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Luthers Judenhass und Josel von Rosheim
von
Hellmut G. Haasis


Luthers Judenhass

Erst die Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum 2017 schwemmte die lange niedergehaltene Kritik an Luthers Judenhass nach oben. Daran hängte sich freilich, wie zu erwarten, gleich eine Strategie der Verharmlosung. Meisterhaft formuliert von Susanne Breit-Keßler, Ständige Vertreterin des bayerischen Landesbischofs und Regionalbischöfin für München und Oberbayern. Am 7. Juni 2016 legte sie fest, wo es lang gehen soll. Wo und wie macht man das in Bayern? In der Süddeutschen Zeitung. Frau Breit-Keßler hat Journalismus und Medienarbeit gerade in dieser Zeitung gelernt. Eine Kritik an Luthers Judenphobie kam dagegen nicht zum Zug.

 

Der Titel ihres Artikels entscheidet demagogisch, was gilt: Was von Luther bleibt. Kein Protestant von Verstand verteidigt die Hasstiraden des Reformators. Trotzdem sollte man seine Theologie feiern. (Anm. 1) Doppelt die mitschwingende Verurteilung Andersdenkender: Wer Luthers Judenschriften weiterhin als einen Teil der Reformation betrachtet und schätzt, sei ein Mensch ohne Verstand. Meine lutherischen Theologieprofessoren samt Generationen von Pfarrern schwächelten also im Hirn. Und wer Luthers Theologie heute nicht feiern will, ist genauso indiskutabel.
Susanne Breit-Keßler wischt Luthers Judenhass gleich vom Tisch, ohne ein einziges Wort darüber zu verlieren. „Martin Luthers Unfreundlichkeit gegenüber Frauen, seine Tiraden gegen Juden und Türken sind sattsam bekannt und ausreichend konterkariert.“ Sattsam und ausreichend: Sie macht es sich leicht, die Regionalbischöfin. Bis vor kurzem wäre im Theologieexamen hinausgeflogen, wer Luther so nassforsch gekommen wäre.
Die heutigen „Götzen“, so macht Frau Breit-Keßler weiter, seien „Präsenz und Erreichbarkeit rund um die Uhr, Gesundheit, Fitness, Vitalität bis ins hohe Alter....“. Was dagegen helfe? Luthers Rechtfertigungslehre, ausgerechnet dieses im Alltag untaugliche, umstrittene und reichlich diffuse Ideologieprodukt.

Rechtfertigung, wie sie Luther aus biblischen Gründen postuliert, ist demgegenüber Raum zum Leben. Jeder Mensch mit Schwächen und Fehlern, mit dem, was er wunderbar hinbekommt oder ordentlich versaubeutelt, ist gerechtfertigt allein aus Gnaden – bei Gott gut angesehen.[...] Reformation, das ist Kritik an kollektivem Autismus und Leben nach Diktat. Identität wird auch heute oft hermetisch definiert, anstatt sie reformatorisch neu durch Dialog, Einsicht und veränderte Einstellung zu entwickeln. Ich bin, was ich sein muss – Luthers homo incurvatus, der verkrümmte Ego-Shooter, bekommt durch Rechtfertigung allein aus Gnade endlich eine aufrechte Haltung. Begeistertes reformatorisches Lebensgefühl meint: Weder muss noch brauche ich mich zu rechtfertigen, sondern ich bin gerechtfertigt vor Gott.“

Was an Luther noch aktuell sei?

Bleibenden Einfluss hat sein theologischer Ernst, gepaart mit bodenständigem Witz. Die Beharrlichkeit, der Mut, einen eigenen Weg zu suchen und ihn auch zu gehen. Die Gabe, sich Gott ganz anzuvertrauen und gleichzeitig mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen zu stehen.“

Über solche Ausführungen darf man den Kopf schütteln, sie sind gehalten im Wellness-Stil des protestantischen Magazins Chrismon, Beilage in vielen Zeitungen, von Berliner Zeitung bis Die Zeit und auch online abrufbar.

Am negativsten bleibt heute an Luther seine Schrift Von den Juden und ihren Lügen (1543) hängen. (Anm. 2) Der Göttinger Professor Thomas Kaufmann rechnet sie freilich verharmlosend nur unter Luthers „böse Schriften“ (Anm. 3). Heutige Judenfeinde kämen nicht so billig davon. Luthers Hassprogramm wurde Jahrhunderte lang verdrängt und setzte sich in meiner Studienzeit ungeniert fort. Die mit viel Vorschusslorbeeren lancierte Luther-Biografie des SZ-Literaturkritikers Willi Winkler bringt es fertig, Luthers Hassbuch zu verschweigen, als wenn Luther nach Auschwitz nicht ein Problem bedeute. Wenn wir dagegen aus der Geschichte etwas lernen wollen, sollten wir leidvolle Erfahrungen mit dem Luthertum nicht länger verdrängen.

Hier ein Versuch: In einer Hochburg des Luthertums, der evang.-theol. Fakultät der Universität Tübingen und speziell im Evang. Stift, äußerten in der ersten Hälfte der Sechzigerjahre einige Studenten Kritik an Luthers Haltung gegenüber Bauern, Wiedertäufern, Juden usw.
Die Professoren haben uns diese Problembereiche Luthers verschwiegen. Wir hatten in der Fakultät auch einen einst führenden Deutschen Christen zu hören (Hanns Rückert), widerspruchslos. Von dessen braunen Schriften zu reden, sie zu lesen, auch das wurde uns verboten:

Ihr Jungen habt keine Ahnung, kein Recht, seid zu jung, naiv, unwissend, habt damals nicht gelebt, seid noch nicht mal promoviert usw.

Unsere Kritik an Luther zu ersticken, tat sich der wirtschaftsliberale, deutschnationale, protestantische Kirchenhistoriker Klaus Scholder hervor, der uns jede Kritik untersagte, mit ähnlichen Drohreden. (Anm. 4) Später erschien in einer Luther-Biografie meines Schulleiters von Maulbronn, Heinrich Fausel, eine umfangreiche Übersetzung von Luthers Schrift. (Anm. 5) Fausel war zur Zeit Hitlers führend in der Kirchlich-theologischen Sozietät in Württemberg, dem radikalen Flügel der Bekennenden Kirche. (Anm. 6) Mitglied dieser Sozietät gehörten zu den wenigen Evangelischen in Württemberg, die vom Tod bedrohte Juden versteckten, mit gefälschten Ausweisen und unter der Gefahr, selber in ein KZ zu kommen wie Pfarrer Richard Gölz von Wankheim bei Tübingen, in meiner nächsten Nachbarschaft. (Anm. 7) Ihre Organisation bekam den Namen Pfarrhauskette. (Anm. 8) Es gab vierzig Quartiere für die Verfolgten, unterstützt vom Kinderkirch-Helferkreis von Reichenbach an der Fils. Auf diese Weise wurden mindestens siebzehn Juden gerettet. Kein Thema je für meine Professoren. Auch Fausels Lutherkritik wurde mit Nichtbeachtung bestraft. Einer meiner Religionslehrer war Paul Schempp am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart gewesen, der konsequenteste Kopf der Sozietät, er wurde unter Hitler aus der Kirche hinausgeworfen. (Anm. 9) Einige von Schempps Angriffen auf die Kirche fand ich im Nachlass meines Vaters. Erst 1994 riskierte es der Stuttgarter Landesrabbiner Joel Berger, in Ungarn knapp dem Holocaust entkommen, von Luthers Hass gegen die Juden zu sprechen. (Anm. 10) Auch Berger blieb bei den Lutheranern ohne Beachtung. Erst der atheistische Verlag Alibri verstand es, Luthers Schrift mit einer Übersetzung zugänglich zu machen und so die Diskussion voranzutreiben.
Aktuell dominieren bei Luthers Judenhass Verharmlosungen: Luther sei ursprünglich Freund der Juden gewesen. Tatsächlich werfen auch Luthers frühe Schriften den Juden vor, den Messias nicht anerkannt zu haben. Eine unverzeihliche Sünde. Lutheraner glauben bis heute, jeder Mensch müsse Jesu Messianität erkennen und glauben. Das Alte Testament könne nur mit Bezug auf Jesus gelesen werden, dem Messias. Wie wenn wir in einem Kirchenstaat lebten, wo jeder zu glauben habe, was Luther sagte.
Nächste Ausrede: Luther sei cholerisch gewesen, litt unter seinem Glauben, sein Hass sei eine altersbedingte Fehlleistung gewesen, aufs Papier gebracht aber in Depressionen, weil eins seiner Kind starb, ein anderes schwer erkrankte. Hätten wir bei einem antisemitischen Nazi solche Ausreden akzeptiert? Quer gestellt hätte sich sicher der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, einst jüdischer Student in Tübingen und die Antriebskraft des Auschwitzprozesses. Eine gerichtliche Aufarbeitung, die bei meinen theologischen Lehrern keinerlei Nachhall fand.
Luther, so die Ausreden weiter, habe in der Naherwartung gelebt, Christus komme bald wieder. Und wenn der Messias kein auf das Luthertum geeinigtes Volk vorfände, würde er sich an der Kirche rächen.
Luther litt unter der Manie, nur sein Glaube könne sich im Weltgericht behaupten, deshalb sei jede Ablehnung Sünde und müsse unnachsichtig bestraft werden, auch mit staatlichen Maßnahmen.

Weitere Ausflüchte: Luther sei in seinem Judenhass halt ein Mann seiner Zeit gewesen, so etwas hätten damals alle Reformatoren gesagt. Unsinn.

  

       


 


 


Tatsächlich gab es judenfreundliche Reformatoren: Johannes Oecolampad in Basel, Wolfgang Capito in Straßburg, Heinrich Bullinger in Zürich. Einer der tolerantesten Reformatoren war Capito, geboren in dem für Religionsfrieden vorbildlichen elsässischen Hagenau, Freund von Erasmus, selber Mystiker, den Wiedertäufern und ihren chiliastischen Hoffnungen nahe stehend, ein Freund der hebräischen Sprache, die er an der neu gegründeten Straßburger Gelehrtenschule selber unterrichtete, Sammler hebräischer Bücher und Manuskripte, über die er mit Josel diskutierte. (Anm. 11) Selbst Philipp Melanchthon schlug andere Töne an als Luther und trug zur Rettung von Juden vor der Vertreibung bei. Der Hebraist Johannes Reuchlin plädierte lange vor Luther dafür, die Juden als Untertanen des Reiches zu behandeln, ihre Synagogen und ihr Eigentum zu schützen, keine Gewalt gegen sie anzuwenden. Davon wollte Luther nichts hören, im Übereinstimmung mit dem profitablen Judenhass.

 

       

Erasmus von Rotterdam

 

Philip Melanchton

 

Johannes Reuchlin

 

An der Vertreibung der Juden gab es viel zu verdienen: Häuser, Grundstücke, Wertgegenstände, Warenlager, Kapital, zerrissene oder verbrannte Schuldscheine. Diebstahl und Morde waren gegen Juden möglich ohne Gefahr, belangt zu werden. Judenvernichtung lohnte sich. Das war dann wieder ab 1938 der Fall.

 

Eine menschenfreundliche Haltung bewies der Magistrat der evangelischen Reichsstadt Straßburg/Elsass. In der Stadt wollten Judenfeinde Luthers Schrift von 1543 nachdrucken lassen. Davon erfuhr Josel von Rosheim, die bedeutendste jüdische Persönlichkeit im Deutschen Reich. (Anm. 12) Seit dem Augsburger Reichstag (1530) war er der vom Deutschen Kaiser berufene Verteidiger jüdischer Gemeindebelange beim Kaiser, beim Reichstag und an deutschen Fürstenhöfen. Josel, den bis heute christliche Theologen kaum kennen, bat den Straßburger Magistrat, angesichts der zu erwartenden Judenverfolgung den Nachdruck dieser Schrift zu untersagen. Der Magistrat entsprach der Bitte (Anm. 13), er kannte die Gefahr von blutigen Überfällen auf jüdische Gemeinden.
Angst hatte Luther nur vor der vermeintlichen Wiederkunft Christi. Eine Einbildung, die die Juden büßen mussten. Christen verlangen für eine Fehlhaltung wie die Erwartung von Christi Reich auf Erden Verständnis, Duldung, es handle sich halt um eine Glaubensfrage. Toleranz stößt aber an eine Grenze, wenn andere schwer unter diesem Irrglauben zu leiden haben. Hier wäre es Zeit zur Entmythologisierung eines für die Gemeinschaft schädlichen Glaubens. Josel von Rosheim lebte dagegen in der existenziell schwerer wiegenden und angesichts der Judenmorde berechtigten Befürchtung, wieder einmal könnten jüdische Gemeinden auf Scheiterhaufen enden, was Luther nicht interessierte. Zwei Welten, die nicht miteinander zu versöhnen waren und sind.
Josel stand in einem gefährlichen Spannungsfeld zu Luthers Judenpolitik und konnte bei Luther weniger ausrichten als an deutschen Fürstenhöfen. Luthers Theologie war gegenüber jüdischen Lebensängsten immun. Wie lebensgefährlich Luthers Judenhass werden konnte, zeigte sich am evangelischen Pfarrer von Hochfelden (Straßburg), der von der Kanzel herunter seine Gemeindemitglieder aufforderte, über die Juden herzufallen und sie umzubringen. (Anm. 14)

 

Luther: Von den Juden und ihren Lügen (1543)

Nur knapp schrammt Luther an der Formulierung eines Mordaufrufs vorbei. Das Recht zu einem ungefährdeten Leben und zur freien Wahl ihres Glaubens spricht er den Juden generell ab. Luther wird damit zum Rechtsbrecher, er verstößt gegen die Pflicht der deutschen Untertanen, den Landfrieden zu wahren, seit dem Wormser Reichstag (1495) Reichsrecht. Wenn ein Bauer, Wiedertäufer oder Sektierer so gesprochen hätte wie Luther, hätte er sich bald in einem Kerker wiedergefunden, zu Recht. Ein blutrünstiger Ausspruch Luthers in einer Tischrede krönt die Edition des Alibri Verlags:

Wenn ich einen Juden taufe, will ich ihn an die Elbbrücken führen, einen Stein um den Hals hängen, ihn hinabstoßen und sagen: Ich taufe dich im Namen Abrahams.“ (Anm. 15)

Josel von Rosheim wusste, welcher Vernichtungswille von Luther ausging. In seinen hebräischen Erinnerungen schreibt er über die protestantischen, von Luther gesegneten Kriege gegen den Kaiser. Josel erkannte, dass die Reformation die Absicht verfolgte, mit der Abwerfung des alten Glaubens auch die Juden zu vernichten.

Eine Nation, die einen neuen Glauben errichtete mit aller Art Erleichterungen, um jedes Joch abzuwerfen, beabsichtigte, uns anzugreifen und durch viele bedrückende Dekrete und Verfolgungen die israelitische Nation zu vernichten, so dass sie aufhöre, ein Volk zu sein. […..] Auf wunderbare Weise siegte Kaiser Karl und errettete die israelitische Nation von der Macht dieses neuen Glaubens, den der Mönch, Martin Luther genannt, errichtet hatte, der unrein ist. Er suchte alle Juden, jung und alt, zu vertilgen und zu ermorden.“ (Anm. 16)

Dem Straßburger Magistrat bezeugte Josel eine Großherzigkeit, die bei Luther undenkbar war.

Das göttliche und menschliche Recht gebiete einem jeden gottesfürchtigen Menschen, seinem nächsten Menschenbild nichts Arges oder Leides widerfahren zu lassen. Käme er selbst in die Lage, einem Fremdling, der nicht seines Glaubens sei, zu helfen, so würde er für ihn eintreten, auch wenn er selbst in Lebensgefahr geriete.“ (Anm. 17)

Gleich zum Beginn seiner Schrift gegen die Juden offenbart Luther seinen Beweggrund. Eigentlich wolle er nichts mehr über oder gegen die Juden schreiben.

Nun aber musste ich erfahren, dass diese elenden, gottlosen Menschen nicht aufhören, auch uns Christen anzulocken.“ (Anm. 18)

Zweifach die Herabsetzung: Elend seien die Juden und gottlos – und sie lockten Christen an. Dennoch scheuten sich Luther und andere nicht, ihrerseits die Juden missionieren zu wollen. Luther erhielt einen Brief, in dem ein Christ und ein Jude über ihren Glauben sprachen. Strittig waren Texte in der hebräischen Bibel. Luther nimmt den Juden ihre Auslegung übel, weil sie nicht mit ihm übereinstimmt. Aber er strebt nicht ein Gespräch mit ihnen an, sondern ein Diktat: Richtig ist nur, wie er die Bibel auslegt. Schon auf der ersten Seite seiner Schrift lastet er die lange Verfolgungsgeschichte der Juden ihnen selbst an, schuld wäre ihre falsche Bibelauslegung.

Sie (die Juden) sind so trotzig und abgestumpft, dass sie aus dem schrecklichen Elend einfach nichts lernen wollen, das sie nun seit über 1400 Jahren verfolgt.“ (Anm. 19)

 

Ist das angesichts der Pogrome etwas anderes als Zynismus? Gottes Zorn offenbare „überdeutlich, dass die Juden völlig im Irrtum sind.“ Die Juden sollten aus ihrer Leidensgeschichte die Erkenntnis gewinnen, dass Gott sie verlassen habe. Nebenbei kann es Luther nicht lassen, aus diesem Zorn Gottes auf dessen noch viel größeren Zorn „in der Hölle gegenüber falschen Christen und allen Ungläubigen“ zu schließen (Anm. 20). Luther spricht, wie wenn er Gott selber wäre. Seine Fiktion: Alle Nichtchristen und Heiden seien auf ewig verdammt. (Anm. 21) Ein kleinlicher Geist, der an der Überschätzung seiner beschränkten Existenz leidet.
Es ist hier kein Platz, den Verlauf von Luthers Hass detailliert zu verfolgen. Am stärksten fällt auf, wie oft der beleidigte Reformator den Juden vorhält, sie würden lügen. Zehnmal genügen nicht. Auf den 150 Seiten dürften es mehr als 150 Mal sein. Luther schleudert ihnen fast ohne Pause Hochmut, Prahlerei, Verstocktheit und ähnliches entgegen. Die härtesten politischen Maßnahmen zur Unterdrückung und Vertreibung der Juden entwickelt er gegen Ende.
Weil die Lutheraner davon wenig wissen wollen, folge ich lieber der jüdischen Historikerin Selma Stern, die 1941 ihr Leben mit dem letzten Schiff von Schweden nach Übersee retten konnte. In der Bundesrepublik erhielt sie später nie einen Ruf an eine Hochschule. Bei Luther laufen seine Grausamkeiten gegen die Juden unter der Parole, es handle sich um „scharfe Barmherzigkeit“, seine Vernichtungsideen seien „ein treuer Rat“. Eine Zusammenfassung von Selma Stern:

1. Man soll ihre Synagogen mit Feuer anstecken, Schwefel und Pech dazu werfen und, was nicht brennen will, mit Erde überschütten, damit kein Stein mehr zu sehen sei ewiglich.

2. Man soll ihre Häuser zerstören, sie in einem Stall wie Zigeuner zusammentreiben, damit sie einsähen, sie seien nicht die Herren im Lande, sondern Gefangene im Exil.

3. Man soll ihnen ihre Gebetbücher, den Talmud und die Bibel wegnehmen, damit sie nicht mehr Gott und Christus zu verfluchen die Macht hätten.

4. Man soll ihren Rabbinern bei Todesstrafe verbieten, Unterricht zu erteilen, Gott öffentlich zu loben und zu ihm zu beten, damit sie keine Gotteslästerei mehr treiben könnten.

5. Man soll ihnen das Geleit und das Recht, die Straßen des Reichs zu befahren, aufkündigen.

6. Man soll ihnen den Wucher untersagen, ihnen ihr Geld und ihre Kleinodien, ihr Gold und Silber abnehmen, da alles, was sie besitzen, durch Wucher geraubt und gestohlen ist. Sie rühmen sich zwar, dass Moses ihnen das Zinsnehmen gestattet habe. Aber dieses Gebot gilt nur für die Juden, die in Canaan lebten, die Mosesjuden, nicht für die anderen, des Kaisers Juden, die zerstreut unter den Völkern wohnen. Für diese ist das Gesetz des Moses aufgehoben, sie haben dem kaiserlichen Recht zu gehorchen.

7. Man soll den jungen starken Juden und Jüdinnen Flegel, Axt, Spaten, Rocken und Spindel geben, damit sie im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienten, obwohl es für das Wohl der Untertanen das Beste sei, sie, wie in Spanien, Frankreich, Böhmen und den Reichsstädten, aus dem Lande zu jagen.“ (Anm. 22)

Die Nationalsozialisten konnten mit Luthers Programm zufrieden sein, und sie waren es, von Hitler bis zum Nürnberger Gauleiter Julius Streicher. Der Philosoph Karl Jaspers hielt nach dem Krieg dagegen, während die Lutheraner zur Allzweckwaffe dieser Generation griffen: Schweigen oder Rede- und Denkverbot.

Was Hitler getan, hat Luther geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung durch Gaskammern.“ (Anm. 23)

Luther wird in seiner nächsten Hassschrift Vom schem hamphoras noch wüster: Er greift die jüdische „Rasse“ an, in einem unflätigen Ton, den selbst Julius Streicher nicht überbieten konnte. Weil die Juden ihrem Gesetz gehorchten, nicht Luthers Theologie, seien sie vergleichbar einer Sau, die „nach der Schwemme wieder im Kot wälzt“ (Anm. 24) Das Bild von der Sau reißt Luther mit sich fort. Die Juden suchten nach einer biblischen Wahrheit, „die sich bei der Sau unter dem Schwanz befindet“. Warum ist Luther so hässlich aufgebracht? Weil Juden die christliche Bibelauslegung ablehnen. Ein Jähzorn, der Luther disqualifiziert. Die Juden verhielten sich schlimmer als eine Sau, „die sich doch mit Kot unten und oben besudeln lässt und auch nicht viel Reineres frisst“. (Anm. 25) Die Juden seien vom Teufel getrieben, eine mythische Figur, die bei Luther in jeder Schrift herumgeisterte. Luthers Denken war, wie sich an seiner Sprache erkennen lässt, mehr vom Teufel beherrscht als von seinem Glauben. Wenn die Christen einen Juden sähen, sollten sie „mit Saudreck auf ihn werfen […..] und ihn von sich jagen“. (Anm. 26) Und als Krönung: Jüdinnen seien beschmutzte Bräute und die übelste Art von Huren, die nichts von Gottes Propheten wüssten (Anm. 27). Juden seien Zauberer, die im Mist herumwühlten und nur den Teufel verehrten. Luther ist so krank, dass er sich vor Juden körperlich ekelt. Er stellt sie sich beim Küssen und Anbeten der Exkremente des Teufels vor:

Der Teufel hat in die Hosen geschissen und den Bauch abermals geleert. Das ist ein rechtes Heiligtum, das die Juden, und wer immer Jude sein will, küssen, fressen, saufen und anbeten sollen.“ (Anm. 28)

Man beachte: sollen, eine Aufforderung. Der Teufel fülle dem Juden Mund, Nase und Ohren mit Kot:

Da schmeißt und spritzt er sie so voll, dass der Teufelsdreck an allen Orten von ihnen ausdünstet und ausschwemmt, ja der schmeckt ihrem Herzen, da schmatzen sie wie die Säue.“ Luther ist so außer jeglicher Selbstkontrolle, dass es ihn zu Judas hinzieht. „Als Judas Ischariot sich erhängt hatte, dass ihm die Därme zerrissen und, wie es bei den Erhängten geschieht, die Blase geborsten, da haben die Juden vielleicht ihre Diener mit goldenen Kannen und silbernen Schüsseln dabei gehabt, die Judaspisse (wie man das nennt) samt dem anderen Heiligtum aufgefangen, danach miteinander die Scheiße gefressen und gesoffen, wovon sie so scharfsichtige Augen bekamen, dass sie solche und dergleichen Glossen in der Schrift sehen, die weder Matthäus noch Isaias selbst noch alle Engel, geschweige wir verfluchten Gojim sehen können. Oder sie haben ihrem Gott, dem Sched [Teufel], in den Hintern geguckt und in demselben Rauchloch solches geschrieben gefunden.“ (Anm. 29)

Diese Hasstiraden mit ihrer krankhaften Fantasie wird man nicht länger für ein theologisches Problem halten können, sondern für ein psychiatrisches.


Josel von Rosheim

Der elsässische Jude ist ein fast unbeschriebenes Blatt im Zeitalter der Reformation. Anfangs sprach Luther von ihm noch als „Bruder“. Das bisschen Nähe verschwand, als Luther die evangelischen Landesfürsten beim Ausbau ihrer Territorien unterstützte, mit allen Mitteln, auch der Judenvertreibung. Josels Familie stammte aus Louhans in Frankreich, wurde dort tödlich bedroht und flüchtete nach Endingen/Baden. Dort wurden drei seiner Onkels im Jahr 1470 in einer Atmosphäre des Wahns beschuldigt, eine Bettlerfamilie ermordet und ihr Blut zu Ritualzwecken aufgefangen zu haben. Alle drei Onkels wurden auf die Folter gelegt und verbrannt. Josels Vater flüchtete über den Rhein ins Elsass und ließ sich in Oberehnheim (Obernai) nieder. Vor marodierenden Schweizer Söldnern flüchteten sich Josels Eltern für ein Jahr auf die elsässische Hohkönigsburg, wo sie hungern mussten. Aus diesen Schicksalsschlägen zog Josel die Konsequenz, künftig alles daran zu setzen, um das elende, rechtlose Leben der Juden zu verhindern. Seine schulische und rabbinische Ausbildung bekam er bei einem Onkel in Hagenau, an dessen Jeschiwah. Die Stadt Hagenau und ihr Magistrat bewiesen sich lebenslang als die zuverlässigsten Stützen für den Schutz der elsässischen Juden. Josel betrieb das Geschäft eines Geldverleihers, der als Sicherheit Pfänder nahm, die er bei Nichteinlösung nach einer bestimmten Zeit verkaufen durfte.
Ab 1500 nahm im Deutschen Reich die Vertreibung der Juden zu, 1507 folgte Oberehnheim. Josel wurde mit anderen jüdischen Händlern wegen einer Münzaffäre verhaftet, kam nach Monaten wegen erwiesener Unschuld frei. Der Hass blieb, Josel zog nach Rosheim, einer kleinen freien Reichsstadt bei Straßburg. 1510 erkannten die jüdischen Gemeinden des Elsass, dass sie einen Gemeindevertreter bei den politischen Behörden brauchten, einen parnoss, und wählten Josel. Von jetzt an setzte dieser seine ganze Existenz für den Schutz der jüdischen Gemeinden ein: Ein Ehrenamt, Josel bekam kein Gehalt. Nur Reisekosten und Geldzuweisungen an Fürstenhöfe und Kanzleien wurden ihm ersetzt. Seinen und seiner Familie Unterhalt verdiente ab jetzt allein seine Frau in Rosheim, auch sie als Geldverleiherin, später seine Kinder.

Josel vermochte die deutschen Judengemeinden auf der jüdischen Reichsversammlung in Günzburg/Donau (1530) zu einigen. Sobald Juden Rechtlosigkeit, Gefängnis, Folter oder gar der Scheiterhaufen drohten, machte sich Josel auf die mühselige, gefährliche Reise. Der Durchbruch auf Reichsebene für jüdische Schutzinteressen gelang Josel 1530 auf dem Augsburger Reichstag. Seine Titel, die seine Bedeutung umschreiben: Vorgänger, gemeiner Befehlshaber der Judenschaft im Deutschen Reich, Oberster der Judenschaft in deutschen Landen, Regierer der gemeinen Judenschaft, gemeiner jüdischer Profoss, gemeiner Judenschaft Anwalt.

Der Kaiser hielt trotz aller Hetze treu zu ihm. Josel war ein erfahrener Geldhändler, der auch Tricks zweifelhafter Kollegen kannte, die den Hass gegen jüdische Geldverleiher steigerten. In Augsburg ließ er vom Kaiser und dem Reichstag eine Judenordnung beschließen, wonach sich jüdische Geschäftsleute an bestimmte Regeln zu halten hatten. Wenn nicht, so hatte Josel als ihr gemeiner Profoss das Recht, den Bann über sie zu verhängen. Wer nicht innerhalb eines Monats vom Unrecht abließ, verlor seinen Besitz an den Kaiser. Eine harte Regel der Selbstregulierung, die Früchte trug und nach und nach in vielen Ländern eingeführt wurde. Ein Rechtsfortschritt im Reich durch den Anwalt der Judenschaft.

Obwohl viele deutsche Fürsten, vorwiegend Protestanten, den Schutz der Juden durch den Kaiser mit Gewalt und Rechtsbrüchen zu untergraben suchten, vermochte Josel immer wieder, ein neues Schutzprivileg des Kaisers zu erwirken. Dazu konnte er sich auf die Reichskanzlei stützen, die die jüdischen Untertanen im Reich zu behalten wünschte. Luther dagegen hetzte protestantische Fürsten gegen die kaiserliche Schutzpolitik auf. Er lieferte die theologische Rechtfertigung zur Vertreibung, wenn nicht gar zu Pogromen und zur Verbrennung. Allein schon diese Linie macht Luthers theologisches Denken unerträglich.


Evangelische Fürsten bei Karl V. 

Der Augsburger Reichstag wäre beinahe zum Untergang der Juden und Josels geworden. Die Gegner der Judenschaft hatten einen zum Katholizismus übergetretenen Rabbiner gewonnen, Antonius Margaritha, der soeben die von Hass und Verleumdungen strotzende Schrift Der gantz judisch Glaub herausgebracht hatte (Anm. 30). Auch der Kaiser war zuerst so verhetzt, dass er Josel bedrohte, wenn der sich nicht in einer Disputation von den Vorwürfen reinigen könne, wäre es aus mit dem Schutz der Juden. Dem vorzüglich ausgebildeten, geistig überlegenen Elsässer Juden gelang es, in einer langen Disputation vor dem Kaiser und den Reichsfürsten die Vorwürfe ausführlich zu widerlegen. Der Kaiser wie die Reichsfürsten erkannten Josel als Sieger an. Den Hetzer Margaritha ließ der Kaiser ins Gefängnis werfen und später für immer aus Augsburg ausweisen. Es gehört zu den übelsten Fehlgriffen Luthers, dass der Reformator in seiner Schrift Von den Juden und ihren Lügen (1543) sich hauptsächlich auf das Pamphlet von Margaritha stützte. Luther war hier überhaupt nicht lernfähig, unbegreiflich bei einer Person, die heute so überschwenglich gefeiert wird.

Die antijüdische Linie der lutherischen Fürsten ging weiter, die damit auch das Reich und den Kaiser beschädigten. Luther hatte 1537 die Verbindung zu Josel abgebrochen. Als der Elsässer mühselig mit seinem Pferd bei Wind und Wetter, als Jude unterwegs stets gefährdet, nach Wittenberg kam, weigerte sich Luther, den Sprecher der deutschen Judenschaft zu empfangen oder auch nur einen Brief von dem an der Tür Stehenden entgegen zu nehmen.

1539 besuchte Josel den Frankfurter Fürstenkongress, auf dem evangelische Landesherren alle Juden aus dem Reich zu vertreiben wünschten, gegen die Politik des Kaisers. Josel nahm diesen Bestrebungen Wind aus den Segeln, indem er durch amtlich bestätigte Zeugenaussagen beweisen konnte, dass im Jahr 1510 in Brandenburg ein Justizmord an 38 Juden verübt worden war, wegen eines angeblichen Hostienfrevels, die übliche Beschuldigung. (Anm. 31) Aufgrund der Aktenlage und der Erschütterung der Versammlung durch den christlichen Massenmord erlaubte der Kurfürst von Brandenburg sofort, dass Juden bei ihm wieder wohnen und Handel treiben dürften. In Frankfurt kam es auch zu theologischen Disputationen. Als ein lutherischer Geistlicher Josel mit „heftiger, zorniger und drohender Rede“ angriff, antwortete Josel ihm souverän, dass in einem zornigen Menschen der Geist Gottes nicht wohne: „Seid ihr ein gelehrter Mann und wollt uns armen Leuten drohen? Gott der Herr hat uns erhalten seit Abrahams Zeiten, er wird uns ohne Zweifel mit seiner Gnade vor euch weiter erhalten.“ (Anm. 32) Rau bis zur Todesdrohung war der Ton allgemein, am schlimmsten in den protestantischen Ländern: Den Juden wurde ständig gedroht, sie wurden willkürlich als schwer Kriminelle beschuldigt, das Ziel war, sie einzukerkern, wochenlang zu foltern und am Ende auf einen Scheiterhaufen zu werfen.


Judenprivileg von Karl V., Speyer 1544

Josel wusste, dass er gegen Luthers Hass nur vom Kaiser Schutz bekommen konnte. Ein Jahr nach Luthers Hetzschrift von 1543 konnte Josel den Kaiser dazu bewegen, alle bisherigen Privilegien der Juden zu bestätigen. Dazu gehörten der Schutz des Geleits auf den Straßen und der Schutz des jüdischen Handels und Wandels. Der Kaiser verbot die Schließung der Synagogen. Damit war Luther als Störenfried erkennbar. Ebenso untersagte der Kaiser die Verjagung der Juden aus Fürstentümern, Grafschaften und anderen Gebieten, besonders aus Reichsstädten, wo es aber schon lange kaum mehr einen Juden gab, Frankfurt ausgenommen. Das Unrecht war schon lange Gewohnheit geworden, zur Zufriedenheit der christlichen Bankiers. Nach dem kaiserlichen Schutzprivileg sollte kein Jude gezwungen sein, außerhalb seines Wohnorts ein „Judenzeichen“ zu tragen. Der Kaiser verbot, Juden wegen angeblicher Verwendung von Christenblut zu verfolgen, das hätten schon Päpste und sein Ahnherr Kaiser Friedrich II als Verleumdung zurückgewiesen. (Anm. 33) Luther dagegen glaubte unbelehrbar, die Juden hätten eine härtere Strafe verdient als selbst die Einwohner von Sodom und Gomorrha, ihre körperliche Vernichtung sei nicht genügend Sühne für alle ihre Sünden. (Anm. 34) Das war Mordaufruf, aus der Feder eines evangelischen Eiferers. Ein Stück Richtung Auschwitz.

Der Kaiser verordnete als „oberster Herr und Richter“ der Judenheit, dass kein Jude und keine Jüdin in Zukunft gefangen genommen, gefoltert, ihrer Habe beraubt und hingerichtet werden dürften. (Anm. 35) Eine Schutzusage, die Luther und die evangelischen Fürsten wieder einmal nicht respektierten. Damit stellten sie sich außerhalb der menschlicheren Politik des Kaisers.

Josel vermochte im Jahr 1548 noch einmal ein kaiserliches Schutzprivileg für alle deutschen Juden zu bekommen. Die lutherischen Fürsten kümmerten sich erneut nicht darum. Josel reiste weiterhin zu jedem aufflammenden Streit gegen jüdische Gemeinden, er konnte aber immer weniger erreichen. Der Kaiser war mit dem Türkenkrieg beschäftigt. Im Jahr 1554 ging Josels Leben in Rosheim dem Ende entgegen. Der Bürgermeister hatte ihm 1525 versprochen, man werde ihm ewig dankbar sein, weil er die aufständischen Bauern vor Rosheim zum Abzug bewogen hatte, mit einer hohen Geldzahlung. Als Josel nun in der Judengasse im Sterben lag, tobten draußen christliche Judenschläger, demolierten Fenster und Türen. Der amtierende Bürgermeister blieb untätig, er hatte schon lange den Schutz der Rosheimer Juden aufgegeben. Die Saat war aufgegangen, zu der Luther das Meiste beigetragen hatte.


Lutherisches wie deutsches Debakel

Die erste Entmythologisierung, von Rudolf Bultmann 1941 während des Kampfes der Bekennenden Kirche formuliert und meist schon vergessen, wäre einen neuen Versuch wert. Dazu nötigt das welthistorische Debakel des Protestantismus mit Luthers Judenhass. Wir müssen davon ausgehen, dass Luther das Mordprogramm der Nazis gegen die europäischen Juden am stärksten begünstigt hat. Es stellt heute Feigheit dar, die späteren Antisemiten entschuldigend vor Luther zu stellen. Man muss sagen: ohne Luther kein Auschwitz. Der Schritt, die Katastrophe als konsequente Wirkung von Luthers Lehren zu verstehen, schien vielen Lutheranern nach dem Ende der Lager nicht angebracht zu sein. Schon die Stuttgarter Schulderklärung (1945) fiel sehr zögerlich aus, Mitschuld der Kirchen an der Shoah zuzugeben.

Die oben begonnene Verwicklung des Autors in Luthertum, Judenhass und Shoah sei mit knappen Strichen zu Ende geführt. (Anm.36) Mein Vater, zweiter Pfarrer in Mühlacker an der Enz, war strenger Lutheraner. Noch im Schlafzimmer meiner verwitweten Mutter hing nur das Lutherbild Lucas Cranachs des Älteren: eine Ikone. Als Ergänzung im Wohnzimmer das Soldatenfoto meines Vaters, Oberzahlmeister eines Lazarettzugs, mit dem er in Straßburg/Elsass in den „Tod fürs Vaterland“ gefahren war (1944). Als Hitler an die Macht kam, verdünnte sich die Familiensaga. Wenn ich nach der Stellung meines Vaters zum Reichskanzler, zu Wahlen, zum Militär, zum Ausland, zu den Juden, zu jüdischen Verwandten, zu Zigeunern, die er beerdigt hatte, fragte, erntete ich Schweigen. Bohrte ich weiter, konnte es ein Donnerwetter setzen: „Hör auf, ich will nichts hören. Mein Herz!“ Meine Mutter war nicht herzleidend. Als sie gestorben war, fiel mir das Foto ihrer Verlobung in die Hände. Nach dem Scannen stachen an allen Jacketts der Herren Parteiabzeichen hervor. Auch beide Großväter dabei, der mütterliche, Kaminfegermeister, hielt wie Hitler drohend eine Reitgerte in der Hand. Sein Einfluss auf den Erziehungsstil meiner Mutter führte für mich später jahrelang zu schweren Prügeln mit einem Meerrohr. (Anm. 37)

Gleich nach Hitlers Machtantritt war mein Vater auf Anraten der Kirchenleitung in die SA eingetreten. Da er nicht zu Übungen, Märschen, gar zum Judenboykott antrat, schloss man ihn nach einem Jahr aus. Für die Zeit ab 1936 wurde die Mutter kurz gesprächiger: Die HJ schrie meinen Vater mit allen Kollegen des Dekanatsbezirks am Kirchenportal nieder, der Landesbischof war auf Visitation. Ein hetzerischer Zeitungsartikel gegen meinen Vater, der sich der Volksgemeinschaft nicht unterordne. Mein Vater hielt zur Bekennenden Kirche in Württemberg. Als seine Kollegen über eine Liturgie für verfolgte Pfarrer diskutierten, ob man sie verlesen dürfe, trug mein Vater sie im Gottesdienst einfach vor. Deshalb wurde er vom Oberkirchenrat nach Stuttgart zitiert und scharf verwarnt. – Wer hat ihn verpetzt? – In diesem Streitfall bin ich stolz auf meinen Vater. Genauso auf die Predigt, in der er nach dem Römerbrief betonte, in der Gemeinde gebe es keinen Unterschied nach Rassen. 1938 neigte er dazu, den verlangten Treueid auf Hitler nicht zu leisten, wie die Kirchliche Sozietät (80 Eidverweigerer) es dann auch tat. Seine Predigten wurden dennoch furchtbarer. Verherrlichung des Soldatentodes im Weltkrieg, am Heldengedenktag. Die Idee des „Opfergangs“, mit dem mein Vater die Beerdigung eines Soldaten heiligte. Rudolf Bindings Novelle Opfergang (1912) stand als Vorbild in seiner Bücherei. Mein Vater segnete das Deutschtum, das für ihn bis weit in den Osten reichte und eine glorreiche Kolonisierung geleistet hatte: das Deutschtum „eine Schöpfung Gottes“. Offenbar eine Ergänzung zur Schöpfungsgeschichte, zum Glaubensbekenntnis und zum Katechismus. Und die Reichspogromnacht November 1938? „Trotz allem, was geschehen ist, bleibt Adolf Hitler die von Gott eingesetzte Obrigkeit.“ Als ich meiner Mutter diesen Satz aus seiner Predigt vorlas und fragte, was der Satz bedeuten soll, wurde sie fuchsteufelswild: „Das würdest du nicht wagen zu fragen, wenn dein Vater noch lebte.“ Danach vernichtete sie alle Predigttexte, die sie fand. Mein Glück, sie erwischte nicht alle. 1939 tönte im Rundfunk, wie Georg Elser Hitler am Weltkrieg hindern wollte. Mein Vater sprach darüber mit Worten Himmlers, wie er sie in der Zeitung fand.

1940 fuhren die Eltern extra nach Stuttgart, um den antisemitischen Film von Veit Harlan Jud Süß zu sehen. Schwer beeindruckt und bestätigt. Die Familiensaga, wie meine Mutter sie pflegte, wird immer brüchiger. Einst war der beste Freund ihrer Eltern Onkel Albert Feit gewesen, ein jüdischer Juwelier, gebürtig aus Wien, verheiratet mit einer Cousine meiner Großmutter Karoline Schmid. Als Hitler bei meinen Großeltern den Ton angab, verschwand Onkel Albert aus der familiären Überlieferung. Wohin? Schweigen. Wann und wo gestorben? Schweigen. Als ich nicht aufgab, kam nach Jahren die Vertuschung:

Ach der Krieg, da sind so viele gestorben, irgendwann auch er.“

Mehr wollte sie nicht preisgeben, nicht mir. Nur meiner älteren Schwester erzählte sie von der Art, wie Onkel Albert gestorben war, von ihr habe ich es erst nach dem Tod der Mutter erfahren. Nach Jahrzehnten Ungewissheit, eher muss man sagen Lüge. Und die beiden Töchter meines Großonkels Albert? Elsa Feit, eine meiner beiden Tanten, tauchte 1944 angesichts des Befehls, zum Deportationszug zu kommen, in einem Krankenhaus unter, über das Robert Bosch seine Hand hielt. Und ihre psychisch kranke Schwester Klara Feit?

Grafeneck, vergast.“

Wenigstens das gab sie zu, die Mutter. Mein Vater wurde in Mühlacker von vielen Gemeinde-Mitgliedern gefragt, was von den Todesnachrichten aus Grafeneck über ihre Familienangehörigen zu halten sei, immer mit demselben vervielfältigten Schreiben. Er wollte nichts wissen, es war Krieg, und Hitler war die von Gott eingesetzte Obrigkeit.

Irgendwann ein Volltreffer in mein kleines, wissbegieriges Gewissen. Eines Tages erzählte meine Mutter vom Luftschutzbunker. Plötzlich brach es aus ihr heraus, was ich ihr hoch anrechne, auch wenn es nicht beabsichtigt gewesen sein dürfte. Bei einem Bombenalarm, wohl 1942, habe ein Lokführer auf Heimaturlaub im Bunker einen Nervenzusammenbruch erlitten. Er rief heulend, er werde nicht mehr an die Front gehen, er könne nicht mehr diese Züge fahren, an deren Endstation Tote aus den Waggons fielen und Lebende hinausgetrieben würden, alle mit gelben Sternen. Meine Mutter fragte mich, ob ich ahnte, wie die Leute im Bunker reagierten? Ich hatte keine Vorstellung. Die Frauen redeten auf ihn ein, er müsse fahren, sonst werde er an die Wand gestellt. Am Ende des Urlaubs bestieg der Lokführer wieder seine Lok. Mitte der Achtzigerjahre besuchte in Mühlacker eine junge Frau den Stammtisch alter Lokführer und fragte nach Fahrten in die Todeslager. Es setzte eine schwere Drohung:

Verschwinden Sie sofort. Wenn Sie nochmals kommen, kriegen Sie Prügel, an die Sie ewig denken werden.“
 


   


 


Für mich steht diese Reaktion symbolisch für die ganze Generation.
Eine Spur von meinem Großonkel Albert Feit fand ich in Stuttgart endlich auf seinem Stolperstein, vor seinem Haus in der Sophienstraße, dem „Judenhaus“ im Jargon der Gestapo. Als die Geheimpolizisten ihn am 10. Januar 1944 zum Transport abholen wollten, sagte er nur: „Einen Augenblick, meine Herren, ich muss noch etwas holen“, ging ins Badezimmer und nahm die bei vielen Stuttgarter Juden bereit liegende Gifttablette. Meine Familie will bis heute nicht zugeben, dass sie zwei Opfer der Shoah zu beklagen hätte.
Zum Schluss eine versöhnliche Geste, für die ich meine Mutter kräftig umarmen möchte. So emotional war sie selber nicht. Als meine Schwester mich zur Mutter rief, die nach einem Hirnschlag tot auf dem Sofa saß, sah ich erfreut: Neben ihr lag auf der Frisierkommode aufgeschlagen meine Biografie über Georg Elser Den Hitler jag ich in die Luft. Das Buch oft gelesen, im Bug durchgedrückt. Eine letzte Botschaft, wie nur Sterbende sie zu hinterlassen vermögen, ohne Begleitschreiben noch wirksamer. Beim Erscheinen meines Buches hatte meine Mutter mir dankbar gesagt, besonders gefalle ihr, wie einfühlsam, geradezu liebevoll ich Georg Elser mit seinem schwierigen Leben beschrieben hätte. Eine späte Versöhnung mit ihrem jüngsten Sohn, der immer getan hatte, was die lutherisch-pietitische, deutschnationale, intolerante Pfarrerswitwe nicht gewollt hatte. Aber nicht zu spät.

So ein erlittenes Luthertum könnte Anlass sein für eine Entmythologisierung zuerst des Reformators, dann des christlichen Glaubens überhaupt. Beginnen ließe sich mit einer zentralen Glaubenslehre Luthers, der Rechtfertigungslehre. Ein unfasslich übermächtiger Gott, der Mensch vor ihm ein Nichts. Das ist keine menschenwürdige Vorstellung, sondern die niederschmetternde Überhöhung eines absoluten Feudalherrschers, dessen Überlegenheit uns zu zermalmen droht. Und alles wegen der Sünde, die als unentbehrliche Geschäftsgrundlage von Kirche und Glauben herbeigeredet wird.

Es wäre an der Zeit, an eine Humanisierung dieses überzogenen Glaubens zu denken. Luther litt mit seinen unmenschlichen Glaubensvorstellungen an einem nicht mehr zu überbietenden mörderischen Hass gegen Andersdenkende, Andersglaubende, Bauern und Juden. Sein Versprechen, mit der Ermordung aufständischer Bauern könne man sich das Gottesreich verdienen, stellt den ganzen Glauben in Frage.


Das Reformationsjubiläum wäre eine Chance gewesen, mit einer Selbstkritik zu beginnen.
Doch solche Kritik ist kaum zu hören. Statt dessen hat die Kirche riesige Summen in eine Eventindustrie investiert, die aus der Reformation eine nationale Inszenierung macht, sehr kultig. Da die Kirche bei Staat und Parlamenten immer mehr auf Lobbyismus setzt, hat sie in einem erschreckenden Ausmaß staatliche Gelder an sich gerissen, als wenn die Reformation eine Angelegenheit nicht bloß der Kirche, sondern aller Steuerzahler wäre, auch der rasch ansteigenden Masse von Nichtkonfessionellen. Carsten Frerk (Anm. 38) schätzt nach langen Forschungen die Summe der aus Steuergeldern stammenden Mittel für das Reformationsjubiläum auf 250 Millionen €. (Anm. 39) Dabei sind ältere Zahlungen noch gar nicht erfasst. Von diesen 250 Mio € bringen die Kirchen nur rund 20% auf. Der Rest wird aus den Steuerzahlern herausgeholt, die ohne oder gar gegen ihren Willen zahlen müssen. Wir schlittern in eine Rückkehr zu mehr Kirche und Religion hinein, während sich gleichzeitig in allen Kriegen zerstörerische religiöse Antriebskräfte entfalten. Weniger Religion könnte mehr Frieden bringen. Waffen und Munition stammen von Regierungen und Regimes, die sich religiös einfärben. Die Kanzlerin betreibt alternativlos eine Rechristianisierung Deutschlands, während gleichzeitig immer mehr Kirchenmitglieder davonlaufen. Abstimmung mit den Füßen ist die älteste und wirksamste Protestform.



 

Anmerkungen

(1) Süddeutsche Zeitung, 7. Juni 2016. Zur Biografie von Susanne Breit-Keßler: https://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Breit-Ke%C3%9Fler. Gelernte Journalistin und Gymnasiallehrerin, bildet Prediger aus, ohne selber je in einem Pfarramt gearbeitet zu haben. Als hohe kirchliche Amtsträgerin und Journalistin darf sie Medien als Organe der Kirche gebrauchen, eher missbrauchen (so die SZ). Im evang. Magazin Chrismon schreibt sie in der Kolumne Im Vertrauen. Ihr Lehrbuch für Ethikunterricht, das einzige zugelassene im klerikalen Bayern, läuft auf eine Zwangsmissionierung hinaus, wie der Bund für Geistesfreiheit in Bayern analysierte. https://web.archive.org/web/20080225145205/http://www.bfg-bayern.de/fgr/fgr_4_2005.htm#Website

(2) Übersicht über die schlimmsten Aussagen Luthers http://www.theologe.de/martin_luther_juden.htm.

(3) Kaufmann S. 106f.

(4) Später bekam der lutherische Hardliner Scholder die Chance, die Dissertation des Autors zu verhindern, obwohl er von niemandem zu einem Gutachten beauftragt war. Das Ergebnis war zu erwarten: Dissertation nach einem Jahr interner Kämpfe in der Fakultät abgeschmettert. Auch ein Fakultätsstreit, geheim gehalten.

(5) Fausel, 1977. Zu seiner Biographie http://www.archiv.elk-wue.de/fileadmin/mediapool/einrichtungen/E_archiv/pdf-findbuecher/D-Bestaende/LKAS_D33_Nachlass_Heinrich_Fausel_Findbuch.pdf.

(6) http://universal_lexikon.deacademic.com/260093 / https://www.wkgo.de/cms/article/download/132 / http://www.gedenkstaette-stille-helden.de/biografien/bio/mueller-kurt/http://de.evangelischer-widerstand.de/html/view.php?type=dokument&id=452

(7) https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_G%C3%B6lz

(8) https://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%BCrttembergische_Pfarrhauskette

(9) https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Schempp

(10) Berger, 1999. Erstmals in der Stuttgarter Zeitung 1994.

(11) Stern S. 126.

(12) Josel von Rosheim (1476-1554) gilt es erst noch zu entdecken. Zur Einführung mein Lexikonartikel, dann der Wikipediartikel. Für ein vertieftes Studium empfehlen sich Selma Stern und die exzellente Quellensammlung von Feilchenfeld, die jetzt online zu lesen ist.

(13) Stern S. 153, 157.

(14) Stern S. 153.

(15) Luther, S. 2. Lutheraner bezweifeln inzwischen, dass der peinliche Text echt sei, wo sie sonst Luthers Aussprüche für echt halten, wenn sich damit die Macht der Kirche fördern lässt.

(16) Stern, S. 17. (17) Stern, S. 185.
(18) Luther S. 15.

(19) Luther S.15.
(20) Luther S. 17.
(21) Stern S. 128.

(22) Stern S. 151-152.
(23) Jaspers, S. 162.
(24) Roper S. 499.

(25) Roper S. 499.
(26) Roper S. 500.
(27) Roper S. 498.

(28) Roper S. 502.
(29) Roper S. 502f.

(30) https://de.wikipedia.org/wiki/Antonius_Margaritha

(31) Stern S. 136-137. (32) Stern S. 138. (33) Stern S. 160-161.

(34) Stern S. 157. (35) Stern S. 161.

(36) Haasis Wortgeburten. http://haasis-wortgeburten.anares.org/ErwinHaasis/index.php. Onkel Albert Feit in der Sophienstraße 23, Stuttgart. Seine Biografie http://www.stolpersteine-stuttgart.de/index.php?docid=463&mid=0.

(37) zum Meerrohr: https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/20Jh/SchubartgymnasiumAalen/sch_stu4.html

(38) Frerk 2015

(39) https://fowid.de/meldung/kosten-lutherdekade-2008-2017. Die Zahlen dürften noch weit höher ausfallen, da viele kirchliche Stellen Frerk einfach keine Antwort gaben.



Literatur

Berger, Joel: Zum Stand des christlich-jüdischen Gesprächs heute. Thesen und Klarstellungen. In: Hans Erler, Ansgar Koschel (Hrsg.): Der Dialog zwischen Juden und Christen: Versuche des Gesprächs nach Auschwitz. Frankfurt/Main 1999, S. 80–88.

Biermann-Rau, Sibylle: An Luthers Geburtstag brannten die Synagogen. Eine Anfrage. Stuttgart 2012.

Fausel, Heinrich: D. Martin Luther. Leben und Werk 1522-1546. Stuttgart 3. Aufl. 1977.

Feilchenfeld, Ludwig: Rabbi Josel von Rosheim. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Deutschland im Reformationszeitalter. Diss. Straßburg/Elsaß 1898 (211 S.; ab S. 145 Abschriften von vielen kaum mehr zugänglichen Urkunden; es existiert eine Online-Ausgabe; das Deutsch dieser Urkunden ist besser verständlich als das Luthers, Josel sprachlich moderner.

Frerk, Carsten: Kirchenrepublik Deutschland. Christlicher Lobbyismus. Aschaffenburg 2015.

Gallé, Volker (Hrsg.) Josel von Rosheim – Zwischen dem Einzigartigen und Universellen. Ein engagierter Jude im Europa seiner Zeit und im Europa unserer Zeit. Worms 2013.

Haasis, Hellmut G.: Josel von Rosheim. In: Manfred Asendorf/Rolf von Bockel (Hg.): Demokratische Wege. Deutsche Lebensläufe aus fünf Jahrhunderten. Stuttgart-Weimar 1997, S. 309-310.

ders.: Der Kampf um das Recht für die Juden. Josel von Rosheim, in: 3. Dreiland-Zeitung. Beilage zur Basler Zeitung, 13. 7. 1995, S. 8/9.

Jaspers, Karl: Philosophie und Welt, München 1958.

Kaufmann, Thomas: Luthers Juden. Stuttgart 2014.

Luther, Martin: Von den Juden und ihren Lügen. Erstmals im heutigen Deutsch mit Originaltext und Begriffserläuterungen. Aschaffenburg 2016.

Roper, Lyndal: Der Mensch Martin Luther, Frankfurt/M. 2016.

Stern, Selma: Josel von Rosheim. Befehlshaber der Judenschaft im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Stuttgart 1959.

Winkler, Will: Luther. Ein deutscher Rebell. Reinbek 2. Aufl. 2016.


© Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors


s.a. Hellmuth G. Haasis: Kurz und gut; Empfehlungen;

 


Luther und die Frauen

Zusammenstellung von Katja Schickel

Die unkritisch-affirmative Haltung Luther gegenüber ist 2017 einigermaßen verwunderlich, denn man kann mittlerweile wissen, dass Luther kein Aufklärer war, sondern ein religiöser Fundamentalist. Man kann es nachlesen: Luther will die Menschen nicht befreien, sondern der Ordnung unterwerfen, die Gottes und die der weltlichen, staatlichen. Bezeichnenderweise heißt seine 1. These: „Das ganze Leben soll Buße sein.“ Man soll ständig in Angst leben und Strafe klaglos akzeptieren, weil man sowieso schuldig ist. Er predigt Schuld und Selbsthass. Es geht ihm nicht um Befreiung und Freiheit, sondern um Unterdrückung, nicht nur allgemein des 'Volkes' (Bauern, einfache Leute), sondern vor allem die allumfassende der Frau durch den Mann.

Wer mag alle leichtfertigen und abergläubischen Dinge erzählen, welche die Weiber treiben. Es ist ihnen von der Mutter Eva angeboren, dass sie sich äffen und trügen lassen.“

Die Ordnung fordert Zucht und eher, dass Weiber schweigen, wenn die Männer reden.“
Das Weib [ist] geschaffen zur Haushaltung, der Mann aber zur Policey, zu weltlichem Regiment, zu Kriegen und Gerichtshändeln, die zu verwalten und zu führen.“

 

Ob die Frauen sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts. Lass sie nur tot tragen, sie sind darum da.“

Weiber Regiment nimmt selten ein gut End!“

Genossen Frauen in den Klöstern nicht nur Schutz vor zudringlichen Männern, sondern auch ein relativ eigenständiges Leben und konnten überdies als juristische Rechtspersonen über den erwirtschafteten Besitz verfügen, verloren sie diese Rechte mit der Auflösung der Klöster, waren also von Männern, kirchlichen und weltlichen, abhängig.

Luther ist unverhohlen Sexist, fordert und fördert die Hexenverfolgung mit der Höchststrafe des Scheiterhaufens. Der Hexenwahn ist in den protestantischen Regionen des Reichs dann auch weit verbreiteter, hysterischer als in den katholischen Landesteilen, die Gewalt oft noch brutaler.

Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird-“ Hexen könnten „Milch, Butter und alles aus einem Haus stehlen, [...] ein Kind verzaubern, [...] geheimnisvolle Krankheiten erzeugen. Schaden fügen sie nämlich an Körpern und Seelen zu.[...] Die Zauberinnen sollen getötet werden, weil sie Diebe sind, Ehebrecher, Räuber, Mörder.“

Das Versprechen von Freiheit und Selbstbestimmung, das durch die Schriften verbreitet wurde (Buchdruck), animierte viele Frauen, aktiv zu werden, eine selbst gewählte Stellung in der Gemeinde zu finden oder gegen Familie und Ehe aufzubegehren, auch wenn ihnen ihre Selbständigkeit immer wieder streitig gemacht, oft verboten wurde.

s.a. http://www.2017.ekir.de/reformatorinnen-471.php,


Luther, die Juden, die evangelisch-lutherische Kirche und der NS

Zitate, zusammengestellt von Katja Schickel

Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding, dass sie 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen; Man sollte ihre Synagogen und Schulen mit Feuer anstecken, [...] unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien [...] ihre Häuser desgleichen zerbrechen und zerstören. (Von den Juden und ihren Lügen)

Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird [...] die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.“ Evangelisch-lutherischer Landesbischof Martin Sasse aus Eisenach über die sog. Reichskristallnacht.

Freund der Juden? Nein! Luther schreibt:
„Die Juden begehren nicht mehr von ihrem Messias, als dass er ein weltlicher König sein solle, der uns Christen totschlage, die Welt unter den Juden austeile und sie zu Herren mache.
 

Gespenstisch seine Tipps, die später Programm der Nationalsozialisten werden:
„Erstlich, dass man ihre Synagoga oder Schulen mit Feuer anstecke.

Zum anderen, dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre.
Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein.
Zum vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren.
Zum fünften, dass man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe.
Zum sechsten, dass man ihnen alle Barschaft und Kleinod an Silber und Gold nehme und es beiseite lege zum Verwahren .
Zum siebten, dass man den jungen starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß der Nasen ... “ (Von den Juden und ihren Lügen, 1543)

Julius Streicher, Herausgeber des Hetzblattes Der Stürmer, sagt beim Nürnberger Prozess völlig zurecht: „Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank.“

 

s.a. Erinnerung im Wandel

 

17IV17

 

 

 

 



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