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Spuren und Lesarten

 - Zu Franz Kafka - 

von Marie-Luise Wünsche


 

Der Prozess der literarisch und literaturwissenschaftlich motivierten Kafka-Text-Exegese scheint von vornherein ein immerwährender zu sein. In dieser lebendigen Unabschließbarkeit ist er jenem titelgebenden Prozess verwandt, auf den er sich oft bezieht. Nach wie vor entstehen  unzählige Beiträge zu ausgesuchten Teilaspekten des Kafka´schen Lebens/ Werks und überzeugen  oft gerade deshalb, weil ihr eigener Forschungsausgangspunkt perspektivisch im Vergleich zu  älteren Beiträgen nur leicht verschoben ist, jedoch umso ertragreicher das Gegenstandsfeld inspiziert und diesem angemessen die eigenen Ergebnisse in einer intendiert unentschiedenen  Schwebe zwischen Rekonstruktion und Konstruktion des typisch ‚Kafkaesken‘ hält. Und immer noch gilt Walter Benjamins Warnung nicht nur vor der kabbalistisch-religiösen Lesart Max Brods: „Zwei Wege gibt es, Kafkas Schriften grundsätzlich zu verfehlen. Die natürliche Auslegung ist der eine, die übernatürliche der andere; am Wesentlichen gehen beide – die psychoanalytische wie die theologische – in gleicher Weise vorbei.“ 1  (s. hier:Benjamin über Kafka

 

Auch noch mit Rückblick auf den 2008 begangenen 125. Geburtstag lässt sich die Qualität der anlässlich dieses Ereignisses vorgelegten Publikationen daran ablesen, wie deutlich sie einer solchen Gefahr der substantiellen Vereinnahmung entgehen. Ein weiterer Gradmesser steht noch zur Verfügung, um zu klären, wie entschieden das vielzitierte, mit dieser Warnung vor dem ontischen Hunde zusammenhängende andere Postulat Benjamin´scher Kafka-Interpretation ernst genommen wird, wonach spätestens mit dem Naturtheater Oklahoma als Schauplatz des ersten Romanfragments das Gestische und mit ihm die Polyvalenz an Bedeutung für das Schreiben gewinnt: „Dann erst wird man mit Sicherheit erkennen, dass Kafkas ganzes Werk ein Kodex von Gesten darstellt, die keineswegs von Hause aus für den Verfasser eine sichere symbolische Bedeutung haben, vielmehr in immer wieder anderen Zusammenhängen und Versuchsanordnungen um eine solche angegangen werden.“ 2

Alle im Folgenden vorzustellenden Beiträge setzen nun genau hier mit der sehr bewusst angenommenen Herausforderung an, die darin liegt,dass eine Auseinandersetzung mit der „Werkwelt Kafkas“ 3 immer auch eine Auseinandersetzung bedeutet mit genau dieser hier grob skizzierten Tradition der Auslegung und ihren methodischen und materialen Voraussetzungen. So stellen die Beiträge des ersten Sammelbandes vor allem Lesarten vor, die Kafkas Schriften nicht hermeneutisch deuten oder strukturalistisch mit Hilfe von Oberflächen- und Tiefenstrukturen darstellen wollen. Vielmehr zielen sie in ihrer Mehrheit auf die kritische Entgegnung oder Ergänzung derartiger Zugangsweisen. Damit zusammenhängend beharren sie ebenfalls auf dem Recht, an historisch bedingten, ausgesprochen wechsellaunigen (medialen) Oberflächen Diskurse, Vernetzungen und deren Effekte beobachten und in einem zweiten Schritt auch ästhetisch respektive poetologisch bewerten zu können.

Dies vollzieht sich jedoch anders als innerhalb jener Ansätze „der Bewohner des ‚hermeneutischen‘ Feldes“ (S. 7), um hier eine von H.U. Gumbrecht stammende Charakterisierung aufzugreifen, die die Herausgeber Friedrich Balke, Joseph Vogl und Benno Wagner wohl nicht von ungefähr in der Einleitung aufgreifen. Mit Rekurs auf Foucault und dessen diskurshistorisch begründete sowie eingeführte Ersetzung des Begriffs ,Leben‘ durch den des ,Biopolitischen‘ und in Anbindung an neuere medientheoretische Ansätze, an systemtheoretische Überlegungen im Anschluss an Luhmann, endlich auch aufbauend auf den Ergebnissen der jüngeren Kafka-Forschung zu seinen dienstlichen Schriften, geraten in diesem Band zwei Schreibprojekte der Moderne in den Blick: das Nietzsches und das Kafkas. Materiale Grundlage bildet die von Gerhard Neumann, Malcom Pasley u. a. besorgte Kritische Ausgabe der Schriften, Tagebücher und Briefe von Franz Kafka im Fischer Verlag. Berücksichtigt wird auch die ebenfalls in diesem Rahmen von Klaus Hermsdorf und Benno Wagner besorgte Herausgabe der Amtlichen Schriften Kafkas, die seit 2004 eine ganz neue Perspektivierung innerhalb der Kafka-Forschung zulässt. Der zweite, von Irmgard M. Wirtz herausgegebene Sammelband stellt Literaturwissenschaftler, Autoren und Künstler vor, die sich Kafka verschrieben. Er ist ohne die noch nicht abgeschlossene editorische Sisyphusarbeit von Roland Reuß (Stroemfeld Verlag Frankfurt/Main-Basel; in Zusammenarbeit mit Peter Staengle), eine historisch-kritische Faksimileausgabe herauszugeben, undenkbar. Gerade weil beide Sammelbände methodisch deutlich unterschiedliche Schwerpunkte setzen, bieten sie sich an, will man den Nutzen des gegenwärtigen Status quo zweier historisch-kritischer Werk-Ausgaben mit einem analytischen Blick auf Ergebnisse der neuesten Kafka-Forschung skizzieren.

 

Nietzsche und Kafka
Der erste Band kündigt bereits mit dem Zarathustra entliehenen Untertitel „Für Alle und Keinen“ ein längst überfälliges Forschungsinteresse an. Dieses will den potentiellen Gemeinsamkeiten und Differenzen zweier Schriftführer der Moderne nachspüren, indem das Verhältnis dreier Bezugsgrößen zueinander von einem diskurshistorischen Blickwinkel aus beobachtet werden soll, der zugleich an politisch-poetisch-poetologischen Texturen und Transformationsmechanismen interessiert ist. So jedenfalls zeigt es schon der von den Herausgebern neu hinzugefügte Untertitel der Aufsatzsammlung an (oder: impliziert es schon).

 

Im ersten, als „Lebensschrift“ ausgewiesenen Teil, spürt Joseph Vogl (Lebende Anstalt) in Detailstudien jenen Aspekten genauer nach, die die Herausgeber in ihrer Einleitung bereits als „Verschiebungen“ benannten, „die der Historismus für die Ökonomie des Wissens und die Massenpresse für die Ökonomie der Rede bedeuten“, und die sowohl Nietzsches als auch Kafkas „Schreibprojekte motiviert“ (S. 7). Von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre ausgehend, dessen „Turm“-Schauplatz Vogl bereits eine „biopolitische Funktion“ zuweist, skizziert er die „Genese dessen [. . .], was man Institutionenroman nennen kann“ (S. 23). Gerade für Kafkas Literatur sei diese als von ihm in typischer Weise überbotene Gattungstradition relevant, da sie „eine wechselseitige Absorption vollzogen“ habe. Deshalb präsentiert sie „individuelle Lebenssubstrate ausschließlich in institutionell kodierter Form“ (S. 24 f.). Nach der Analyse der spezifischen Erzählräume, die weniger topographisch als topologisch funktionieren, kann als Fazit festgehalten werden: „Ausgehend von der Überlegung, dass sich das Verhältnis von Literatur und Leben – in einer langen abendländischen Geschichte – auch an einem Verhältnis von Genre, Genus und Gattung, von Lebensform und poetischer Form ablesen lässt, muss man bei Kafka wohl eine konstitutive Entformung bzw. Deformation hier wie dort konstatieren.“ (S. 32 f.)

Friedrich Balke (Die Kraft des Minimums. Szenarien des Ressentiments bei Nietzsche und Kafka) verortet Kafkas „Lebensschrift“ im Umfeld der Nietzscheanischen Philosophie des Leibes. Für Nietzsche und für Kafka hängen ihre Schaffensprozesse und Produktionskrisen danach nahezu notwendig von einer gewissen körperlichen Grundschwäche ab. Während Nietzsche zwecks konstitutioneller Selbstbeobachtung jedoch nur „Register der Physiologie“ bemüht, öffnet Kafka zwecks Beobachtung der eigenen Konstitution ebenfalls die Register der Neurologie und Psychopathologie (vgl. S. 35 ff.). Tatsächlich scheinen Kafkas Tagebuchnotizen ja nahezulegen, dass er die von den Ärzten ihm angetragene Diagnose, er sei ein Neurastheniker, recht kritiklos annahm, während Nietzsche, was auch Balke anführt, sich ebenso willig auf die Feststellung eines Arztes berief, wonach die körperliche Pein an seinen Nerven ganz bestimmt nicht läge (vgl. S. 39). Berhard J. Dotzler (,Nur so kann geschrieben werden‘. Kafka und die Archäologie der Bio-Informatik) entleiht den Obertitel seines Essays einem der wohl am häufigsten zitierten Tagebuch-Eintragungen Kafkas, die sich als Selbstreflexion eigener Autorschaft respektive Schreibarbeit lesen lassen. Sehr beeindruckend nimmt er damit eines der Lieblingsthemen schon der frühesten Kafka-Forschung von einem entschieden verschobenen Blickwinkel aus erneut unter die Lupe. Die Verhältnisse geraten so noch einmal auf den Prüfstand: erstens jenes Verhältnis von Schreibpraxis und Reflexion der Schreibpraxis (oder: vom Schreiben selbst, verstanden als Erzählprozess zum Schreiben übers Schreiben, verstanden als Reflexionsprozess der Bedingungen des Erzählens) und jenes des ästhetischen Produktes zum Kafka´schen Postulat der Besinnung auf ‚kleine Literaturen‘ und zur vorausgehenden traditionellen Literatur. Dies gelingt vor allem am Beispiel des Romans Das Schloss und der Sonderbergh´schen Verfilmung dieser Romanvorlage, als wäre es „ein Schauerroman – aber ist er das nicht?“ Dabei kommt Dotzler der „Schrift also, die vom Körper Besitz ergreift“ (S. 65) gerade deshalb diskurshistorisch näher als es viele hermeneutische Lesarten bisher vermochten, weil er beide Schreibtische Kafkas – den des Nachtautors und den des Versicherungsbeamten – als in den Dienst dieses Schreibprojektes gestellte Räume befragt. Gegenstandsfeld sind natürlich auch die kleineren, fragmentarischen Schreib-Szenen, die es gerade nicht symbolisch zu befragen gilt, sondern die als „Worterfindung“ auszuhalten sind, welche der „Statistifizierung“ als Sujet der Literatur von Balzac bis Fontane etwas so Unerhörtes, so Unhörbares entgegenzusetzen haben: die Sprache selbst als vorrangiges Erzählthema und zentraler Romaninhalt. Dotzler gelangt mit anderer Methodik zu frappierend ähnlichen Ergebnissen früherer Ansätze werkimmanenten Bemühens, etwa von Beda Allemann, der in den 1960er Jahren bereits auf das permanente Aufschieben der eigentlichen Erzählhandlung im engeren Sinne zu Gunsten „fortlaufende[r] Scheinbewegungen“ 4 als konstituierendes Moment bei Kafka, als das eigentlich ‚Kafkaeske‘ dieser Literatur verwies. Dotzlers Fazit: „Demgegenüber wird mit Kafka und der modernen Literatur das stochastisch regierte Wortmaterial selber zum Subjekt des Schreibens. In ihm das Wissen zu entdecken, das ein solches Schreiben nicht bloß abbildet, sondern realisiert, bleibt die noch unerledigte Aufgabe.“ (S. 78)

Gerhard Neumanns Aufsatz zum etwas anderen Tier ‚Mensch‘ (Der Affe als Ethnologe. Kafkas Bericht über den Ursprung der Kultur und dessen kulturhistorischer Hintergrund) beschreibt eine grenzvernarrte Tour d’horizon, die das Terrain der Grenzgänge von vornherein absteckt mit dem ersten, von Nietzsche stammenden Motto, wonach „Kein Thier [. . .] so sehr Affe [ist] als der Mensch.“ - und dem zweiten, von Hofmannsthal stammenden, wonach „Vergewaltigung der Natur [. . .] ein starkes Ingrediens unserer Kultur seit hundert Jahren“ ist (S. 77). Am Beispiel der frühen Erzählung Quidquid volueris (1837) von Gustave Flaubert und Kafkas gattungskritisch schwer zu klassifizierendem Text Ein Bericht für eine Akademie (1917) entwirft Neumann mit Rekurs auf gegenwärtige anthropologische Verortungen im Umfeld von Verhaltensforschung (Frans de Waal), Philosophie (Peter Sloterdijk) und Wissenschaftshistorik (Giorgio Agamben) Ansichten eines Artgenossen, zu dem der Selbstentwurf wesentlich dazugehört und für dessen Ursprung es „keine naturwissenschaftlichen Beweise gibt“, so dass „poetische, politische und ökonomische Narrative an deren Stelle“ treten (S. 88). Das besondere Moment der Beobachtungsleistung des literarischen Affen Rotpeter sieht Neumann darin, dass hier „Menschwerdung autopoetisch von einem Tier in Szene gesetzt wird“ (S. 94). Mit Bezug auf die Novelle Verwandlung kann so herauskristallisiert werden, dass diese Art der Metamorphose für Kafka einen unhintergehbaren „Lebensschock“ bedeutet. Im Kontext der keineswegs mehr mythischen Thematik eines Halbwesens zwischen den Arten, denn ‚Rotpeter‘ ist ja einfach nur nicht mehr Affe und noch nicht Mensch, sondern allenfalls dressiert auf einen humanen Habitus, erscheint, denkt man Sigmund Freud weiter, die vierte Kränkung des menschlichen Individuums als Hybrid aus Organismus und Technik (vgl. S. 96).

Philipp Theisohn (Die missratenen Söhne des Kastellans Franz Kafka: Das Schloß oder der Roman des XII. Kongresses) liest zum Abschluss dieses ersten Teiles Kafkas dritten und letzten, ebenfalls Fragment gebliebenen Roman Das Schloss, wie schon Max Brod und andere vor ihm, im Zusammenhang kabbalistisch-religiöser, vor allem aber zionistischer Selbstentwürfe jüdischer Kreise der Moderne. Seine Lesart überrascht letztendlich trotz dieser vermeintlichen Nähe zu vorangehenden Forschungsansätzen. Sie zielt keineswegs auf eine platte Erklärung des zionistischen Gedankenguts durch Romanmotive respektive der biographischen Ausdeutung gewisser Leitgedanken unter zu Hilfenahme bestimmter Fakten, wie sie etwa Max Brods Kafka-Biographie (1937) noch so wirksam fingierte. Theisohn macht „die Bedeutsamkeit der zionistischen Bewegung nicht in ihren jüdischen ‚Dresscodes‘, sondern in den von ihr erarbeiteten Kulturverfahren“ aus, so dass ihm „die Wiedergeburt der jüdischen Nation nicht in erster Linie eine Frage von Sprachlichkeit oder Religiosität, also: eine Frage von Identität, sondern eine Frage der Verwaltung und der Kommunikationstechnologie“ wird (S. 101).

Hubert Thüring (Der alte Text und das moderne Schreiben. Zur Genealogie von Nietzsches Lektüreweisen, Schreibprozessen und Denkmethoden) eröffnet den Themenkomplex „Lektüre/Umschrift“. Auch wenn es ihm zunächst um Nietzsches Schreibszenen geht, zeigt er, wie man philologisch den Moment im Nachhinein umschreiben könnte, in dem Kafka Nietzsche (erstmals) gelesen haben mochte, der zugleich jener gewesen sein mag, der aus der Lektüre eine Umschrift machte. In Nietzsches „autobiographische[m] Dekret“: „Das Eine bin ich, das andere sind meine Schriften“, stecke „ein ‚Bewusstsein‘ für die Spannung des Leben-Schreiben-Texts und damit auch für jenes Material, das weder zum einen noch zum anderen zu schlagen ist“ (S. 140). Hiermit wird gleichsam ein Punkt auf der von Wiebrecht Ries schon 1973 umschriebenen „Entzugslinie der Wahrheit“ als Referenz sowohl des Schreibens von Nietzsche als auch des Schreibens von Kafka markiert, der sich in jene so gern zitierte Briefoffenbarung an Felice Bauer verwandelte: „Der Roman bin ich, meine Geschichten bin ich.“ 5  
Wolf Kittler liest im Anschluss Kafkas ersten Roman Der Verschollene unter dem Stern des Dead Beat Father und sozusagen „vor dem Gesetz“, allerdings nicht metaphorisch oder symbolisch, sondern in Relation zu einigen zu Kafkas Zeiten juristisch positiv vorgegebenen Paragraphen: Karl Roßmanns Auszug in das andere, in das US-amerikanische ‚gelobte Land‘ erscheint plötzlich fiktionsimmanent notwendig und nicht als weiter kaum nachvollziehbare Grausamkeit der „armen Eltern“, von denen er „nach Amerika geschickt worden war, weil ein Dienstmädchen ihn verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte“ (S. 161).6 Liest man der Figuren Schicksale in Bezug auf das allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch für das Kaisertum Österreich, so konnten die „armen Eltern“ des mittellosen Karl nur dann der Zahlung von Alimenten entgehen, wenn es ihnen gelang, den Sohn verschwinden zu lassen (vgl. S. 165). Malte Kleinwort (Rückkoppelung als Störung der Autor-Funktion in späten Texten von Friedrich Nietzsche und Franz Kafka) resümiert am Beispiel von Ecce Homo und Josefine, wie innerhalb dieser Texte „die Autor-Funktion herunter geregelt und sich wie eine Membran durchlässig macht für das ,übliche‘, das ,tagtägliche[ ]‘ Pfeifen‚ [. . .], für das Gerede, die Diskurse, die Vorahnungen und blinden Spekulationen“ (S. 198).
Im dritten Teil („Kafkas Nietzsche-Spiel“) perspektivieren die Forschungs-Lektüren Kafkas Nietzsche-Lektüre. Andreas B. Kilcher (Das Theater der Assimilation. Kafka und der jüdische Nietzscheanismus) versucht, Kafkas Schreibverfahren in zweifacher Hinsicht als ein assimilatives Schreibverfahren zu deuten: Es „erweist sich genauer insofern im doppelten Sinne als ‚assimilativ‘, da es erstens „metaphorisch gesprochen“ ein „umwandelndes Schreiben ist“ und zweitens, „im buchstäblichen“ Wortsinn ein „lesendes Schreiben“ ist, dass Gelesenes in das zu Schreibende „integriert“ (vgl. S. 203). Und natürlich zählte zu Kafkas Lektüren vieles, was unter dem Namen Nietzsche in die Archive der Moderne Eintritt beanspruchte. Wohl aber suchte Max Brod von Beginn an den Wert dieser Nietzsche-Lektüren für Kafka-Text-Exegeten zu marginalisieren, ähnlich nachhaltig etwa wie Freud die Relevanz der Artistenmetaphysik Nietzsches und seiner Affektenlehre für die Psychoanalyse, heftig bestritt. Möglicherweise ist mit diesem Brod´schen Ablenkungsmanöver der zentrale Grund dafür benannt, dass bis zu dieser Band-Publikation die Frage, wie genau Kafka Nietzsche las, oder jene, worin Differenzen und Gemeinsamkeiten dieser beiden Inkarnationen der Moderne liegen könnten, so gut wie gar keine Rolle innerhalb der international aufgestellten Forschung spielten. Benno Wagner (Die Versicherung des Übermenschen. Kafkas Akten) schließt die Annäherungen an Nietzsche und Kafka, die sich über die Begriffe ‚Lektüre, Schrift und Leben‘ organisieren, mit höchst bemerkenswerten Betrachtungen zu Kafkas Nietzsche-Lesespiel ab. Er beginnt mit einem Zitat der Bedenken von Max Brod gegenüber einem derartigen, ihm als ungeheuerlich erscheinenden Vergleich Nietzsches und Kafkas: „Nietzsche ist ja in der Geschichte des letzten Jahrhunderts der fast mathematisch genaue Gegenpol Kafkas. Es zeigt die Instinktlosigkeit mancher Kafka-Erklärer, dass sie sich nicht scheuen, Kafka und Nietzsche [. . .] auf einer Ebene zusammenzubringen – als ob es hier irgendwelche noch so vage Bindungen, Vergleichsmöglichkeiten und nicht den puren Gegensatz selber gäbe“ (Brod, zitiert nach Wagner, S. 259).7 Einige Zeilen zuvor aber postulierte Wagner bereits eine andere Sichtweise auf das antipodische Verhältnis von Kafka zu Nietzsche, „dass im selben Frühjahr 1883, als Nietzsche in den Bergen von Sils Maria seinen Lieblingssohn und Doppelgänger Zarathustra erschuf, sein erster wahrer Leser geboren wurde: Franz Kafka, dem als erstgeborenen Sohn einer aufstrebenden jüdischen Tuchhändler-Familie eine Erziehung in hohen Stellungen und Pflichten bestimmt war.“ (S. 259) Im Folgenden wird dann unter Verweis auf die Luhmann´sche Soziologie des Risikos der „Fokus von der Sprache und dem Denken auf den Diskurs“ verschoben und die Tatsache besonders gewichtet, dass Kafka immer dann, wenn in Nietzsches Fragmenten und Aphorismen von „Dynamit“ und „Sprengkraft“ die Rede ist, im unmittelbaren und nicht nur im übertragenen Sinne wusste, wovon die Rede ist, war er doch „einer der fähigsten Experten für soziale Unfallversicherung in Böhmen, einem der größten Industriegebiete Mitteleuropas“. Wagners diskursive Beobachtung zweier Schreibspiele und eines Leseschreibtransformationsprozesses vollzieht sich damit intendiert „im Spannungsfeld von metaphorischer und wörtlicher Rede“ (S. 260), welches durch die Konfrontation entsprechender Zitate aus Nietzsches und aus Kafkas Hand und deren Kontextualisierung entstehen konnte: Als das wichtigste Ergebnis dieser Lesart erscheint mir Wagners Bilanzierung zweier aufeinander bezogener, aber eben gerade deshalb auch sehr unterschiedlicher Sprachen der Moderne, von der aus er dann im Anschluss ein Fazit ziehen kann. Wenn Nietzsche eine „hochselektive ‚erste Sprache‘“ erkenntisphilosophisch und sprachkritisch hypostasiert, wofür ja durchaus nicht nur die Selbstkommentare des Philosophen, sondern auch die Auslegungstradition seiner Philosophie spricht, dann, so Wagner, antwortet Kafka mit einer „letzte[n], von Tierlauten infizierte ‚Sprache‘“ (vgl. S. 293 f.). Wagner gelingt mittels einer unspektakulären Perspektivenverschiebung „von der Sprache weg und hin zum Diskurs“ ein umso erstaunlicheres Detail des Kafka´schen Schreibens an zwei Schreibtischen und damit ein Detail des Dichters Kafka zu benennen. Das wesentliche und Eigensinnige der Literatur(en) verdanke sich der Tatsache, dass „Kafka, diese seltene Kreuzung aus einem Experten für Versicherung und für Sprache, für einmal ‚weiter geht‘ als Nietzsche, wenn es um die Einschätzung der faktischen Macht von Dichtung geht“ (S. 294). Und so dichtet denn auch, zumindest in der Lesart Wagners, Nietzsches Antipode Kafka schon während seiner Lektüre der Schriften des großen Werteverdrehers, verdankt sich diese doch danach „vier grundlegende[n] Verfahren der eigentümlichen Versicherung [. . .], die Kafkas Nietzsche-Umschrift hervortreibt: Parodie, Dekonstruktion, Reflexion, Assoziation“ (S. 261).

Erkundung des Kafkaesken

Auch der zweite Sammelband versammelt Beiträge, die Kafkas Schreiben zwar in Bezug zu zeitgenössischen Zusammenhängen und Umbrüchen setzen, darin aber nicht verharren. Auch wenn die Mehrzahl der Beitragenden mit hermeneutischen Methoden zu einer erneuten Erkundung des ‚Kafkaesken‘ unter textgenetischen, Text- und Bildrelationen, produktions- und rezeptionsästhetischen Aspekten ansetzen, so lassen sie sich dennoch mit den bisher vorgestellten und kommentierten Zugängen in genau einem Punkt, der zugleich der wichtigste Punkt aller hier vorzustellenden Bemühungen um Kafkas Werk ist, vergleichen: Alle zielen nicht auf eine bloße Verrechnung schriftstellerischer mit außerschriftstellerischer Kommunikation, verzichten auf eine Erklärung der Welt(-Diskurse) mittels Fiktion(-Diskursen) und der Fiktion(-Diskurse) mittels der zeitgenössischen Welt(-Diskurse), sondern setzen darauf, dass Dichtung ein neuer, anderer Referenzrahmen ist, der entsprechend andere Kommentare, genuin ästhetische eben, evoziert.
Das Interessante der Beitragenden ist ein Dreifaches, so dass auch hier eine nicht nur äußerlich motivierte Dreiteilung der Beiträge vorliegt: I. Wissenschaftler lesen Kafka; II. Autoren schreiben nach Kafka, III. Pavel Schmidts Kafka-Zyklus. 
Die Einleitung verweist darauf, dass „der Bilderzyklus Pavel Schmidts“ eine deutlich markierte Hommage an Kafka ist, da seine „Bilder zum Autor und seinen Figuren [. . .] unter den Initialien f.k. publiziert“ sind (S. 7), und sie klärt über eine weitere Trinität des Unterfangens auf: „Kafka verschrieben meint zunächst Franz Kafkas eigene Überschreibungen und Selbstkorrekturen, wie sie in den Faksimiles seiner Manuskripte sichtbar werden, sodann die Hingabe anderer an dieses Schreiben“. Aber Verschreiben meint auch noch ein Drittes: Paul Watzlawick (Verschreiben statt Verstehen als Technik der Problemlösung) erörtert den performativen Umgang mit Texten als Sprechhandlungen. Auch ein Viertes scheint zumindest im letzten Teil auf, in dem Autoren und andere Künstler sich über „die wissenschaftliche Verstehenskunst hinaus [. . .] in einer anhaltenden poetischen Auseinandersetzung verschrieben“ (S. 9). Gemeint ist der heilende, gleichsam therapeutische Aspekt, der mit dem Verb „verschreiben“ konnotiert wird und der, im Sinne Watzlawicks, auch durch „Texte und Leser“, durch „poetologische“, und nicht ausschließlich durch medizinische, also ärztliche „Rezepturen“ verordnet werden kann, postuliert er doch die „wirklichkeitsschaffende [ ] Macht der Sprache“ (S. 9).

Eröffnet wird die Kafka-Lese von Wissenschaftlern. Alexander Honold (Exotische Verhandlungen. Fremdkörper in Kafkas Process) kombiniert eine ethnologische mit einer textgenetischen Vorgehensweise. Betrachtet man Kafkas Schreiben mit der amerikanischen Kulturtheorie als eine bestimmte Ausprägung von writing culture, dann erscheint der jeweilige Protagonist als „Explorer-Figur, die fortlaufend neue ethnographische Erfahrungen macht“: „Raum für Raum wird eine soziale Welt aufgeblättert, in der nichts mehr sich von sich selbst versteht.“ (S. 15) In Bezug auf den Antihelden Josef K. des Prozess-Romans lässt sich abschließend feststellen: „Das Verfahren, dem Josef K. verhaftet ist, erweist sich als ein fortlaufendes Schreibverfahren, bei welchem die prinzipielle Ambiguität literarischer Texte, Prozeß und Produkt gleichermaßen zu sein, zu einem geradezu existentiellen Dilemma wird.“ (S. 369) Nicht nur Ambivalenzen, sondern Polyvalenzen zeitigen sich immer genau dort, wo die dichterische Produktion sich als ein besonders filigranes, ja gespenstisches Wesen erweist, weil es übersetzt, transformiert, einem Phönix gleich es selbst und etwas vollkommen Anderes, Neues zu werden hat.

 

Dies macht beeindruckend Peter Utz am Beispiel von Kafkas Process im vielfachen französischen „Wortlaut“ deutlich. Ein Zwischenfazit lautet: „Denn die Übersetzer sind ihrerseits die ‚Erzähler‘ des Originals, seine „vertaaler“, wie das Niederländische sagt.“ (S. 40) Das Übersetzen, innerhalb hermeneutischer Theorien immer eine conditio sine qua non, auch dann, wenn es nur gelte, die Einzelsprache Deutsch des Autors in die Einzelsprache Deutsch des Lesers zu transkribieren, zeigt damit als Übersetzen in eine Fremdsprache nach Utz etwas, wofür Kafkas Werk ohnehin wie kein anderes steht: die Notwendigkeit und Unabschließbarkeit von Verstehensprozessen (vgl. S. 35, 40). Selbst etwas so Fundamentales, Ungreifbares wie der Rhythmus wird in der Lesart von Utz greifbar und mitteilbar. Rhythmus, das ist mit Beginn neuerer Philologie schon als das Wesentliche eigentlich aller Literatur, vor allem der Lyrik, gedacht worden. Das Rhythmische gilt auch heute, jenseits grob vereinfachender Literaturkritik, als Fundament literarischer Wirkungsmächtigkeit, ganz gleich, ob sie sich lyrisch, episch oder dramatisch gebärdet. Doch wie sollte man diesem Phänomen wissenschaftlich essayistisch angemessen gegenübertreten können? Utz gelingt dies bravourös durch den Vergleich der deutschsprachigen Originalfassung des Prozess-Romans mit zwei Übertragungen ins Französische. Ausgehend von dem Befund, dass im Original der Partikel „jetzt“, nach der Zählung einer Konkordanz 273 Mal vorkomme (vgl. S. 43), können diese „Jetzt-Augenblicke“ als „Stolpersteine“ im „Zeitablauf des Prozeß-Romans stark gemacht werden. In einem zweiten Schritt wird dann am Beispiel des Gespräches zwischen K. und seinem Onkel, in dem letzterer seinem Neffen immer noch Hilfe verspricht, gezeigt, wie innerhalb dieser Passage die „vierfache Wiederholung“, die keine der „französischen Lesarten“ wiedergibt, als „Pulsschlag eines sich verlierenden Subjekts tickt“, dies auch noch unregelmäßig gegen den Rhythmus des „Satztaktes“ fallend. Utz kommt zu dem Ergebnis, dass die Übersetzungen freilich dafür andere, wichtige Aspekte der vieldeutigen deutschen Rede, die im Original hintergründig mitschwingen, pointieren, so dass Übersetzungen generell eine Bereicherung darstellen können, und nicht etwa, wie vielfach angenommen, notwendig hinter dem Original zurückbleiben. (vgl. S. 43–45)

 

Ausgehend von „einer zeichnerischen Geometrisierung und Auflösung der Zentralperspektive“, die der Maler Kafka walten ließ, porträtiert Thomas Borgstedt (Kafkas kubistisches Erzählen. Multiperspektivität und Intertextualität in ,Ein Landarzt‘) den kubistischen Wortemaler Kafka. Damit trifft er deutlicher das, was wir an Kafkas verbalen Skizzen so ergreifend finden, als es ein bloß Motive und intertextuelle Spuren bemühendes Auslegen als expressionistisch vermag.
Andreas B. Kilcher (Kafkas Proteus. Verhandlungen mit Odradek) öffnet gleichsam eine intertextuelle Büchse der Pandora, so gnadenlos und so ergiebig. Er führt zunächst Kafka und eine seiner Figuren, Eduard Raban, als fleißige Leser und Entfalter von „Leseszenen“ vor. In Bezug auf Eduard Radan hält Kilcher fest: „Das Gespräch von Kafkas Hochzeitsreisenden entfaltet so eine Lektüreszene, die sich an den offenen Rändern des Textes abspielt und in den enzyklopädischen Raum seiner Intertexte verweist. Diese Lektüreszene ist aber auch eine Schreibszene. [... ]
Es ist dies eine komplementäre Verschränkung von Lesen und Schreiben in einem schreibenden,    produktiven Lesen bzw. lesenden, rezeptiven Schreiben, die, so meine erste Hypothese, symptomatisch für Kafkas poetologische Praxis ist.“ (S. 98)
Bettina Spoerri (noch [nicht] schreiben. Prekäre Kreation und Schreibanfänge in Kafkas Tagebüchern) zeigt, welche neuen Einsichten die Faksimileausgabe aus dem Stroemfeld-Verlag erlaubt. Spoerri liest Kafkas Tagebücher nun als textgenetisch, aber auch morphologisch und semantisch Ernst zu nehmende Sprachspuren hinsichtlich der Romanfragmente und anderer Prosa Kafkas. An ihnen könne man, eben dadurch, dass die als Durchgestrichen und Drübergeschrieben markierten Passagen nun innerhalb des endgültigen Textes jedem Leser unmittelbar in den Blick fallen, und nicht mehr nur im Anhang nachschlagbar sind, nahezu physisch in der Lektüre nachvollziehen, wie genau es Kafka gelinge, Erzählansätze „hinauszutreiben und aufzulösen“ (vgl. S. 120 ff.).

Ulrich Weber („Kafka-Dürrenmatt. Angst vor dem Einfluss?“) widmet sich der Beziehung zwischen Dürrenmatt und Kafka unter einem neuen Blickwinkel. Mit Rekurs auf Harold Blooms Einfluss-Angst: Eine Theorie der Dichtung, in dem dieser mit Rückgriff auf die Psychoanalyse gerade die Form des Schreibens als authentischen Selbstausdruck des Schriftstellers und nicht die Themen und Motive stark zu machen versucht, liest Weber u. a. Exempel aus der Schreibwerkstatt Dürrenmatts als Dokumente einer Angst vor dem „Epigonentum“ (S. 141) des Autors. Als ein Fazit der vergleichenden Lektüre von Kafkas Der Bau und Dürrenmatts Winterkrieg in Tibet kann er festhalten: „Dürrenmatts Text folgt damit der von Bloom beschriebenen erzählerischen Strategie der Aneignung und Überbietung des problematischen Vorgängers [. . .]. Das Bild angstbesetzter individueller Grab- (und Schreib-)Existenz wird bei Kafka und bei Dürrenmatt aufgegriffen und zugleich in den Kontext einer apokalyptischen Weltvision eingebettet.“ (S. 145)
Irmgard Wirtz´ Beitrag zu Canettis Kafka-Lektüre spürt wohl einer der biographischsten Lektüren dieses auf den ersten Blick doch so gegenbiographischen Prager Werkwortspiels nach. Eines ihrer Ausgangspunkte für die Rekonstruktion der Kafka-Lektüre Canettis lautet: „Canetti zieht aus Briefstellen, die alle Biographen zitieren, und Dokumenten, die seit Wagenbach alle Biographen verwenden, Schlussfolgerungen, die keiner teilt.“ (S. 162) Und ihr Fazit, das Canettis Masse und Macht mit berücksichtigt, schließt den Reigen der vorrangig hermeneutische Wege einschlagenden Essays: „Wenn Identität und Alterität, Identifikation und Befremdung die Grundmuster von Canettis Kafka-Lektüre sind, so sind das im Grunde die Universalien des Lesens, das uns zugleich mit uns selbst bekannt machen und als das radikal Andere hoffnungslos verstören kann, insbesondere bei Kafka.“ (S. 164)

 

Der zweite Teil versammelt lesenswerte Aufsätze von Felix Philipp Ingold (Standbein und Schreibarm. Literarische Praxis nach Kafka, heute erprobt), Jürg Amann (Das Problem der Berufung, nach Kafka) und Klaus Hoffer (Kafka kocht auf. Zur Prosa von Lydia Davis). Der abschließende dritte Teil präsentiert in Auszügen eine im Centre Dürrenmatt ausgestellte Bilderserie von Pavel Schmidt, (s. hier: Pavel Schmidt – Kafka) die unter den Initialien f.k. Bilder mit Textschnipseln kombiniert.  Die neueste Kafka-Forschung zeigt, wie sehr die Germanistik von ihrer Methodenpluralität  profitieren kann, auch, wie deutlich neuere Methoden von älteren, traditionell hermeneutischen Vorgehensweisen profitieren können und vice versa. Hier ist nicht der Platz zu zeigen, wie vermeintlich unversöhnlich gegeneinander aufgerichtete, wissenschaftliche Lese-Strategien voneinander lernten, um die Ergebnisse zu präsentieren, die die aktuelle Kafka-Forschung tatsächlich zeitigt. Doch abschließend sei wenigstens angedeutet, dass etwa innerhalb diskurshistorischer Vorgehensweisen der Rückgang im Gebrauch des Begriffes ,Biopolitik‘ und der Anstieg des wieder gebrauchten Begriffs ,Leben‘, trotz seiner ihm innewohnenden Gefahr des Zerfaserns und der Ideologisierung, ebenso Ergebnis maximierend wirken kann, wie die Annahme eines genuin poetischen Referenzrahmens, wenngleich in ihm alle anderen kulturellen Diskurse seiner Zeit natürlich nur so und nicht anders wirksam sein können. Ebenso schwingen sich hermeneutische Verfahren zu Höchstleistungen auf, wenn sie neben der ihnen immer schon immanenten, stets nur approximativen Annäherung an Sinnzusammenhänge, die als vorgegeben gedacht sind, auch einmal wagen, Verstehen generell als einen Prozess aufzufassen, der nicht einmal mehr nur annähernd gelingen kann, ohne zugleich auch zu scheitern, weil man niemals die vor allen Unterschieden vielleicht dagewesene Identität einholen kann – auch nicht annäherungsweise, sondern allenfalls Differenz als Identität annehmen darf, sich also mit dem Nachzeichnen von Relationen begnügt und auf eilfertiges Identifizieren von am Ende doch nur ähnlichen Verhältnissen vermeintlich realer versus vermeintlich fiktiver Provenienz einfach verzichtet. 

 

Alle vorgestellten (und nicht immer leicht zu lesenden) Beiträge sind absolut empfehlenswert, vor allem, weil sie das fortsetzen, was Benjamin in dem hier eingangs bereits Zitierten als textuelles Ringen Kafkas selbst vorstellte, dessen Werk Benjamin als „Kodex von Gesten“ auffasst: ein Werk, das wir, laut Dotzler, „bis heute nicht aufgehört“ haben wie „einen schweren Traum, ergriffen und weinend [. . .] zu lesen“.10


Anmerkungen

1 Walter Benjamin: Gesammelte Schriften, Bd. II.2, hrsg. v. R. Tiedemann, H. Scheppenhäuser, Frankfurt a. M. 1991, S. 425.
2 Ebenda, S. 418.
3 Vgl. Beda Allemann, der schon 1962 mit einem aus den Tagebüchern Kafkas übernommenen Begriff den „stehenden Sturmlauf“ als eine Art „Stilprinzip“ postulierte (in: Zeit und Geschichte im
Werk Kafkas, hrsg. v. D. Kaiser, N. Lohse, Göttingen 1998, S. 25), was der Kafka-Forscher Gerhard
Neumann dann 1968 mit der Lesart vom „gleitenden Paradox“ kontrastierte (in: Franz Kafka, hrsg.
v. H. Politzer, Darmstadt 1980, S. 473).
4 Allemann (wie Anm. 3), S. 27.
5 Vgl. Wiebrecht Ries: Kafka und Nietzsche. In: Nietzsche Studien, Bd. 2, Berlin, New York 2009 (11973).
6 Vgl. Ulf Abraham: Rechtsspruch und Machtwort. In: W. Kittler, G. Neumann (Hrsg.): Franz Kafka. Schriftverkehr, Freiburg i. Br., S. 248 ff.
7 Max Brod: Über Franz Kafka, Frankfurt a. M. 1974, S. 259.
8 Vgl. Benjamin (wie Anm. 1), S. 425 und Bernhard J. Dotzler innerhalb des hier zuerst besprochenen
 Sammelbandes, S. 75.


© Text: Dr. Marie-Luise Wünsche, Erstveröffentlichung in: Zeitschrift für Germanistik XXI – 3/2011 – Sonderdruck, Peter Lang AG, Internationaler Verlag der Wissenschaften, Bern 2011; ISSN 0323-7982, www.peterlang.com; Fotos: KRH Sonderborg, Naturtheater Oklahoma; nachtausgabe.de, 2009; Václav Fiala, Hommage an die Eisenbahn, 2011; Münchner Kammerspiele: Franz Kafka - Der Process, 2008; Pavel Schmidt, Klamm, 2008; Chantal Montellier + David Zane Mairowitz, Kafka, 2008


Besprochene Sammelbände

Friedrich Balke, Joseph Vogl, Benno Wagner (Hrsg.), Für Alle und Keinen. Lektüre, Schrift und Leben bei Nietzsche und Kafka, 304 S., geb., Diaphanes Verlag, Zürich, Berlin 2008.

Irmgard M. Wirtz (Hrsg.), Kafka verschrieben. Beide Seiten. Autoren und Wissenschaftler im Gespräch (hrsg. v. Schweizerischen Literaturarchiv, Bd. 1), 220 S., geb., Wallstein Verlag, Chronos Verlag, Göttingen, Zürich 2010.


Hinweise

07.11.2013 – 09.02.2014, Ausstellung, Marbach
Der ganze Prozess Das Manuskript von Franz Kafkas Roman
Der Prozess besteht aus 161 handschriftlich beschriebenen Blättern, die er aus zehn verschiedenen Schreibheften herausgetrennt und dann zu sechzehn Konvoluten geordnet hat. Die Ausstellung zeigt das Manuskript zum ersten Mal Blatt für Blatt und in seinem ursprünglichen Heft-Zusammenhang. Kafkas Schreibweise wird so ebenso deutlich wie die verschiedenen Ordnungsstufen, in denen sein Roman Gestalt angenommen hat und dann nach seinem Tod publiziert worden ist – wie in jedem großen Buch stecken auch im Prozess viele Bücher. Im Begleitbuch werden Kafkas Manuskriptseiten u.a. kommentiert von Stanley Corngold, Péter Esterházy, Saul Friedländer, Friederike Groß, Anselm Kiefer, Sibylle Lewitscharoff, rosalie, Pavel Schmidt und Hanns Zischler.
Zur Eröffnung am 07.11.2013, 19.30 Uhr (Archivgebäude, Humboldt-Saal), spricht Louis Begley über 'seinen' Kafka. Infos:
http://www.dla-marbach.de
Deutsches Literaturarchiv Marbach, Schillerhöhe 8-10, 71672 Marbach am Neckar

07.11. - 09.11.2013, Symposium, Marbach
Weltautor Kafka – Internationales Kafka-Symposium
Franz Kafkas Werke sind Weltliteratur, sie sind ebenso stilbildend wie irritierend, was seine Leser
vor immer neue Herausforderungen stellt. Aus diesem Grund stehen Aspekte der Vermittlung im
Zentrum der Tagung, die mit Gästen u.a. aus Israel, Großbritannien, China, Argentinien, dem
Senegal und der Tschechischen Republik Perspektiven in verschiedene Länder und Kulturkreise
eröffnet. Die Kafka-Biographen Reiner Stach und Peter-André Alt stellen sich ebenso der
internationalen Diskussion wie der Lektor Roland Spahr und der Verleger KD Wolff mit den zwei
großen deutschsprachigen Kafka-Ausgaben bei S. Fischer und Stroemfeld. Die Sektion am
09.11.2013 „Kafka lehren, Kafka erklären“ richtet sich speziell an Lehrer und Dozenten.
Programm und Anmeldung:
www.dla-marbach.de/aktuelles/tagungen

 

08.11.2013 - 07.02.2014, Ausstellung, Marbach
K: KafKa in KomiKs
„Die für Kafka charakteristische Verbindung aus Plastizität und Vieldeutigkeit seiner Bilder, die Verschmelzung von Realistischem mit (Alp-)Traumhaften, provoziert zur Erkundung neuer Formen des Erzählens mit Bildern“, so die Literaturwissenschaftlerin Monika Schmitz-Emans in ihrer 2012 erschienen Studie Literatur-Comics: Adaptationen und Transformationen der Weltliteratur. Bereits 1992 portraitierte der Hörspiel- und Comicautor David Zane Mairowitz gemeinsam mit Robert Crumb, dem Pionier des amerikanischen Underground-Comics, Kafka in dem Band Introducing Kafka (dt. Neuauflage 2013: Kafka bei Reprodukt Berlin!), der schnell zum Kultbuch wurde. 2008 folgte Der Prozess in Zusammenarbeit mit der französischen Zeichnerin Chantal Montellier. (s. Ausschnitt)
Anfang diesen Jahres hat Mairowitz nun mit dem tschechischen Musiker und Zeichner Jaromír 99 Das Schloss in einem Comic adaptiert, das Anfang 2014 auch in einer deutschen Fassung im Münchner Knesebeck Verlag erscheinen wird. Alle drei Veröffentlichungen bilden die Grundlage für die von David Zane Mairowitz und Małgorzata Zerwe kuratierte Ausstellung K: KafKa in KomiKs. Bei der Eröffnung (Freitag, 08.11.2013, 21 Uhr, Moderation: Andreas Platthaus) mit David Zane Mairowitz stellen Jaromir 99, Jaroslav Rudiš und tschechische Rockmusiker im Wirtshaus Zum Krug ihren Soundtrack zu Kafkas Schloss vor.


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