienen, in den Berichten darüber wird oft das Wort Leidenschaft verwendet. Als der Buchhändler Philipp Erasmus Reich im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts Portraits seiner Autoren anfertigen ließ, ahmte er eine Sitte nach, die zuvor nur dem Adel zugestanden hatte und demonstrierte damit die Macht einer bürgerlich gewordenen Kultur. Die viel bewunderte Sammlung altdeutscher und altniederländischer Kunst der Brüder Boisserée in Heidelberg wurde Anfang des 19. Jahrhunderts zum Treffpunkt der neuen Geisteselite. Alexander von Humboldt brachte Kisten und Manuskripte aus Südamerika, weil er sie wissenschaftlich auswerten wollte, und formte ein Netzwerk, das Leben und Wissenschaft quer über Kontinente verband. Auch der österreichische Kaiser sammelte; die Bücher und Portraits, die er hinterließ, bilden den Fundus einer k.u.k. Haus-, Hof- und Staats-Identität, aber das konnte er noch nicht ahnen.

Wie einer ordnet und was er weglässt, lag zu Anfang des 19. Jahrhunderts noch nicht fest, die Erde wurde erst vermessen, die moderne Wissenschaft tappte noch in Kinderschuhen über Basalt und Schiefer und das Fach Geologie war noch nicht etabliert. Ob der Sammler die Form und Farbe des Steins beschreibt oder auch den Spaziergang, bei dem ein falscher Tritt das Objekt freigelegt hat, und welcher Gedanke ihm dabei durch den Kopf geschossen war, war weder kategorisiert, noch in ein objektives System gepackt. Magnetismus und galvanische Effekte wurden in naturphilosophischen Schriften eifrig debattiert, und Goethe wollte beim Klettern über vulkanisches Gestein auf dem Kammerbühl in der Nähe von Eger herausfinden, was die Erde im Innersten zusammenhält. Bei Huß sah er einen Augitkristall, auch schwarzer Diamant genannt, der ihn sehr interessierte. Am 25. November 1821 schreibt ihm der Egerer Polizeirat Sebastian Grüner, er habe den Stein bereits in Händen, und fragt, auf welchem Weg er ihn zusenden soll. Goethe antwortet eine Woche später: »dass Herr Huß den geheimen Schatz herausgegeben, ohne dass wir selbst nöthig gehabt, ihn den Drachen und Ottern abzukämpfen, ist mir gleichfalls sehr angenehm«. Der offenbar etwas sture Scharfrichter wollte den Fundort nicht verraten, deshalb bat Goethe Sebastian Grüner, er möge doch dem »vortrefflichen Huß einige Daumenschrauben ansetzen«, damit der eigentlichen Fundort bekenne, »weil daran dem Geognosten gar viel gelegen ist und das Vorkommen eines Minerals Licht über das Mineral selbst verbreitet«. Schon am 8. Februar bestätigt Goethe den Erhalt des Steins. »Danken sie Herrn Huß zum schönsten für den Augiten, ich hoffe einiges ihm wohlgefällige dagegen mitzubringen.« Auch Sebastian Grüner sammelte − Gemälde, Münzen, Antiquitäten, Mineralien und Geschichten aus dem Volksleben. Er wurde als Begründer der Egerländer Volkskunde bekannt und beinahe berühmt und er hat für Goethe eine Biografie von Karl Huß verfasst.
Warum mag der Scharfrichter gesammelt haben? Wollte er »Zerstreutes an einen Ort zusammenbringen«, wie das Grimmsche Wörterbuch Sammeln definiert? Ein Sammler ordnet, bringt die Dinge in ein System und macht sie handhabbar, und im Glücksfall auffindbar. Im Leben des Scharfrichters und späteren Kustos Karl Huß gab es viele Gründe, die nach einer Ordnung verlangten, sein Furor beim Sammeln ließe sich mit den Worten Walter Benjamins als »Schwebezustand überm Abgrund« beschreiben.
Kynžvart/Königswart liegt nahe der Grenze zu Bayern, anderthalb Kilometer vor dem kleinen Ort steht das Schloss, das einst der Familie Metternich gehört hat. Klemens Wenzel Lothar Metternich-Winneburg zu Beilstein wurde erst 1813, nach dem Sieg über Napoleon, für seine Verdienste in den Fürstenstand erhoben, Staatskanzler des österreichischen Kaiserreichs wurde er 1821, aber ein Graf von Königswart war er von Geburt. Er sammelte Porzellan, Kupferstiche und Radierungen, Bücher und Manuskripte. Außerdem bewahrte er auf Schloss Königswart allerlei kuriose Gegenstände auf, die seinen Umgang mit bedeutenden Persönlichkeiten belegen: ein Waschbecken Napoleons und eine revolutionäre Kokarde, die Napoleon ihm 1810 geschenkt hatte, die Haare der Agnès Sorel, die Mütze des Kaisers Franz, wertvolle altägyptische Mumien, die ihm ein ägyptischer Pascha geschenkt hatte, Stöcke und Dosen und allerlei Münzen und Steine. Die Sammlung enthält auch die Münzen, Steine und Waffen, die Karl Huß zusammengetragen hat. Metternich behauptete, gewiss kokett, sein eigentlicher Beruf wäre die Pflege der Wissenschaften, »besonders der exacten und der Naturwissenschaften«, er hinterließ in Königswart eine enzyklopädische Bibliothek mit über 12000 Titel aus allen Wissensgebieten. Er hörte in seiner Jugend Vorträge über Chemie und Physik, begeisterte sich am Bau von Eisenbahnen, war Mitglied der patriotisch-naturwissenschaftlichen Gesellschaft in Prag und – wie auch Goethe und Alexander von Humboldt – Mitglied der Gesellschaft des vaterländischen Museums in Böhmen.
Diese 1818 gegründete Gesellschaft hatte es sich zur Aufgabe gemacht, »geordnete Sammlungen von Naturerzeugnissen und Denkmälern der Mitwelt zum nutzbringenden Gebrauche darzubieten und der Nachwelt aufzubewahren«. Solche Gesellschaften waren, wie Galerien oder öffentliche Vorlesungen, nicht nur Orte der Wissenschaft, sondern auch der Kommunikation, an denen man neben Sammlerstücken auch Meinungen tauschte. In den »Museen« begegneten sich Angehörige unterschiedlichen Standes, deren politische Anschauungen differieren mochten, die sich aber dank des gemeinsamen Interesses begegneten. Mit dem Sammeln erwarb man Kenntnisse und Anerkennung, der Sammler und vielleicht auch seine Frau, die einen Salon führen mochte, gewannen neue Freunde und knüpften nützliche Kontakte. Auf der Ebene konnte sich der Weimarer Minister und Hofrat von Goethe mit Karl Huß unterhalten und der altadelige Staatskanzler von Metternich mit dem Weltreisenden Alexander von Humboldt, der nicht einmal Baron war, korrespondieren; über derlei Netzwerke lernten die Sammler und Besucher neu sehen und fühlen, Dichter und Denker entwickelten eine Sprache für eine Wahrnehmung der Welt, die nach und nach zu jener neuen Leitkultur wurde, deren Untergang derzeit beklagt wird. So stelle ich mir die Entwicklung einer Öffentlichkeit vor, durch die Kritik an überkommenen Regeln und Gesetzen verbreitet wurde und ein Scharfrichter auf die Idee kommen konnte, dass er trotz der ererbten Infamia eines Tages nicht mehr verachtet würde.


Umrisse

Karl Huß gilt als die »leuchtendste Zierde seines Standes«, denn er hat nicht nur geköpft, sondern auch geheilt, Steine und Münzen gesammelt, eine Chronik der Stadt Eger und eine Schrift über den Aberglauben verfasst und sogar Gedichte geschrieben. Außerdem hat er eine Autobiografie hinterlassen, sie ist die Quelle für Zitate in Fachliteratur und Lexika, in denen er manchmal sogar als Gelehrter vorgestellt wird. Reiseführer, die in das nördliche Böhmen einladen, nennen ihn den »letzten Henker von Eger«, obwohl er doch Scharfrichter war. Henker hängen, Scharfrichter köpfen mit dem Schwert oder Beil, aber »Henker« hat sich als übergreifender Begriff für die Tötungsbeamten herausgebildet. Es waren »unehrliche Berufe« und unehrlich hieß: verfemt und verachtet. Zudem wurden Angehörige dieses Berufs mit Mythen und abergläubischen Riten umgeben. Als Sohn, Enkel und Urenkel von Scharfrichtern geboren, hatte Karl Huß keine Chance, seiner Familientradition zu entkommen, aber er wuchs in eine Zeit hinein, in der sich vieles änderte.

Er wurde im Januar 1761 in Brüx, heute Most, geboren und starb als ehrlich gemachter Kustos der Sammlungen des österreichischen Staatskanzlers im Dezember 1836 in Königswart. Er hatte graue Augen und ein rundes Gesicht, das steht in dem Pass, der ihm ausgestellt wurde, als er − zu Unrecht − des Diebstahls angeklagt war und nach Prag reiste, um sich zu verteidigen. Es gibt ein Ölbild von ihm und seiner Frau, er wirkt gedrungen und kräftig, und kräftig musste er sein, um das mehr als einen Meter lange Richtschwert zu führen.
Mit 15 Jahren hat er zum ersten Mal einen Verurteilten geköpft und erzählt davon mit verhaltenem Stolz: 1776 traf sich’s dass ein Kirchendieb von der brüxener Gerichtsbarkeit zu Todt verurtheilet wurde, der junge Karl kurzentschlossen mit Muth und Herzhafft, unter der Leitung seines Vaters vollzog die Exekution am 3then May in seinem 15ten Jahr. Zwei Jahre später, als wegen des Streits um das bayerische Erbe (Erbfolgekrieg) preußische Soldaten in Böhmen einmarschierten, waren in der Nähe von Eger österreichische Truppen stationiert. Damals wurden in Brüx zwei Soldaten »justivicirt, welche der unverzagte Karl in der Geschwindigkeit aus diesem Leben in das Andere überschickte.« 1779 übernahm er von seinem Onkel die Scharfrichterstelle in Eger. Da war er 18 Jahre alt. Er bekam 54 Gulden Jahresgehalt, dazu 6 Strich Korn und für jede Hinrichtung eine Gebühr, die allerdings schon in den 1780er Jahren nicht mehr oft fällig wurde.
Karl Huß war, wie viele »Diener des Todes«, auch Heiler und mit dieser Tätigkeit so erfolgreich, dass er weit über Eger hinaus zu Kranken gerufen wurde. Dank dieser Nebentätigkeit konnte er nach und nach seine mageren Einkünfte aufbessern und brachte es zu einigem Wohlstand.
Eger lag im Grenzgebiet, durch das ständig Truppen aus den verschiedenen österreichischen und deutschen Ländern zogen, 1802 gab es eine Epidemie als Folge der dauernden Durchmärsche, 1805 Hungertyphus, 1813 wurde Eger ausgeplündert, wieder kam es zu Epidemien, die Lazarette waren voll, Heilmittel und Ärzte fehlten. Ob Huß unter diesen Umständen seine Kenntnisse zur Verfügung gestellt hat, ist nicht bekannt. Aber wenn er zu einer solch ehrenvollen Aufgabe herangezogen worden wäre, hätte er das in seiner Autobiografie wohl erwähnt. Soldat jedenfalls war er nicht, das konnte er als Unehrlicher auch nicht werden. Überliefert ist, dass er durch ganz Böhmen bis nach Bayern und Sachsen zog, um Steine und Münzen, volkstümliches Hausgerät und allerlei Kuriosa zu suchen. Als Heiler kam er auch in die Häuser der Bauern, von denen er sich neben dem oder statt des Honorars Gegenstände erbat, die er seiner Sammlung einverleiben konnte. Bauern pflegten als Patengeschenke Münzen zu bekommen; man kann sich gut vorstellen, dass, wenn sie den Heiler nicht bezahlen konnten, diese Münzen in seine Hände wanderten. In den verschiedenen Darstellungen, die alle aus den gleichen Quellen stammen, wird auch erwähnt, dass er seine Patienten aufforderte, sie sollten ihm Leute nennen, von denen er Münzen und andere Gegenstände erwerben könnte. Alte Waffen, Gewehre, Schwerter, Holzarbeiten und Sämereien vergrößerten seine Sammlung, und das Scharfrichterhaus in Eger wurde bald zu einem Museum, das viele Neugierige anzog. Es wurde schick, den seltsamen Mann zu besuchen. Der sammelnde Henker avancierte zum vorzeigbaren Exempel für die segensreiche Wirkung des Bildungstriebs. Er war »eine Art Celebrität, den die öffentlichen Blätter ehrenvoll erwähnten; Gelehrte von Fach korrespondierten mit ihm; er erhielt Besuche von Prinzen, Fürsten, von Franzensbader, Marienbader und Karlsbader Kurgästen, die alle zu den geheimnisvollen Schätzen der Egerer Scharfrichterei pilgerten«.
Im Jahr 1776, als Huß erstmals köpfte, wurde in den Vereinigten Staaten die Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte formuliert, und in den österreichischen Erblanden wurde die Tortur aufgehoben. Der Wind der Aufklärung wehte auch in Böhmen, eherne Gewissheiten versanken im Ozean der Schriften und Pamphlete, dieser neuen Kommunikationstechnik, die sich in einem Tempo verbreitete, das den Zeitgenossen rasend erschien. Speziell die Ansichten von Recht im Allgemeinen und über das Köpfen im Besonderen änderten sich. Aufsehen erregte die 1764 erschienene und sofort in viele Sprachen übersetzte Schrift von Cesare Beccaria, in der Folter und Todesstrafe als nicht nützlich, nicht gerecht und pädagogisch nicht sinnvoll angeprangert wurden. Zeitgleich mit Beccaria, der im damals österreichisch verwalteten Mailand lebte, sprach sich auch Joseph von Sonnenfels, Professor für Polizei- und Kameralwissenschaft in Wien, gegen die Folter aus, auch er nannte die Todesstrafe »nicht zweckmäßig«. 1767 wurde − mit Einschränkungen − die Folter, 1787 die Todesstrafe in den Ländern der österreichischen Krone, also auch in Böhmen abgeschafft. Dieser humane Akt stürzte die Ordnung um, die das Leben des Scharfrichters und seiner Vorfahren bestimmt hatte. Eine Verordnung verfügte, »dass alle überflüssige Stadtbedienten entlassen werden sollten«, womit auch der Tötungsbeamte der Stadt Eger seines Amtes enthoben wurde. Die Abschaffung der Todesstrafe bedeutete für ihn nicht nur, dass er seine Arbeit verlor, er stand auch nicht mehr unter dem Schutz des Magistrats. Was zur Folge hatte, dass ihn Ärzte, Apotheker und Chirurgen »wegen seiner, man kann sagen glücklichen Kuren bey dem Löbl. Magistrat verklagt« haben (in einem anderen Dokument steht, der Stadtphysikus habe ihn wegen »Pforscherey« angezeigt). Sein Haus wurde durchsucht, und seine Tiegel und Medikamente wurden beschlagnahmt. Als Heiler war er Konkurrenz für die Ärzte und Apotheker, die ihrerseits stritten, wer womit handeln oder behandeln durfte. Huß wurde nach neun Monaten wieder eingestellt, vielleicht weil Joseph II. nach diversen Eingaben angeordnet hatte, dass Henker und Scharfrichter künftig für das Brandmarken zuständig sein sollten. Ob Huß gebrandmarkt hat, wissen wir nicht, vielleicht hat er sich dafür geschämt und es verschwiegen? Vielleicht aber hatte seine Rückkehr in das Amt ganz andere Gründe?

1797, zehn Jahre später, begann er mit der Arbeit an der Chronik der Stadt Eger, die er bis 1828 fortführte, also bis in das Jahr, in dem er nach Königswart umzog. Er füllte insgesamt vier Bände, in denen er in schöner Handschrift in ein großes ledergebundenes Buch schrieb, Wie sich von anfang der Stadt Eger und ferneren aufnahme ungefehr zugetragen, aus sicheren wahren urkunden und Kroniken von Karl Huß, Scharfrichter, zusamen gesetzt worden. Die Aufzeichnungen erzählen von Kirchenbauten und Feuersbrünsten, Überschwemmungen, Kriegen und Krankheiten, Teuerungen und Landplagen, von der hussitischen Ketzerei und daraus entstandenen Krieg, von den Bauernaufständen und auch von Wallensteins Aufenthalt und Ende in Eger. Der Chronist hat auch gezeichnet, Illustrationen, Stadtansichten und Zeichnungen von Grabmalen, Kirchenschildern und Burgen in die Chronik eingefügt und alte Wappen gemalt. Er hält, könnte man sagen, die alte Ordnung fest.
Im Vorwort kündigt er an, alle merkwürdigen begebenheiten in Kürze … einer löblichen Bürgerschaft zu widmen und Vor die Augen zu stellen, damit sie sich ihrer Vor Eltern erinnern, was Tranksalen, Elend und Noth sie ausgestanden haben. An meinem Fleiß habe ich es nicht ermanglen lassen, was zur Vollkommenheit diese Werckes erforderlich wäre, und mit ausgestrecktem Zeigefinger fügt er an, Väter sollten die Chronik nicht nur lesen, sondern sie ihren Kindern zeigen.

 

© Text: Matthes & Seitz, Berlin 2012; Fotos:  Porträt, Titelblatt der Stadtchronik des Karl Huß mit der Darstellung des Wilden Mannes, Kreismuseum Eger / Cheb; Karl Blossfeldt, Pinakothek der Moderne München



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