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Košice 2013 

Gespräch mit dem Oberbürgermeister von Košice, Richard Raši

von Daniela Capcarová



 


Dieses Jahr genießt die ostslowakische Stadt Košice den Status Kulturhauptstadt Europas 2013. Die zweitgrößte Stadt der Slowakei ist eine Stadt mehrerer Minderheiten, die friedlich nebeneinander leben. Aus ihren Reihen kam ein karpatendeutscher Bürgermeister, ein auch in Deutschland berühmter Regisseur ruthenischer Herkunft, ein Architekt mit deutschem Namen, dessen Bauten in vier Staaten stehen. Der auf ungarisch schreibende – und einer der meist übersetzten Weltautoren – Sándor Márai wurde hier geboren, schrieb hier und kehrte vor seiner USA-Emigration regelmäßig nach Košice zurück. Was die Stadt ihren Besuchern an Kultur, Literatur, Architektur, Musik und Kunst anzubieten hat, erzählte der amtierende Oberbürgermeister Richard Raši. Daniela Capcarová interviewte ihn.


War es für Košice schwer, den Titel Kulturhauptstadt Europas zu bekommen? 

Die EU wählt jedes Jahr einen Staat des ehemaligen westlichen Europas und einen aus den neuen EU-Beitrittsländern aus. Innerhalb der Staaten wird dann jeweils ein nationaler Wettbewerb ausgeschrieben. Unsere Stadt hat den Titel zunächst in einem solchen Wettbewerb gewonnen, im Endfinale waren zwei Städte: Košice und Prešov. Im letzten Duell hat die Kommission mit einer Stimme Mehrheit zugunsten von Košice entschieden. Mehrere Projekte, die andere Städte vorgelegt hatten, wurden zwar durchaus positiv bewertet, im letzten Moment hat dann aber doch die Stadt Košice den Titel zugesprochen bekommen. Unsere Stadt hat auch deshalb gewonnen, weil wir etwas angeboten haben, das in der Slowakei eine absolute Rarität ist: zum Beispiel, dass aus einer alten Kaserne, einem geschlossenen Armeeobjekt, ein grünes Kulturobjekt für Familien mit Kindern wird. Erwähnenswert vielleicht auch, dass die sog. Wärmetauscher, diese viereckigen geschlossenen Objekte in Plattenbausiedlungen noch aus der Zeit des Sozialismus, zu Spots wurden – also zu kulturellen Kommunikationszentren, die bereits viele Kulturaktionen angeboten haben. Und nicht zuletzt vielleicht auch deshalb, weil sich die Stadt entschlossen hat, eine eigene Kunsthalle zu bauen.
Der Grundgedanke, warum Košice im Kampf um den Titel Kulturhauptstadt erfolgreich war, war der, dass die Stadt immer nur durch den großen Stahlkonzern Východoslovenské železiarne – VSŽ, heute US Steel Košice, bekannt war und durch ihren industriellen Charakter, denn VSŽ war (und ist zur Zeit auch noch) der größte Arbeitgeber in der Region. Im Sozialismus hatte der Konzern 40.000 Beschäftigte. Auch die ganze Siedlung, in der sich auch unser Bürgeramt befindet, ist durch VSŽ entstanden. Da es im Stahlbereich im Moment mit China und Indien starke Konkurrenten gibt, gab es bei uns die Idee, die Stahlstadt in eine Stadt mit anderen Prioritäten zu verwandeln, die auch wirtschaftliche Effekte haben. Kultur nehmen wir deshalb auch als einen wirtschaftlichen Faktor wahr.


Košice ist für die Deutschen eine nahezu unbekannte Stadt. Könnten Sie uns bitte seine Geschichte näherbringen?
Im Jahr 1230 wird Košice erstmals schriftlich erwähnt. 1369 war Košice die erste Stadt in Europa überhaupt, die ein eigenes Stadtwappen erhielt – bis dahin konnten nur adlige Familien ein Wappen haben. Unsere Stadt war damals die erste Stadt in Europa, die von Ludwig dem Großen den ersten Freibrief für ein Stadtwappen erhielt. Košice gehörte damals noch zum ungarischen Königreich. Neben der größten gotischen Kathedrale der Slowakei – dem St. Elisabeth-Dom – hat unsere Stadt auch einen kompakten historischen Kern. 

 

Hier befindet sich ein Altar, der an der äußeren Seite des Doms der Heiligen Elisabeth gebaut wurde – auch das eine Rarität. Ich würde Košice immer noch eine multikulturelle und multinationale Stadt nennen, weil man zunächst sagen muss, dass Košice wirklich eine ungarische Stadt ist, in dem das Ungar-sein durch die ursprüngliche Bevölkerung, die ungarisch sprach, aufrechterhalten wurde. Die ungarische Bevölkerung stirbt langsam aus, aber Košice war einst, noch zu Zeiten Österreich-Ungarns, nach Budapest die zweitwichtigste Stadt der Monarchie. Auch Sandor Márai hat dieses Ungarntum in sich. Košice oder Kaschau war Anfang des 20. Jahrhunderts mit etwa 50.000 Einwohnern auch eine der größten jüdischen Städte. Vor dem zweiten Weltkrieg waren hier fast 25 % Prozent der Bevölkerung jüdisch, etwa 11.000 Juden wurden, auch unter Mitwirkung von Czatari, 1944 in Vernichtungslager deportiert. Trotz der nationalstaatlichen Änderungen in Europa ist und bleibt Košice eine multinationale Stadt. Im April 1945 hatte die erste tschechoslowakische Nachkriegsregierung mit Präsident Edvard Beneš hier ihren Sitz, denn Tschechien und Prag standen zu jener Zeit noch unter dem Protektorat Böhmen-Mähren. Hier wurde am 5. April das Košický vládny program – Kaschauer Regierungsprogramm angenommen. In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts war eine der wichtigsten Meilensteine der Bau des Eisenerzkonzerns Východoslovenské železiarne – VSŽ, das seiner Zeit etwa 23.000 Menschen beschäftigte – die Arbeitsmöglichkeiten zogen auch viele Menschen aus den ostslowakischen Dörfern an. Damit war dann auch der Bau mehrerer Plattenbausiedlungen verbunden. Die Samtene Revolution verlief in Košice wirklich samtig und sanft, weil der damalige Bürgermeister Trebula eine sehr offene Persönlichkeit war, der sein Amt liberal leitete. Nach der Wende wurde VSŽ durch den amerikanischen Investor US Steel privatisiert, das heute mehr als 10.000 Menschen beschäftigt.

 

Was kann man sich unter dem Begriff Kultur Košices / Kaschaus heute vorstellen?

Hierzu würde ich die Geschichte, die der St. Elisabeth-Dom repräsentiert, zählen, die St. Michaels Kirche, das Staatstheater sowie die Staatliche Philharmonie Košice. Unter Kultur unserer Stadt stelle ich persönlich mir auch die Veranstaltung Weiße Nacht – Biela noc vor, eine Präsentation verschiedener Künstler in der Stadt, die einzigartig in der ganzen Slowakei ist. Es ist eine Veranstaltung, die am Vorabend des Internationalen Friedensmarathons Košice, dem ältesten Marathon Europas und dem zweitältesten der Welt, stattfindet. Zur Weißen Nacht kommen jährlich mehr als 50.000 Zuschauer. Im Mai findet hier auch, wie jedes Jahr anlässlich der Erteilung des Stadtwappens, das Festival Košické dni – Kaschauer Tage statt.


Was ist das Besondere an der Kultur der Stadt Košice, was könnte ausländische Besucher hier interessieren?
Im Rahmen der Veranstaltungen der Kulturhauptstadt Košice präsentieren wir auch very very special, die einmalige Ausstellung des Bildhauers kinetischer Statuen Guyla Košice, der seit seiner Emigration in Argentinien lebt. Der gerade entstehende Kulturpark wird auch etwas Besonderes sein, sowie die Objekte der Wärmetauscher-Gebäude, die im Rahmen der Kulturhauptstadt zu den bereits erwähnten Kommunikationszentren wurden. Diese Wärmetauscher-Kultur ist für westliche Besucher sicherlich von Interesse, denn sie findet in Kaschauer Plattenbausiedlungen statt. Einen Besuch wert ist auch die neulich entdeckte Burg mit verschiedenen Ausstellungsorten, die gleichzeitig Teil der Gesamt-Exhibition sind. Im Zentrum der Stadt ist die Töpfergasse – alias Handwerkergasse, neben der gerade eine neue Kulturzone entsteht. In der zweiten Jahreshälfte 2013 wird auch die Kunsthalle Mittelpunkt sein.
 

Wenn deutsche Touristen in die Stadt Košice kommen, ist sicher das Untere Tor mit seinem historischen Eingang sehenswert und der gesamte Komplex Unteres Tor. Direkt in der Stadt kann man den St. Elisabeth-Dom und das Staatstheater besuchen. Das Zentrum ist geprägt von den Bauten des berühmten Kaschauer Architekten Oelschläger und interessant durch die Häuser, die Sandor Marai bewohnte.

 


Worauf ist die Stadt Košice heute besonders stolz?
Natürlich auf den Titel Kulturhauptstadt Europas 2013. Wir sind stolz, dass die Rekonstruktion der Stadt 2012 abgeschlossen wurde und dass man im Moment soviel in die kulturelle Infrastruktur der Stadt investiert wie in keine andere slowakische Stadt. Wir sind auch darauf stolz, dass neue grüne Parks entstehen, die zu Kulturorten werden. Ein typisches Beispiel ist der Stadtpark am Hauptbahnhof, der leider ein Ort von Asozialen und Prostituierten wurde, aber jetzt eine abgezäunte Zone für Kultur, Veranstaltungen, Ausstellungen und Familienvergnügen wird.


Ein besonders starker Punkt für Košice ist die Multikulturalität, beziehungsweise das lange friedliche Zusammenleben verschiedener Nationalitäten oder Minderheiten. Das gehört ja auch zu den Zielen eines modernen Europas. Wie viele Nationen leben in der Stadt?
Neben der starken slowakischen und ungarischen Nation lebt hier eine ruthenische, tschechische und ukrainische Minderheit, dazu kommt schon die erwähnte deutsche Minderheit – die sogenannten Karpatendeutschen. Es leben hier auch viele Bulgaren, auch mein Assistent ist ursprünglich Bulgare. Nach der Wende kamen viele Italiener nach Košice, was sehr interessant ist; es leben hier auch Polen und Vietnamesen. Zu den ursprünglichen Minderheiten der Stadt gehören aber Ungarn, Ruthenen und Ukrainer, Tschechen, Polen und Bulgaren. Wir registrieren keine wirklich gravierenden Probleme im Zusammenleben dieser Minderheiten.


Was ist mit der Roma-Minderheit? Wie viele Roma leben hier und wie haben Sie die Roma in die Projekte der Kulturhauptstadt involviert?
Košice hat im Moment das größte Roma-Ghetto in der ganzen Slowakei – es ist die Plattenbausiedlung LUNÍK IX. Die offiziellen Zahlen sagen, dass dort 4.000 – 5.000 Roma leben. In den Wintermonaten schätzen wir einen Anstieg der Zahlen auf 7.000-8.000 Menschen. Auf dieses Ghetto sind wir natürlich keinesfalls stolz, es gehört aber zu Košice, und wir wollen seine Existenz nicht leugnen. Wir haben ohne Zweifel auch viele talentierte Roma, wir kommunizieren mit dem Roma-Medienzentrum und auch mit vielen Menschen, die mit Roma zusammenarbeiten. Viele Roma-Künstler sind für Kulturhauptstadt-Veranstaltungen geplant und sind auch bei der Eröffnungszeremonie aufgetreten. Im Herbst 2012 gab es ein Roma-Festival, und viele Aktionen fanden direkt in LUNÍK IX statt. Die Leiterin eines SPOTS-Zentrum (Wärmetauscher-Zentrum) ist auch eine Roma-Frau. Es gibt aber leider auch eine negative Seite der Zusammenarbeit mit Roma, viele Integrationsprojekte brauchen viel Zeit. Die andere Seite der Medaille ist: Während der letzten zwanzig Jahre hatten die Roma keine Ahnung davon, dass man in der Siedlung für Miete, Strom, Wasser oder Wärme zahlen soll. Jetzt lernen viele Roma erstmals, dass sie erst dann das Licht anmachen können, wenn sie für den Strom auch zahlen. Sie lernen jetzt, dass man auch arbeiten kann. Mit der Firma US STEEL haben wir ein Projekt mit einundzwanzig Roma am Laufen, die dank dessen eine feste Arbeit haben.

Leider wurde die Arbeitslosigkeit oft sozusagen vom Vater auf den Sohn vererbt – so fehlt den jungen Roma oft die elementare Arbeitseinstellung. Viele arbeiten auch gemeinnützig. Wir müssen vielen Roma aber noch beibringen, dass sie für Miete und Nebenkosten selbst aufkommen müssen.

© Foto: Bürgeramt, Tomáš Čižmmári


Wie fördern Sie talentierte Roma?
Viele engagieren sich in Talent-Zirkeln in den Stadtteilen. Die Arbeit mit Roma ist eine der schwierigsten Aufgaben, umso mehr, weil talentierte, begabte und lernwillige Roma oft keine Unterstützung in ihren eigenen Familien finden.


Gibt es auch berühmte Persönlichkeiten mit Bezug zu Košice, die Sie im Rahmen der Kulturhauptstadt Košice 2013 vorstellen?
Letztes Jahr haben wir mehrere Aktionen zum 25.Todestag von Andy Warhol gehabt, dessen Eltern aus einem ruthenischen Dorf etwa hundertfünfzig Kilometer von Košice stammten und von dorthin auch nach Amerika emigrierten. Dieses Jahr feiern wir wiederum den 85.Geburtstag dieses ruthenisch-amerikanischen Pop-Art-Künstlers. Aus der Region um Košice stammt auch der berühmte slowakische Regisseur Juraj Jakubisko. Die deutschen Zuschauer werden ihn als Regisseur des Märchenfilmes Perinbaba / Frau Holle kennen oder auch als den Macher der Fernsehserie Frankensteins Tante. Im März dieses Jahres organisieren wir Jakubisko-Tage, an denen alle seine Filme gezeigt werden. So ein erfolgreicher Regisseur hat in der Slowakei zurzeit keinen Konkurrenten, bisher ist eine solche Regisseur-Persönlichkeit in unserem Land noch nicht geboren.


Einer der wohl berühmtesten Schriftsteller, der in Košice lebte und wirkte, war der auf ungarisch schreibende Sándor Márai. Welche Veranstaltungen organisieren Sie zu seinen Ehren?
Es ist tatsächlich so, dass Sándor Márai der meist übersetzte Schriftsteller ist, der auf dem Gebiet der heutigen Slowakei lebte. Sándor Márai ist für Košice das, was Franz Kafka für Prag ist. Márai ist einer der zehn meist übersetzten Autoren der Welt. Auch heutzutage werden seine Werke und Erzählungen häufig übersetzt. Obwohl er später nicht mehr in Košice lebte, seine Erinnerungen an das Košicer Bürgertum bzw. dessen Untergang wird in seinen Büchern oft beschrieben. Sehr nostalgisch beschreibt er auch die Atmosphäre unserer Stadt und kehrt in den Erinnerungen immer wieder hierher zurück. Er ist eine der bedeutendsten Persönlichkeiten

von weltweiter Bedeutung. Aus Geldern der EU-Fonds wurde das Gedenkzimmer von Sándor Márai hier in Košice restauriert, ein spanischer Architekt hat es entworfen und realisiert und es wird momentan von der Organisation Košice Tourismus betreut. Wir haben speziell geschulte Stadtführer, sowohl slowakisch als auch ungarisch sprechende, die den Besuchern Sándor Márai und sein Leben in unserer Stadt näher bringen. Wir stoßen auf ein riesiges Interesse seitens der ungarischen und auch der französischen Touristen an diesem überwiegend auf Ungarisch schreibenden Schriftsteller. Sie interessieren sich für sein Werk, sein Geburtshaus und die ganze Problematik um ihn herum. Wir haben schon ein Theaterstück von Márai einstudiert, einen Film gedreht, und es liefen (und werden laufen) Lesungen aus seinen Werken. Márai hat neben Theaterstücken auch Bücher, Erzählungen und Feuilletons geschrieben, sein berühmtester Roman ist wahrscheinlich der Roman Die Kerzen brennen ab.  

  

Als eine weitere Persönlichkeit, die im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas (KHE) haben Sie den vor fast dreißig Jahren verstorbenen Architekten mit den zum Teil deutschen Wurzeln Ludwig (Ľudovít) Oelschläger ausgewählt. Was war sein Beitrag zur Geschichte der ostslowakischen Stadt?

Wir haben in Košice mehrere emblematische Bauten vom Architekten Oelschläger, die für die Stadt typisch sind. Sein Werk nehmen wir tagtäglich wahr, obwohl er nach 1945 bis zu seinem Ende im ungarischen Miskolc lebte. Er ist der Architekt mehrerer Gebäude in der Stadt, darunter die Orthodoxe Synagoge und die ehemalige Jüdische Schule auf der Puškinova-Strasse, das Rathaus-Gebäude auf der Hlavná-Strasse, in dem vorher das Kino Slovan war sowie die Feuerwehr-Kaserne auf der Požiarnická-Strasse und einige weitere typische Gebäude unserer Stadt. Seine Bauten stehen in der Hohen Tatra sowie – über die Grenzen der Slowakei hinaus – im ukrainischen Mukačevo und Užhorod und in ungarischen Städten. Viele Bewohner unserer

Stadt gehen tagtäglich an Oelschlägers Bauten vorbei und wissen nicht, von welchem Architekten sie stammen. Mit dem Hervorheben seiner Persönlichkeit im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas wollen wir auf ihn aufmerksam machen, denn er hat es durch sein umfangreiches und für damalige Zeiten ausgesprochen modernes Werk verdient.


Wir haben schon über Persönlichkeiten der KHE 2013 der ungarischen, ruthenischen und der deutschen Abstammung gesprochen, gibt es eine Persönlichkeit jüdischer Herkunft, die sie der Öffentlichkeit vorstellen?
Ich denke, dass sich der slowakisch-argentinischer Bildhauer Gyula Košice bereits zu seiner jüdischen Abstammung bekannt hat. Wenn wir aber bedenken, dass einst ein Viertel der Kaschauer Bevölkerung jüdisch war, pulsiert vielleicht in jedem hier geborenen Stadtbewohner ein Teil jüdischen Blutes. Was mir persönlich sehr leid tut, ist die Tatsache, dass es den jüdisch-stämmigen und angesehenen Persönlichkeiten der Stadt so schwer fällt, Gelder für ein jüdisches Denkmal in der Stadt, zum Beispiel für die Sanierung der Synagoge auf der Zvonárska-Strasse aufzutreiben. 2013 findet auch das Festival der jüdischen Kultur MAZAL TOV statt, und im Rahmen des Festivals der sakralen Kunst werden wir auch einen Teil dem Judentum widmen. Worauf wir besonders stolz sind ist die Tatsache, dass wir hier eine gut funktionierende Ökumene haben; es finden gemeinsame Messen und Festivals der katholischen, griechisch-katholischen, calvinischen, russisch-orthodoxen und jüdischen Gläubigen statt. Vor kurzem haben wir auch ein Buch über die Ökumene in Košice herausgegeben.

Eine weitere Persönlichkeit, die wegen ihrer deutschen Abstammung interessant sein könnte, ist der ehemalige slowakische Präsident und einstige Bürgermeister von Košice, Rudolf Schuster. Wie war seine 'deutsche Führung' in der Stadt zu spüren?
Der ehemalige Oberbürgermeister Rudolf Schuster gehörte der deutschen Minderheit um das Städtchen Metzenseifen (auf Slowakisch Medzev) an. Schuster war Karpatendeutscher und einer der geschicktesten Leader der Stadt, unabhängig davon, in welchem der Regime er gerade agiert hat – einst war er Chef der sozialistischen Kreisvolksverwaltung, dann nach der Wende Botschafter der Tschechoslowakischen Föderativen Republik in Kanada, dann fünf Jahre Bürgermeister von Košice und später dann Staatspräsident der Slowakei. Schon zu Zeiten des Sozialismus hatte Schuster die Partnerschaft mit der Stadt Wuppertal in die Wege geleitet und während seiner Amtszeit einen Großteil des Stadtzentrums komplett rekonstruieren lassen. Ich war selber schon mehrmals in Wuppertal, und die Wuppertaler kommen zu uns. Es gibt eine fundierte Zusammenarbeit der Technischen Universität in Košice mit Wuppertal. Die beiden Städte nutzen die EU-Fonds für gemeinsame Projekte. Die Partnerschaft mit Wuppertal trug vielleicht auch dazu bei, dass die IT-Firma T-Systems, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Telekom, nach Košice kam. Diese Firma beschäftigt mittlerweile etwa 2.500 Mitarbeiter und hat die Absicht, in Košice und in Umgebung eine Art slowakisches Silicon Valley aufzubauen.


Viele Projekte der KHE 2013 tragen in ihrem Namen das Wort Kreativität – ist die Kreativität typisch für Košicer?

Meiner Meinung nach: Nein. Kreativität ist eben das, wohin wir gelangen wollen. In denke, dass es Kreativität im Košicer gibt, leider hat sie das Licht der Welt noch nicht erblickt – das betrifft auch unsere Gedanken. Bisher wurde Košice als Stahlkonzern-Stadt charakterisiert und meistens von den Bewohnern auch so wahrgenommen. Gerade dank der Kunstfakultät der hiesigen Universität, dem Projekt KHE 2013 und IT-Valley werden allerdings die Grundlagen dafür geschaffen, dass Leute beginnen, in der kreativen Industrie tätig zu werden. Kreativität sagt vielen Menschen vielleicht wenig, sobald hier aber kreative Industrie die ersten Arbeitsplätze schaffen wird, werden die Menschen den Begriff besser verstehen können. Wir haben hier auf jeden Fall billigere Arbeitskraft, und das nicht nur im Vergleich zur Hauptstadt Bratislava, sondern auch im Vergleich zu Westeuropa. Viele können die kreativen Installationen auf der Straße nicht als Kunst verstehen; es gibt aber viele, die in diesem Sektor Geld verdienen, es werden 3D-Bilder geschaffen, der Werberaum für Firmen wird kreativ entworfen. Ich meine, dass Kreativität die Zukunft der Stadt ist.


Viele kreative Menschen aus der Ostslowakei waren aber bisher gezwungen, ihren Geburtsort im Osten zu verlassen und verwirklichten sich in Bratislava oder im Ausland. Wir haben einen Spitzenautodesigner von hier, der Chefdesigner bei General Motors in Shanghai ist, herausragende ostslowakische Musiker in London und in den USA. Ein talentierter Harfenist aus Prešov gastiert regelmäßig im Orchester um George Michael. Wir haben diese Künstler aber nicht dort, wo wir sie am meisten brauchen – zu Hause. Viele junge Künstler beschweren sich zu Recht über den Mangel an kreativen Jobs in der Region und fehlenden Möglichkeiten zur Verwirklichung künstlerischer Ideen. Kann das KHE 2013 daran etwas ändern?

Ich bin zwar kein Künstler, ich sehe aber das KHE-Projekt als ein ökonomisches Mittel für die Entwicklung unserer Stadt in die Zukunft hinein. Vielleicht klingeltt es bei einigen in den Ohren, wenn ich erwähne, dass zusammen mit der Technischen Universität ein eingetragener Verein gegründet wurde – ein kreativer Cluster, der die Bedingungen für die Arbeit kreativer Künstler schaffen kann. Das heißt, sie sollen mit minimalen Kosten ihr Business starten und mit ihrer Idee und ihrem Talent in unserer Stadt weiter leben können. Es geht um Start-ups, die von der Technischen Universität ausgehen können. Ein Ziel des KHE-Projekts ist auch, die Wirtschaft in der Region anzukurbeln.


Laut der neuesten Wirtschaftsstatistiken wird die Kluft zwischen Bratislava mit der Westslowakei und der Ostslowakei immer tiefer. Košicer und Prešover Kreis melden landesweit die höchste Arbeitslosigkeit. Viele Außenstehende wundert es, dass es gerade der Kreis um die zweitgrößte Stadt der Slowakei ist?
Ja, unser Kreis hat tatsächlich große Probleme mit der Arbeitslosigkeit, im Durchschnitt beträgt sie zwanzig Prozent. Košice hat im Moment eine zehnprozentige Arbeitslosigkeit. Wir wollen aber erreichten, dass sich Košice wenigstens ein bisschen der Hauptstadt Bratislava annähert. Wir werden hier keine Firmenhauptsitze, Ministerien, Botschaften und Headquarters wie in Bratislava haben, vielleicht gelingt es uns aber, ein touristischer und kultureller Gegenpol zu sein.


In Deutschland wäre es nicht möglich, dass es zwischen der Hauptstadt und der zweitgrößten Stadt des Landes solche Unterschiede gäbe, die wir zurzeit zwischen Bratislava und Košice haben. Einer der Gründe scheint zu sein, dass die Karrieremenschen und Politiker aus der Ostslowakei den Osten und die eigene Herkunft beim Umzug nach Bratislava meistens sofort vergessen. Was tun Sie persönlich als Politiker dagegen?

Ich persönlich habe den Posten des Gesundheitsministers aufgegeben und bin hierher zurückgekehrt (Raši lacht dabei). Ich habe auch ein paar Witze und Geschichten über Bratislaver parat. Ich sehe die einzige Chance in der Schaffung von Arbeitsplätzen, in der Kultur und in der Fertigstellung der Autobahn Bratislava-Košice, die sich unheimlich hinzieht. Diese Autobahn ist natürlich wichtig für Investoren, wobei wir – wie richtige Ostslowaken eben – erfinderisch sind und den Investoren im Moment die Autobahn Budapest-Miskolc-Košice empfehlen.

 

Welche der Aktionen der KHE 2013 sollten Deutsche oder Österreicher unbedingt sehen?

Auf jeden Fall sollten sie das Konzert des hervorragenden Tokyo Metropolitan Symphony Ochestra am 26. Mai 2013 nicht verpassen und natürlich Bürgermeister und Vizebürgermeisterin mit eigenen Augen sehen (lacht), denn mich und meine Vertreterin kann man überall in der Stadt treffen. Wir haben noch keine Angst, durch die Stadt zu laufen und sind bei fast allem dabei, was mit oder in der Stadt lebt. Die Besucher sollen zwischen Mai und September auf jeden Fall die Atmosphäre der Stadt kennenlernen und genießen, Wein, Bier oder Kaffee trinken und dabei dem singenden Brunnen auf der Hauptstraße zuhören. Wir organisieren auch ein Gourmetfest und ein Weinfest, Weiße Nacht und Internationalen Friedensmarathon sollte man auf keinen Fall verpassen. Die neuen Objekte, die im Rahmen der KHE 2013 gebaut wurden, haben auch im Slowakischen deutsche Namen, sie heißen „Kulturpark“ und „Kunsthalle“. Ein Grund dafür ist, dass wir eine große Affinität zu Deutschland und zwar sowohl zu den alten wie den neuen Ländern haben. Von allen unseren Partnerstädten steht uns Wuppertal imaginativ am nächsten, obwohl diese deutsche Stadt, gemessen an unseren anderen Partnerstädten, am weitesten entfernt liegt.


Sie empfehlen die Hauptstraße (Hlavná ulica), ein Drittel der Gewerbetreibender und Ladenbesitzer ist aber mittlerweile aus dieser Straße weggezogen. Was sind die Gründe dieser deren Entscheidung?
Ja, die Verkaufsfläche ist tatsächlich geschrumpft, die Anzahl der Cafés und Restaurants zum Glück gestiegen im Vergleich zur Vergangenheit. Die klassischen Geschäfte sind in die Einkaufszentren umgezogen, die Eröffnung des Einkaufszentrum Aupark am Ende der Hauptstraße hat viele Geschäfte dorthin gezogen, die Hälfte der Hauptstraße, angefangen mit

dem Staatstheater Richtung Tesco, ist reich an Cafés und Restaurants. Im Stadtzentrum soll man, meiner Meinung nach, eher Kultur und Essen genießen, diese Einrichtungen sollen teilweise durch Touristen 'mitfinanziert' werden. Wir unterstützen die Besitzer von Cafés und Restaurants auch damit, dass wir ihnen die Möglichkeit des Kaufs anbieten, nachdem sie die Räume, die der Stadt gehörten, rekonstruiert haben. 


Die Gelder aus dem Projekt Kulturhauptstadt Europas gibt es aber nur für die nächsten vier, fünf Jahre. Im Moment sieht es so aus, dass die Unterstützung der Kultur keine Priorität der slowakischen Regierung ist. Wie können dann die neuen Kulturinstitutionen erhalten bleiben?
Eine gute Frage an den slowakischen Kulturminister! Ich kann aber sagen, dass wir hier ein anderes Modell versuchen – dass durch Creative Factory oder Steel Park repräsentiert wird. Das heißt, dass die Businessträger in der Stadt sich manche der neuen Kulturobjekte aneignen. Zum Beispiel US Steel Košice verpflichtete sich, eine halbe Million Euro in die Creative Factory zu investieren. Diese soll moderne kreative Technologien nutzen und zeigen, wie aus Eisenerz Stahl und Stahlblech produziert wird und wie sie in der Automobilproduktion und in die Endprodukte verwandelt werden. Wir wollen, dass die Košicer Niederlassung der deutschen Firma RWE Partner der Kunsthalle wird. Wir bemühen uns, Unternehmen zu finden, die die eigene Marke und ihr Geld in die nachhaltige kulturelle Entwicklung der Stadt geben. Laut Verpflichtungserklärung der EU müssen wir eine fünfjährige Aufrechterhaltung garantieren. Mit diesem Projekt fangen wir eine neue Zukunft für unsere Stadt an, und die sollte nicht nach fünf Jahren zu Ende sein. Das Projekt wird von zeit zu zeit bewertet und dann geschaut, ob die Programmlinien erhalten geblieben sind. EU-Kontrollen hatten wir erst kürzlich, und wir selbst fahren nach Brüssel wegen der regelmäßigen Berichte über die Aktionen im Rahmen der KHE 2013.


Und last but not least: Gibt es ein Motto, dass Ihr jetziges 'Oberbürgermeister-Dasein' beschreiben würde?
Mein gesamtes Wirken als Bürgermeister wird durch das beeinflusst, was gerade geschieht – durch die Kulturhauptstadt Europas. Sicher bin ich jetzt Bürgermeister der sich momentan am dynamischsten entwickelten Stadt in der Slowakei. Wenn sie eine andere slowakische Stadt nehmen, nirgendwo geschieht momentan so viel wie hier. Hier findet Kultur statt, hier werden riesige Investitionen gemacht, trotz der Krise entwickelt sich hier die IT-Industrie und auch kreative Industrie, worunter sich viele Menschen nicht viel vorstellen können. Mein Motto ist einfach und lautet: „Pure Dynamik“.


 

Herr Raši, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.


Zur Person von Richard Raši
„Natürlich fehlt mir der weiße Kittel“, sagte der studierte Mediziner, ehemalige Gesundheitsminister der Slowakei und Bürgermeister der diesjähriger Kulturhauptstadt Europas Košice, Richard Raši bei seinem Wechsel
 

in die Politik und Stadtpolitik. „Ich bin aber ein Lokalpatriot, deshalb habe ich meinen Posten in Bratislava aufgegeben und bin nach Košice zurückgekehrt“, bekennt der 42-jährige Politiker. Während seiner Tätigkeit als Arzt und Direktor der Universitätsklinik in Bratislava absolvierte Raši Forschungs-Aufenthalte in der Schweiz, in Frankreich, Schweden und in den USA. Der Chirurg und geborene Košicer ist seit Dezember 2010 im Amt. Zu den Hauptprioritäten seiner Amtszeit gehören laut seinem Wahlprogramm das Anlocken von Investoren in die ostslowakische Stadt, die Senkung der Arbeitslosigkeit in der Region, die Unterstützung der Kultur der Stadt, die Förderung von Košice als Universitätsstadt und die Erweiterung der Grünflächen in der Stadt. Im Moment ist er hauptsächlich mit der erfolgreichen Durchführung der Projekte der Kulturhauptstadt Europas 2013 beschäftigt. Der Sozialdemokrat und Mitglied der Partei SMER ist verheiratet und hat drei Töchter.

 


© Text und Fotos: Daniela Capcarová

28.02.2013

 

 



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