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Nach der Samtenen Scheidung

  


 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

von Martin M. Šimečka

  

Reifen rollen leise über die Autobahn, gleiten über ihre glatte, von Autos fast unberührte Oberfläche direkt zur tschechischen Staatsgrenze. Die Schnellstraße ist eine der wenigen in Europa, auf der die Zahl der Fahrzeuge rückläufig ist. Früher war die Strecke berühmt-berüchtigt für ihre Verkehrsstaus.

Aber das war lange bevor zwei Nationen sich voneinander trennten. In einer beeindruckenden Darstellung ihrer künftigen Zusammenarbeit errichteten diese beiden Nationen an der Grenze, die sie von nun an teilen würden, 1992 zwei Betonkästen für ihre Zoll- und Grenzbeamten. Es war, als würde ein Fluss künstlich in einen neu gebauten Kanal umgeleitet. Der Strom von Autos, der früher westwärts von Bratislava nach Prag floss, ist fast ausgetrocknet; aktuell fließt er Richtung Osten, ins slowakische Landesinnere. Die politischen Ingenieure haben geschafft, wovon andere Konstrukteure oft nur träumen, ein Projekt durchzuführen und beenden zu können.

Als die Tschechische und die Slowakische Republik 2008 dem Schengen-Raum beitraten, verließen die Zollbeamten zwar ihre Betonbunker, aber die beiden Nationen vereinten sich nicht wieder. Heutzutage lebt die Autobahn von Bratislava nach Prag, die die erste in der früheren Tschechoslowakei gebaute ist, erst auf der anderen Seite der tschechischen Grenze, in Breclav, wieder auf. Im Laufe der Jahre zerstört durch Millionen von Autos und schwere LKWs, lässt sie jetzt unsere dösigen Köpfe unsanft hin und her schwanken im Rhythmus des Kleinbusses, der über die Schlaglöcher fährt.   

 

Als einer von zehn slowakischen Freunden von Václav Havel, die zu seiner Beerdigung nach Prag reisten, erinnerte ich mich an ein Interview, in dem Havel von seinem Amtsrücktritt als tschechoslowakischer Präsident im Sommer 1992 sprach und ihn als die schwerste Entscheidung seiner politischen Karriere beschrieb – nachdem er realisiert hatte, dass der Staat, den Tschechen und Slowaken miteinander geteilt, und auf den er seinen Eid geschworen hatte, nicht mehr gerettet werden konnte.

  

Die Woche zwischen dem Tod Havels und seiner Beerdigung war eine dieser besonderen Momente, die man selber nur sehr selten erlebt. Das sind solche Momente, in denen sich Nationen aus einer amorphen Masse frustrierter Individuen verwandeln in Gemeinschaften, die die existentielle Frage nach ihrer Identität stellen. Zum ersten Mal seit 1989 wurde ich Zeuge von Massenkundgebungen, in denen das Verlangen nach einer besseren Welt, nach „Wahrheit und Liebe“ artikuliert wurde, wie es Václav Havel einst formuliert hatte. Sein Tod trieb die Tschechen wieder auf die Straßen und ließ diese Nation pragmatischer Ironiker eine ganze Woche lang zu einer Gemeinde von Romantikern werden, die um ihren spirituellen König trauerten. 

Seltsam war, dass sein Tod in der Slowakei ähnliche Auswirkungen hatte, und die Regierung sogar einen Staatstrauertag einrichtete.

Die slowakische Gesellschaft war in der schizophrenen Situation, durchaus tief empfunden und tränenreich, Abschied zu nehmen von einem Mann, den sie zwanzig Jahre zuvor hatte sitzen lassen, um sich endlich den Traum von einem unabhängigen Staat zu erfüllen. Als Havel auf einem seiner letzten Besuche als Präsident der Tschechoslowakei in Bratislava seinen Wagen durch eine Menschenmenge lenkte, die das Ende der Föderation forderte, wurde das Auto von wütenden Nationalisten beinahe umgekippt, und seine Bodyguards hatten große Mühe, ihn in Sicherheit zu bringen. Zwanzig Jahre später zeigen Meinungsumfragen, dass Havel bei der slowakischen Mehrheit sehr positiv gesehen wird, während nur 16 Prozent den einst so verehrten Vladimir Mečiar, der 1992 als der „Gründervater“ der unabhängigen Slowakei galt, achten. 

Wie kann man dieses Paradoxon erklären? Es scheint, als habe Václav Havel etwas Stärkeres repräsentiert als die Idee eines Staates. Zu seinen Lebzeiten schien er der Garant zu sein, das existentiell Böse in Schach halten zu können. Als er starb, trauerten Tschechen und Slowaken um ihn, weil es diese Garantie nicht mehr gab. Heute erleben sie die ganze Wucht der Wirtschaftskrise, sind tief hineingerutscht in den Korruptionssumpf, auf Gedeih und Verderb Politikern ausgeliefert, die sie verachten, und versuchen vergeblich zu formulieren und zu verstehen, warum sie die Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre dermaßen frustrieren.

 

Ironie der Geschichte ist, dass sich beide Nationen 1992 gespalten haben, um getrennte Wege gehen zu können, und nun letztendlich doch denselben Weg gehen, manchmal nebeneinander, manchmal prescht eine von beiden vor, um im nächsten Moment von der anderen wieder eingeholt zu werden. Beide verfolgen, was die jeweils andere tut, manchmal eifersüchtig oder konkurrierend, aber meistens verhalten sie sich wie gute FreundInnen. Ein klassisches Beispiel dieser eigenartigen Beziehung ist die Eishockey-WM: wann immer die beiden Mannschaften gegeneinander spielen, feuert jede Nation die eigenen Spieler an, fällt aber ein Team aus der Konkurrenz, unterstützen dessen Fans sofort und mit der gleiche Leidenschaft die Mannschaft, die noch im Spiel verblieben ist. 

Die überraschende Ähnlichkeit beider Länder, deren Charakter und Entwicklung, fordert einen Außenstehenden wahrscheinlich dazu auf, eine logische Frage zu stellen: Was war eigentlich der Grund für die Teilung? Die Antwort ist einfach. Das Geheimnis nationaler Identität liegt in den Details, die sich dem Blick von außen entziehen. Sie sind zahlreich, ihre Ursachen unterschiedlich und sie reichen von historischen und psychologischen Phänomenen zu eher zufälligen, die wie historische Gegebenheiten erscheinen, aber ganz banale Gründe haben. Tschechen und Slowaken selbst erkennen diese Unterschiede überraschenderweise kaum, weil die meisten unfähig sind, mit der Entwicklung im eigenen Land Schritt zu halten und es im Nachbarland lieber bleiben lassen. Ich selbst bilde vermutlich eine Art anachronistische Ausnahme, weil ich ein tschechisches und slowakisches Doppelleben führe. Ich habe zwei Handys, zwei E-Mail-Adressen, schreibe und spreche in zwei Muttersprachen, ich habe ungefähr die gleiche Anzahl von Bekannten und Freunden in beiden Ländern, und gelte bei den Tschechen als Tscheche und bei den Slowaken als Slowake. Das ist das Erbe meiner tschechischen Eltern, die noch vor meiner Geburt in die Slowakei zogen. Mein Vater sagte immer, die eine Kammer seines Herzens sei tschechisch, die andere slowakisch. Dieses Herz brach 1990, als er mit seinen legendären hellseherischen Qualitäten bereits wusste, dass die Tschechoslowakei auseinanderfallen würde.

Es dauerte lange Zeit, bis ich mir selbst eingestehen konnte, dass trotz ihrer äußeren Ähnlichkeiten beide Nationen tief im Inneren wirklich verschieden sind. Die beiden Sprachen, für Fremde nicht unterscheidbar, repräsentieren in meinem Kopf zwei vollkommen unabhängige Instanzen. Tschechisch, historisch gesehen älter und reicher, ist aggressiv und herrschsüchtig, bezwingt den Autor, während es sich einschmeichelt, Worte kommen wie selbstverständlich über die Lippen – und wenn man Tschechen reden hört, merkt man, wie sie buchstäblich in ihrer Sprache schwelgen und nicht wissen, wann sie aufhören sollen. Das ist ein Gefühl, das mir sehr vertraut ist: selbst wenn einem nichts einfällt, kann man auf Tschechisch Blödsinn oder sogar Lügen loslassen und dennoch den Eindruck erwecken, klug und ehrlich gesprochen zu haben – so spannend ist Tschechisch.

Der großer Vorteil ist die nur formale Teilung zwischen der so genannten Umgangs- und der Hochsprache, zwei Formen, die auch im literarischen Schreiben akzeptiert sind. Der Reichtum der tschechischen Sprache ist allerdings manchmal eher ein Hindernis als ein Vorteil und macht es nicht einfacher, nationale Identität zu verstehen. Havel hatte Recht, als er einmal bitter anmerkte, dass „die Rede über tschechische nationale Identität oft nicht über bloßes Geschwätz hinausgeht.“ 

Ein Grund für den Zerfall der Tschechoslowakei war vielleicht, dass die Slowaken sich durch die verbale Vorherrschaft tschechischer Politiker gedemütigt fühlten, die scheinbar rational sprachen, in Wahrheit ihre Sprache aber missbrauchten, um den aufkeimenden slowakischen Wunsch nach Gleichheit zu unterdrücken. Selbst Václav Havel, einer der wenigen, der die tschechische Sprache in schöne Formen bringen konnte, brauchte zu lange, den dringlichen Wunsch der Slowaken zu verstehen.

Slowakisch ist weich und melodiös, und man kann slowakischen Frauen sofort an ihren Stimmen erkennen, die höher und zarter sind. Auch wenn etwas bescheidener ist, will es nicht traktiert werden.   

Natürlich kann man auch auf Slowakisch lügen und dumm daherreden, aber wegen der Nüchternheit der Sprache durchschaut man das sehr schnell, und Worte werden zu peinlichem Geschwafel. Da dem Slowakischen eine verschriftlichte Umgangssprache fehlt, wird von den Sprechenden Disziplin und Präzision verlangt. Alle Versuche, regionale Dialekte (die es im Tschechischen fast gar nicht gibt) in der slowakischen Literatur zu etablieren, sind fehlgeschlagen, sie erinnerten mehr an Liederbücher der Volksmusik als an Belletristik, auch die städtische Szenesprache konnte sich bisher wegen der rasante Entwicklung ihrer Ausdrucksformen und ihrer kurzen Haltbarkeitsdauer nicht etablieren. 

Ein Grund, warum ich diesen Text auf Slowakisch geschrieben habe, ist, dass ich sicher gehen wollte, keinem Selbstbetrug aufzusitzen.

 

Ebenso tief und historisch gewachsen ist der Unterschied in der Wahrnehmung von Natur. Meine tschechischen Eltern liebten tschechische Fichtenwälder, und bei unseren Ausflügen in die Berge war meine Mutter immer besonders glücklich, dass sie so „ordentlich“ aussahen. Das kommt daher, dass Tschechen die Natur als Teil ihrer menschlichen Welt betrachten und sie ihnen entsprechen soll. Aus diesem Grund wurden bereits im 19. Jahrhundert alle Bären und Wölfe ausgerottet. Sie hielten die übrig gebliebenen Tiere, Rehe und Hirsche, wegen des Fleisches in Gehegen, die sie Reservate nannten. Nicht einmal die glühendsten tschechischen UmweltschützerInnen finden diese für Wildtiere eingezäunten Areale in irgendeiner Weise pervers. Sie waren sehr erstaunt, als ich ihnen erklärte, dass in der Slowakei eine ähnlich Praxis unvorstellbar wäre.

 

Slowaken sehen die Natur im Gegensatz zu den Tschechen als eine separate, unabhängige Welt, die den Tieren gehört und für Menschen gefährlich ist. Nirgendwo in der Tschechischen Republik gibt es einen Ort, wo Natur eine Lebensbedrohung darstellt, während man sich in der Slowakei nur einen Kilometer aus dem Dorf oder einer Stadt herauswagen muss und sich schon im tiefsten Wald wiederfindet, wo der Bär der König ist. 

 

Diese Mischung aus Verehrung der Natur und Furcht vor ihr ist vielleicht auch der Grund, warum die Slowaken sich ihrer eigenen Begrenztheit bewusster sind, wissen, eingeschränkt durch andere Welten zu sein, und trotz ihrer sprichwörtlichen Emotionalität viel realistischer sind als die Tschechen. Weil sie in tiefen Tälern leben, umgeben von bedrohlichen Bergen, haben sie ihr Schicksal, an der Peripherie zu leben, viel besser verstanden, und dass sie nur überleben können durch Loyalität zu einem entfernten Machtzentrum. Diese Loyalität ist das Schicksal eines kleinen Landes am Rande der Europäischen Union, deren Zentrum weit westlich liegt. Das Wissen darüber führte auch dazu, den Euro einzuführen und mit aller Kraft zu versuchen, ein zuverlässiges Mitglied der Europäischen Gemeinschaft zu sein. Anders als Václav Havel sehen sich die Tschechen gerne in der Tradition der rebellischen Hussiten, haben aber nicht verstanden, dass sie wie die Slowaken auch abhängig sind. Sie haben sich verhalten wie die Briten, ein Bild von sich selbst auf einer imaginären Insel geschaffen und alle vertrieben, die drohten, dieses Bild zu zerstören, von den Bären und Wölfen bis hin zu den Sudetendeutschen. Deshalb gehören sie heute zu den größten Gegnern der Europäischen Union, in die Havel sie gedrängt hat.

 

Die Zahl der historischen Unterschiede ist größer als ich in meiner Abneigung, die Existenz eines „nationalen Charakter“ anerkennen zu wollen, weil sie nach Nationalismus riecht, für gewöhnlich zugebe. Vermutlich hat auch Václav Havel diese Unterschiede nicht anerkennen wollen, weil sie seiner Vision einer universellen Essenz unseres Seins widersprachen. 

Auch jetzt fühle ich mich, als wagte ich mich heraus in verbotene Gefilde, aber wer, wenn nicht ich, hätte das Recht, Tschechen und Slowaken zu vergleichen ohne in den Verdacht zu geraten, parteiisch zu sein.

   

Als wir – Havels zehn Freunde – am Morgen vor der Beerdigung in ein Prager Café nahe der Burg gingen, um Kaffee zu trinken, passierte etwas ziemlich Charakteristisches: einer von uns bezahlte die gesamte Rechnung und die übrigen bedankten sich bei ihm. Das habe ich mit meinen tschechischen Freunden eigentlich noch nie erlebt, und obwohl tschechische Kneipen bekannt sind für ihre angenehme Atmosphäre, zahlt in der Regel jeder nur seine eigene Rechnung. 

Der Unterschied in der Haltung zu Geld und seiner Funktion im Leben ist hinlänglich bekannt; die Slowaken halten die Tschechen einfach für knickrige Geizhälse. Laut Statistik spenden Tschechen allerdings mehr für wohltätige Zwecke als Slowaken. Die tschechische Haltung zu Geld ist nur ein weiterer Ausdruck ihres tiefen Vertrauens in das funktionale Wesen der Zivilisation, das auf einer rationalen Organisation von Gesellschaft (ohne Gott) beruht. Und die Fähigkeit der Tschechen, ihr Leben und das Land zu organisieren, kann man nur erstaunlich nennen. Das Land verfügt über ein dichtes Straßennetz, und es gibt wenige Orte, die mehr als drei Kilometer voneinander entfernt sind. In der Slowakei hingegen, das bedeutend kleiner ist, kann man die Berge durchstreifen und stößt auf keine Menschenseele, geschweige denn auf Ortschaften. Ich bin immer wieder verblüfft, wie perfekt - im Vergleich zur Slowakei - in der Tschechischen Republik alles funktioniert. Es ist kein Zufall, dass die Wirtschaft 2006 reibungslos lief, als Tschechien ein halbes Jahr keine legitimierte Regierung hatte.

Trotz der offensichtlichen Unterschiede in Bezug auf Geld haben Slowaken und Tschechen eine Gemeinsamkeit, die ziemlich ungewöhnlich ist in Mitteleuropa. Die Erfahrung aus den 1920er Jahren, als die Tschechoslowakei berühmt war für ihre starke Währung, hat ihnen die Idee strikter finanzieller Disziplin eingeimpft, die als historische Verpflichtung für jede Regierung gilt. Es ist kein Zufall, dass sogar das kommunistische Regime der Tschechoslowakei, im Gegensatz zu Polen und Ungarn, so gut wie keine Schulden hinterlassen hat. Auch nach 1989 darf kein Premierminister, weder ein tschechischer noch ein slowakischer, die Verschuldung über einen bestimmten Level hinaus treiben.

Dennoch birgt die tschechische Fähigkeit, die Gesellschaft gut zu organisieren, auch Risiken, insbesondere weil Tschechen keinerlei Drang zu Reformen verspüren. Zwanzig Jahre voneinander unabhängiger Entwicklung haben ein überraschendes Phänomen zu Tage gefördert: Die Slowakei ist institutionell ein viel modernerer Staat als die Tschechische Republik.

Obwohl diese Entwicklung zufällig erscheint, hat sie ihre eigene innere Logik: Um zu bestehen braucht die Slowakei mit ihrer traditionell weniger effizient entwickelten Gesellschaft, die zudem voller innerer Widersprüche ist, eine bessere Staatsführung als Tschechien. Die Slowaken machten diese Erfahrung - sozusagen aus erster Hand - während der sechs Jahre, die es brauchte, den autoritären Mečiar loszuwerden, der das Land an den Rand des Zusammenbruchs geführt hatte. Die Tschechen wiederum genossen in den 1990er Jahren den scheinbar perfekten Übergang zu Demokratie und Kapitalismus, und beginnen erst jetzt zu begreifen, wie recht Havel mit seiner Kritik am „Mafia-Kapitalismus“ hatte. 

Im Hinblick auf ihre Institutionen haben beide Länder dieselben Grundlagen, die Slowakei hat den Großteil der Verfassung wortwörtlich übernommen, die galt, bevor die Tschechoslowakei sich spaltete. Nach dem Fall Mečiars begannen weitreichende Änderungen im politischen System der Slowakei. Anders als die Tschechen können die Slowaken jetzt ihre Bürgermeister direkt wählen ebenso wie den Landespräsidenten, was die übermäßige Macht der Parteien beschnitten hat; das Land wurde dezentraler strukturiert und die Staatsanwaltschaft wurde von der Exekutive getrennt (der Generalstaatsanwalt wird nun vom Parlament gewählt, während er in Tschechien von der Regierung ernannt wird). Im Kampf gegen Korruption setzt die Slowakei verstärkt auf Transparenz: alle staatlichen Aufträge an private Unternehmen müssen im Internet veröffentlicht werden, anonymen Firmen ist zehn Jahre lang verboten mit Aktien zu handeln. In der Tschechischen Republik haben die meisten Firmen, die sich bei staatlichen Ausschreibungen bewerben, unbekannte Eigentümer, von denen viele zweifellos Politiker sind. 

Der Kampf gegen die Schattenwirtschaft in der Slowakei hat sogar die traditionell lockere Beziehung zu Geld, wie bereits oben beschrieben, beeinflusst. In einer tschechischen Kneipe zählt üblicherweise der Kellner alles auf einem Stück Papier zusammen, und man muss sich auf seine Rechenkünste verlassen. In der Slowakei hingegen erhält man selbst im abgelegensten Winkel, sobald man ein Bier bestellt hat, eine exakte elektronische Rechnung. Die Slowaken haben dieses System vor zehn Jahren im Kampf gegen Steuerhinterziehung eingeführt, während die Tschechen immer noch Ausflüchte suchen und behaupten, solche Kontrollen seien viel zu teuer.


 

Ich könnte noch mehr Beispiele auflisten, aber es bleibt die Tatsache, dass die meisten bessere demokratische Rahmenbedingungen in der Slowakei gewährleisten als in Tschechien. Wie ist es aber möglich, dass das Ausmaß der Korruption in beiden Ländern tatsächlich etwa gleich ist und die Menschen überzeugt sind, das System sei ungerecht? Ganz einfach, weil die Tschechen die schlechte Qualität ihrer Gesetzgebung mit höherer Qualität ihrer Eliten kompensieren. Die tschechische Justiz ist beispielsweise im Prinzip unabhängiger von der Politik als die slowakische, weil sie ihren Ruf starken Persönlichkeiten unter den Richtern verdankt, während die slowakischen Richter ihre Unabhängigkeit dazu missbrauchten, ein enges und korruptes Gebäude zu errichten. 

Die Unterschiede in der Entwicklung der politischen Systeme, die sich in solchen Trivialitäten wie z.B. dem elektronisch geregelten Zahlungsverkehr zeigen, sind offensichtlich das Ergebnis großer sozialer Prozesse, und die zu untersuchen ergäbe Stoff für mehrere Bücher. Aber es gibt auch Unterschiede, die auf den ersten Blick ziemlich banal erscheinen. Immer, wenn ich in der Tschechischen Republik eine Zeitung kaufen möchte oder Zigaretten, bemerke ich, dass ich dem Mann oder der Frau im Kiosk in die Augen schauen, manchmal sogar ein paar Worte wechseln kann. Auch wenn wir uns überhaupt nicht kennen. Die tschechischen Trafiken ähneln kleinen Häusern mit einem großen geöffneten Fenster, aus dem die VerkäuferInnen die Welt beobachten und Kunden anzulocken versuchen. In der Slowakei hingegen sitzen sie in ihren dunklen Kiosken, versteckt hinter Glas mit einer kleinen Öffnung, durch die eine unpersönliche Hand die Zeitung hinausschiebt und das Geld entgegennimmt. Ist dieser krasse Unterschied Ausdruck kultureller Unterschiede oder zufälliger Umstände? Ich bin nicht sicher. Der einzige offensichtliche Grund ist, dass das Vertriebsmonopol von Zeitungen in der Slowakei in den 1990er Jahren von einem Mafia-Unternehmer vergrößert wurde, indem er das Land flächendeckend mit standardisierten Kiosken versah und sie in gepanzerte Festungen verwandelte, wie es offenbar seinem Charakter entsprach. In der Tschechischen Republik gab es einen heftigen Verteilungskampf um den Zeitungsvertrieb, der ein Modell schuf, das auf die Bedürfnisse der Kunden antwortete.

Aber es ist auch möglich, dass diese seltsame Divergenz tiefere Ursachen hat. Es ist wahr, dass der Zeitungskiosk ein gemeinsames Erbe der österreichisch-ungarischen Monarchie ist, als Kriegsveteranen mit dem Recht belohnt wurden, kleine Kioske zu bauen, um Zeitungen und Tabak zu verkaufen und damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen, in den böhmischen Ländern wurden sie regelrecht zu einer nationalen Institution (auch wenn sie heutzutage in Prag meist von Russen betrieben werden). In der Slowakei gab es keine vergleichbare Verankerung, teilweise auch deshalb, weil die ersten slowakischen Zeitungen überhaupt erst im 20. Jahrhunderts erschienen. Es gibt bis heute einen dramatischen Unterschied in den tschechischen und slowakischen Zeitschriften-Auflagen. Obwohl es beinahe genau doppelt so viel Tschechen wie Slowaken gibt, ist der Zeitungsmarkt in der Tschechischen Republik viermal größer als in der Slowakei. Es ist daher durchaus möglich, dass die sympathische Offenheit tschechischer Kioske eher ein deutlicher Ausdruck kultureller Differenz, als dem sinistren Charakter eines slowakischen Unternehmers geschuldet ist. 

Trotz dieser und vieler anderer Unterschiede haben die beiden Länder nach zwanzig Jahren unterschiedlicher Entwicklung – und mit einigen Umwegen – ein Stadium erreicht, wo sie sich gleichen wie ein Ei dem anderen, vor allem aus einer Gesamtperspektive Mitteleuropas gesehen.

 

Auch ich bin verblüfft darüber, erkläre es mir aber mit historischen Gegebenheiten. Beide Nationen haben, trotz ihrer Unterschiede, eine tiefgehende gemeinsame Erfahrung: ihre Geschichte ist in überwältigendem Maße eine von Plebejern. Keine von beiden hat je den Adel als eine nationale Elite gesehen, und bald nach der Gründung der Tschechoslowakei im Jahre 1918 entledigten sich beide Länder der meisten Aristokraten und betrachteten sie fortan als Feinde, d.h. als Österreichisch, Deutsch oder Ungarisch.

 

Das Fehlen bedeutender und glorreicher Geschichte ermöglichte Tschechen und Slowaken, mit dem praktischen Ausbau des Staates auf Grundlage eines demokratischen Standard-Programms zu beginnen, was auch allzu starke gesellschaftliche Klassenunterschiede verhinderte. Es genügt ein Blick auf die Auswirkungen, die historischer Streit auf die Politik Polens und Ungarns hatte, wo sich tiefe Gräben in den jeweiligen Gesellschaften entlang der tektonischen Linien auftun, die eine noch relativ nahe Geschichte hinterlassen hat. Es ist auch kein Zufall, dass innerhalb der letzten zwanzig Jahre kein Historiker ins Rampenlicht tschechischer und slowakischer Politik getreten wäre (eine Ausnahme ist Petr Pithart, aber der studierte zunächst Jura und erst danach widmete er sich der Geschichte), während in Polen und Ungarn Historiker Schlüsselfunktionen innerhalb der politischen Elite innehaben. 

In einem Interview kam Václav Havel auf die Teilung der Tschechoslowakei zu sprechen und räumte ein, dass die Beziehungen zwischen Slowaken und Tschechen jetzt vermutlich besser seien als in der Föderation, und dass die Slowaken vielleicht mehr gewonnen hätten, weil sie den permanenten tschechischen Spiegel verloren hätten, in dem sie sich ständig mit den Tschechen verglichen. Er äußerte auch Zweifel über die tschechische nationale Identität. „Ist es die Sprache? Aber die Sprache, die wir sprechen, ist ziemlich heruntergekommen. Ist es unser kleiner Platz auf der Erde und die Landschaft? Aber die haben wir systematisch zerstört!“ 

Das Problem von Václav Havel war jedoch, dass er als außergewöhnlicher Tscheche hart mit seinen Landsleute ins Gericht gehen konnte, aber es nicht wagte, die Slowaken zu kritisieren, weil er sie nicht so gut kannte. 1992 beschuldige ich ihn, die Slowaken links liegen gelassen zu haben und ein halbes Jahr später tschechischer Präsident geworden zu sein. Heute weiß ich, dass er nichts hätte tun können, um die Spaltung der Tschechoslowakei zu verhindern.  

Dass ich den Untergang des gemeinsamen Staates betrauerte, lag nicht daran, dass ich die Tschechoslowakei so liebte. Der Kommunismus hat mich gelehrt, zum Staat eine gewisse Distanz zu wahren. Traurig machte mich der Anstieg des Nationalismus, dieser Massenhysterie, die aus Nationen von Zeit zu Zeit wie ein böser Geist aufsteigt. 

In den frühen neunziger Jahren waren Spaltungen in Mode, und jetzt liegen sie wieder im Trend. Die Europäische Union wird durch eine Bedrohung zusammengehalten, auseinandergerissen von den gleichen negativen Emotionen, die ich beim Zerfall der Tschechoslowakei erlebte. Wir hören die gleichen gegenseitigen Schuldzuweisungen, wer den Kürzeren ziehen wird und die gleichen Rufe nach Souveränität. Jeder Tag ist ein déjà vu-Erlebnis, einschließlich der frustrierenden Erkenntnis, dass die Leute diese Auflösung herbeiführen, auch wenn sie sie nicht wollen, weil ihnen Fantasie fehlt. In den frühen 1990er Jahren konnte sich niemand vorstellen, dass die Tschechoslowakei auseinanderbrechen könnte, genauso wie heute niemand darauf vorbereitet ist, dass die EU vielleicht schon morgen nicht mehr ist. Nationen verhalten sich manchmal wie ein Kind, das ein Glas Milch auf den Boden schmeißt, nur um zu sehen, was passiert, und dann verwundert auf das Desaster starrt, das es angerichtet hat.

  

Die Geschichte vom Zerfall der Tschechoslowakei, die Euro-Skeptikern als Leitfaden für die friedliche Beseitigung der Europäischen Union dienen könnte, hat jedoch nur scheinbar ein gutes Ende. Es wird oft vergessen ist, dass die Trennung zwischen den beiden Nationen nur so glatt und reibungslos vonstatten ging, weil sie der gemeinsame Wunsch einte, sich innerhalb der EU wieder zu vereinigen. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie sich die Beziehung zwischen den Tschechen und Slowaken entwickelt hätte, wenn sie einer Prüfung durch die gnadenlosen geopolitischen Spiele unterzogen worden wären - ohne das Sicherheitsnetz der EU.
Ich lebe ein Doppelleben und kann nicht sagen, ob ich mehr Slowake oder mehr Tscheche bin. Aber ich weiß ziemlich sicher, dass ich keinen Euro auf die Fähigkeit dieser beiden geteilten Nationen verwetten würde, eine geopolitischen Krise, die nach einem Zusammenbruch der EU folgen könnte, zu bewältigen. Gelingen könnte dies nur gemeinsam, egal welche Form die Vereinigung hätte, jedoch mit der Forderung verknüpft anzuerkennen, dass die Spaltung verrückt war und nur geboren aus der Illusion über „das Ende der Geschichte“. Wenn diese beiden Nationen wirklich etwas gemeinsam haben, so ist es die Tatsache, dass sie klein sind. Und aus dieser geographischen kleinen Größe folgt die Kleinheit und Begrenztheit ihrer politischen und intellektuellen Eliten. Die Tatsache, dass Václav Havel sie alle als Ausnahmeerscheinung so dramatisch überragt, bestätigt nur die Regel. Wenn diese beiden Nationen es andererseits gleichermaßen geschafft haben, Havel zu ehren und zu lieben, dann sind sie noch nicht ganz verloren.

 

 

Martin M. Šimečka (*1957) ist ein slowakischer Schriftsteller und Journalist, Chefredakteur von Respekt, einem tschechischen Wochenmagazin. Er lebt in Prag und Bratislava.Während des kommunistischen Regimes veröffentlichte er im Samizdat. Er ist Autor mehrerer Romane und Essays. Šimečka’s Roman Das Jahr des Frosches wurde auch ins Englische und Französische übersetzt. 1990 gründete und leitete er den unabhängigen Verlag Archa. Später wurde er Chefredakteur des kritischen Domino-Forum, einer slowakischen Wochenzeitschrift. 1997 – 2006 war er Chefredakteur von

SME, der führenden englischsprachigen Zeitung des Landes, bevor er die jetzige Postion bei Respekt übernahm.

 

 



 

 

 

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors

 

Erstveröffentlichung: 29.05.2012 in Visegrad Insight 

Original in Slowakisch
© Martin M. Simecka / Salon.eu.sk / Visegrad Insight
© Englische Übersetzung: Julia Sherwood, Eurozine

© Deutsche Übersetzung: Katja Schickel, 10.06.2012; Fotos: presseurop-eu: Porträt; Quint Buchholz: Die Befragung der Aussicht IV-1989; Jan Švankmajer: Dialog; Fatra-Tourismusverein; wikimedia; M. Kasal - Klatschmohn, Werbeplakat-Herz; dpa (3); betterworldbooks.com; Jody Smith: Faces in Places - Cheese!, 2011. 



 

 

 

 

 

 

© Vorhang auf oder zu...?, dpa 

 

PS 

Apropos Korruption - Vergesst Geldkoffer!

von Katja Schickel

Heutzutage schleppen die feinen Herren ihre Schmiergelder lieber - wie die von ihnen gern verteufelten und aus dem Straßenbild verjagten so genannten Penner - in Plastiktüten nach Hause oder lassen sich ihre millionenschweren Prämien in Weinkartons anliefern. Man gönnt sich ja sonst nichts. Das Geld wird dann sofort unterm Parkettboden versteckt, die Maschinenpistole griffbereit und zur eigenen Sicherheit gleich daneben. Die tschechischen Politiker (und es ist mittlerweile wirklich egal, welcher Partei sie angehören) haben die Zeichen der Zeit erkannt und erweisen sich als die wahren Trendsetter, vor allem was neue Transportmittel angeht. Weg mit den formschönen, chicen Köfferchen: in die Discounter-Tüte passt nicht nur Schmutzwäsche (sprich: die weiße Weste), sondern noch jede Menge Kohle (von jener Provenienz, die keine Staublunge verursacht und sich nicht in die Haut eingerbt, man macht sich nicht einmal die eigenen Hände schmutzig).

Dies alles ist zurzeit als wirkliches Schmieren-Theater in Tschechien zu erleben, und es ist der gefühlte 100. Akt einer nicht enden wollenden Farce. Gezeigt wird nicht nur männliche Hybris, Gier, Neid, sondern die grenzenlose Selbstbedienungsmentalität von Politikern, Posen ihrer Arroganz und Unverfrorenheit. Sie beteuern regelmäßig ihre Unschuld, wenn ein Sachverhalt öffentlich wird. Friert die Europäische Union nach der Aufdeckung von Subventionsbetrug EU-Gelder ein, schmollen übrigens nicht nur Politiker, sondern viele TschechInnen, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen. Es gilt das tschechische Mantra: Die Anderen sind schuld! - wahlweise der politische Gegner, die Verhältnisse, die Geschichte, die EU. Der jüngste Skandal, die Causa Rath, offenbart erneut Dünkel und Doppelmoral. 

Zurzeit kursiert in Prag ein Witz: Jesus konnte Wasser in Wein verwandeln, aber der tschechische Abgeordnete David Rath kann sogar Wein in Geld verwandeln. Rath ist tschechischer Spitzenpolitiker, Sozialdemokrat und berühmt für seine Scharfzüngigkeit. Er betont, dass er in dem Karton kein Geld vermuten konnte, und da er nicht ganz mittellos sei, verlange Geld im Haus eben spezielle Sicherheitsmaßnahmen. Vorläufiges Fazit: Die Knarre im Haus erspart die demokratische Offenlegung.

Handfeste Argumente (wenig Argumente, viel Schlagabtausch) werden übrigens nicht nur in fernen Regionen unter strengen Regimen ausgetragen, es gibt sie auch in Tschechien, und der dabei verwendete Wortschatz zeigt die Mentalität der Akteure (s.a. Spots):

© youTube; Mudr. Daniel Rath und Miroslav Macek - in action!

 

s. dazu auch: Daniela Capcarová - Korruption; Wahlen: Gorillas im (slowakischen) Nebel



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