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Katja Schickel über die Rezeption von:

 

Michael Kumpfmüller, Die Herrlichkeit des Lebens

Eine Liebesgeschichte mit und ohne Franz Kafka



 

Eins

Diejenigen Rezensenten haben recht, die behaupten, der Roman von Michael Kumpfmüller, Die Herrlichkeit des Lebens (Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2011) funktioniere auch ohne Kafka und das Wissen über ihn: Liebe ist schließlich universell, sagen sie. Besonders in harten Zeiten verspricht sie Rettung und Läuterung. Da können sich noch so viele dunkle Wolkengebirge auftürmen, die Liebe ist doch eine Himmelsmacht. Sie versetzt einen in heillos schöne Unruhe und mündet schließlich  in ruhigere, verlässlichere Fahrwasser. Erzählt wird schließlich von der Herrlichkeit des Lebens, der man selbst  durchaus gern öfter begegnen würde. 

Ausgebreitet wird eine anrührende Liebesgeschichte, chronologisch und anschaulich erzählt mit viel Sinn für Details, was Alltag und Zeitläufte angeht; eher zart und vorsichtig tastend, als könne das beschriebene Glück sonst zerbrechen, noch bevor der Tod es tatsächlich und unwiederbringlich beendet. Kumpfmüller wird nie rührselig. Er beschreibt die erste Begegnung, die Annäherung der beiden Liebenden, die Zweifel, das keusche Verliebtsein, die Furcht vor Enttäuschung, ihre wechselseitige fiebrig-nervöse Erwartung, die Sehnsucht, als sie für kurze Zeit getrennt sind, das Wiedersehen, den Wunsch, ein gemeinsames Nest zu finden, das Behaglichkeit, Geborgenheit und Ruhe verspricht, also ein entspanntes Zusammenleben, allerdings auf engstem Raum in äußerst prekären Verhältnissen, schließlich die Krankheit des Mannes und die fürsorgliche Frau, die ihn bis zu seinem Tod hingebungsvoll pflegt. Er erzählt dieses Jahr des Glücks und der Verzweiflung in drei Kapiteln: kommen, bleiben, gehen, arbeitet in jedem Kapitel mit Spannungsbögen, etwa im Wechsel der Perspektiven von der einen zur anderen Person, in der Beschreibung von Vorkommnissen, die in der Erinnerung Ereignisse aus der Vergangenheit evozieren und es dem Autor ermöglichen, sowohl äußerliche Begebenheiten und Verhaltensweisen der Protagonisten genau zu beschreiben, als auch einen vorsichtigen Blick ins deren Innenleben zu werfen.

 

Zwei

Die Kritiker, die behaupten, die Liebesgeschichte funktioniere auch ohne Kafka, haben natürlich unrecht: eine x-beliebige love story, von der es vermutlich Legionen gibt, hätte die Weihen des gehobenen Feuilletons – und die enthusiasmierten Besprechungen - natürlich nie erhalten, Die Prominenz der einen Hauptperson, das name-dropping garantiert den Erfolg, immerhin ist das gesamte bekannte Personal um Kafka herum - notgedrungen - versammelt. Es ist ja eine Geschichte mit verbürgtem Hintergrund, und Kumpfmüller verfügt schließlich über profunde Kenntnis der Daten und Fakten, die das Fundament seiner Konstruktion bilden. Eine Story mit letalem Ausgang ist so recht nach dem Geschmack des Publikums: "ergreifend"  und  "tragisch" mit den Ingredienzien Liebe, Schreiben und Tod. Als Wunder erscheint ihnen allen die Geschichte nur deshalb, weil hier Kafka als Liebender vorgestellt wird, also der vermeintlich menschen- und vor allem frauenscheue Heilige quasi vom Sockel geholt und auf ein allen verständliches, wiedererkennbares menschliches Format gebracht wird (Schau, ein Mensch, wie wir.. ) - und eine in der Kafka-Rezeption zwar namentlich erwähnte, dennoch eher unbekannte Frau, Dora Diamant, die literarische Bühne betritt.

Ohne den Sprachstil Kafkas nachzuahmen, hat Kumpfmüller dessen Sprachgestus aus den Tagebüchern und Briefen durchaus übernommen: das Abwägende, Unschlüssig-Zögerliche vor allem. Weil es eine Fiktion innerhalb der Fiktion ist, bedient er sich zwar der Selbstzeugnisse Kafkas und Diamants, montiert sie oft fast wörtlich in seinen Text, bleibt jedoch stets zurückhaltend, fast verhalten. Er forciert nicht, und obwohl der Text zum großen Teil Imagination ist, dort wo er über die überlieferte Aussagen  hinaus geht, möchte er sich nicht exponieren, so wenig wie möglich interpretieren, alles in der Schwebe halten, sich nicht angreifbar machen. Diesen Spagat, sich nicht festlegen zu wollen und dennoch ein Liebesszenario mit einigem Gültigkeitswert zu entwerfen, merkt man dem Text an vielen Stellen an. Das Dilemma, das  Liebespaar nicht ausstellen, ihnen Privatheit zubilligen zu wollen und gleichzeitig den Voyeurismus zu bedienen, lässt sich nicht auflösen. Er ist ja Grundlage des literarischen Unterfangens. Ob ein Franz Kafka, der zwar einigermaßen regelmäßig Prostituierte aufsuchte, aber im Tagebuch den Beischlaf mit Milena Jesenská einmal als das Ende vom Glück ihres Beisammenseins bezeichnete, mit Dora Diamant (und sie mit ihm) eine erfüllte Sexualität erlebte, ist reine Spekulation. Kumpfmüller bleibt da ganz vage, fast schamhaft - die Sprache, derer er sich bedient, kommt ihm dabei zustatten. Leidenschaft, Verführung werden, wenn überhaupt, höchstens sehr diskret angedeutet, in der Beziehung Franz - Dora ist nichts vordergründig Sexuelles. Er will die Beiden nicht vorführen, sondern sich in sie einfühlen. Das wirkt manchmal etwas sentimental, weil ja bereits im Anfang das Ende schon mitgedacht ist. Außerdem bleiben beide so seltsam konturlos, als hätte sie der Autor in allzuviel (Zucker-) Watte gepackt, sie unter und mit dem eigenen Liebeskonzept zugeschüttet. Kumpfmüller möchte die offensichtlichen Wissenslücken füllen. Er beschwört eine innige, fast selige Intimität und Idylle herauf, die bei allen Widrigkeiten (Armut, Krankheit) dem Schicksal beharrlich abgetrotzt wird. Kafka kann zeitweise auch wieder schreiben, Dora schaut ihm dabei über die Schulter oder erledigt im Hintergrund den Haushalt. Ob dieses Bild wirklich der Realität entspricht, ob Beide nur annähernd so gedacht und gefühlt, sich so verhalten haben wie beschrieben, ist nicht mehr zu eruieren. Selbst die meisten schriftlichen Zeugnisse Kafkas aus dieser Zeit sind wahrscheinlich verbrannt worden bzw. nicht auffindbar, die Äußerungen von Dora Diamant doch oft auch widersprüchlich, die Auskünfte Anderer ungenau. Kafka erwähnt Dora Diamant in fast keinem seiner Briefe, und wenn er es tut, kann man sie für seine Haushälterin halten. Erst als Sterbenskranker bekennt er sich zu ihr, sie ist es, die seine Post erledigt, die Kontakte knüpft. Erst damit wird sie für alle sichtbar (die Ärzte, die Familie, Brod, Weltsch, Klopstock). Dennoch gerät sie bald wieder in Vergessenheit (es gibt nach dem Krieg einen erneuten kurzen Briefwechsel mit Brod, Diamant stirbt 1952) und gelangt lange Zeit auch nicht in den Fokus ernsthafter Recherche.   

Unser Bild von Kafka ist seit Jahrzehnten von einigen (deutschprachigen)  Kafka-Experten geprägt, die bisher durchaus  eifersüchtig darüber wachten, dass das so blieb, die jeweiligen Konkurrenten (in Anlehnung an Klaus Wagenbach allesamt Witwen Kafkas) argwöhnisch im Auge behielten und ihre Sammlungen nur öffneten, wenn es ein Anlass (Kafkas Geburtstag, sein Todestag) opportun erscheinen ließ  bzw. eigene Publikationen anstanden. Die Erforschung Kafkas ist immer noch eine Männer-Domäne. Allerdings konnte man die Frauen in seinem Leben schlecht ganz aus der Betrachtung verbannen, avanciert war das Interesse an ihnen allerdings nicht. Immerhin schrieb Kafka tausende Seiten über sie und an sie. In der Forschung tauchten sie gerne nur als Anschreib-Pole auf, das Abfällige ist dem Begriff bereits inhärent. Kafka war demnach – bis auf die Bordellbesuche – quasi asexuell, eine schöne Projektionsfläche also, Terra Incognita, und Abertausende von Interpretationen konnten sich über ihn, den reinen, unschuldigen Körper ergießen. Nicht von ungefähr schmückt das Zitat von Susan Sontag des zu Tode interpretierten Kafka als Eingangsmotto selbstbewusst und postmodern ironisierend so manches neue Werk. Es verkündet von vornherein beides: Komplizenschaft und geheuchelte Reue. Manchmal schade um die Bäume, die dafür umgehauen werden mussten. Kafkas Frauen überließ man gerne den Frauen, die konnten über das Frauenbild bei Kafka schreiben und damit reüssieren, soviel sie wollten, in den erlauchten Kreis der Kafka-Versteher kamen sie damit noch lange nicht. Mit vielen Mythen, Legenden und Mutmaßungen hat tatsächlich erst Rainer Stach in seiner Kafka-Biographie aufgeräumt (S. Fischer Verlag).

2003 erschien in der amerikanischen Originalfassung: Kafka´s Last Love – The Mystery of Dora Diamant von der – nicht verwandten – Autorin Kathy Diamant (Basic Books, New York). Merkwürdigerweise wurde dieses Buch, das eine vierhundert Seiten umfassende Biographie ist und in der Franz Kafka eine wesentliche Rolle spielt, bisher nicht ins Deutsche übersetzt, obwohl doch sonst fast alles veröffentlicht wird, was den Namen Kafka nur erwähnt. Dafür haben sich in den vergangenen Jahren augenscheinlich einige Autoren des Buches bedient. Sie haben, wie Kumpfmüller es immerhin in seiner Danksagung tut, zwar den Namen der Autorin im Register genannt, aber die Übernahme ihrer Deutungen und Textstellen nicht vermerkt. Dies gilt auch für eine Reihe anderer Quellen aus dem Ausland. Ohne das Buch jedoch, das eben die Präsenz Dora Diamants im Leben von Franz Kafka zum Gegenstand hat, die damit nicht mehr so leicht ignoriert werden kann, wären einige Passagen bei Stach beispielsweise und jetzt auch bei Kumpfmüller kaum denkbar.

Kathy Diamant, die ihr Buch 2008 in Prag vorstellte, erzählte, wie kompliziert es während ihrer langjährigen Recherche gewesen sei, gerade mit deutschen Kafka-Kennern ins Gespräch zu kommen - und plötzlich erzählte Wagenbach doch noch über Fotos von Dora Diamant, die bis dahin noch nie veröffentlicht worden waren... Zur gleichen Zeit übrigens wurde in Praha-Stráhov ein Brief Kafkas an Julie Wohryzek vorgestellt, den ein führender Kafka-Spezialist auf einer Philatelie-Ausstellung ersteigert hatte, zunächst aber offenbar für sich behalten wollte.

 

Drei

Die Rezensenten haben doch recht. Es geht ohne Kafka, zumindest im deutschsprachigen Raum, denn der jüdische Kafka, der sich selbst immer als Westjude bezeichnet hat und erstmals in der Begegnung mit dem Jiddischen Theater des Jizchak Löwy und seiner Truppe mit dem Ostjudentum konfrontiert wurde, dessen Werk durchdrungen ist von jüdischen  Themenstellungen, kommt so gut wie  nicht vor (lesenswert: Guido Massino, Kafka, Löwy und das Jiddische Theater, Stroemfeld Verlag, 2007). Dora Diamant war nicht nur äußerlich attraktiv, sie war es für Kafka auch deshalb, weil sie ursprüngliche jüdische Tradition und Spiritualität verkörperte, weil sie Jiddisch und Hebräisch sprach und weil sie Zionistin war.

Kumpfmüller beschreibt zwar die niederdrückende Zeit der Inflation, der fast stündlichen Geldentwertung 1923/24, erwähnt aber nur in einem Halbsatz das Pogrom in Berlin im November 1923, über das Kafka in einem Brief  bitter enttäuscht und verzweifelt schreibt: Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht hierher gekommen. Aber ich weiß gar nicht, ob ich fort gegangen bin.

Dass ein hübsches, lachendes Mädchen dem auf einer Bank Sitzenden etwas zuruft und er - ein bisschen verzögert - wahrnimmt, dass der kindliche Mund das verächtliche Wort: Jud! formte, ist hinlänglich bekannt. Kumpfmüller beschreibt die Szene und hakt sie ab. Die Demütigung, die Stigmatisierung als allgegenwärtige Erfahrung, die existentielle Bedrohung, den anhaltenden Schrecken beschreibt er nicht. Kafka ist nach diesem Erlebnis jedenfalls so gut wie gar nicht mehr aus dem Haus gegangen, das Zentrum von Berlin mied er schon lange. Wie sich diese Erfahrung einer um Vielfaches gesteigerten Einsamkeit und Bedrückung durch die Ereignisse in Prag und nun in Berlin auf den kranken Kafka ausgewirkt haben mag, kann man nur ahnen. Kumpfmüller sieht die Brisanz offensichtlich nicht, bleibt lieber im Ungefähren, weil er die Themen, die Franz Kafka und Dora Diamant miteinander verband, entweder nicht ernst genug nimmt oder sie nicht zu deuten weiß. Ja, es geht ohne diesen Kafka. Was hat man dann aber von ihm und seinem Leben in Berlin (mit Dora) verstanden?

 

Abspann: Projektionen

Ein schwarzer Sack auf Beinchen mit abstehenden Ohren und Hut läuft durch eine enge, dunkle Gasse in ein fernes Nirgendwo -

das ist der aktuelle Kafka in Prag, als Souvenir heimgekehrt und tausendfach verkauft.

In Deutschland ist Kafka lange Zeit nur der schmale, blasse und sanft blickende junge Mann mit akkuratem Scheitel und Segelohren, sein Werk in den Bereich übersteigerter Phantasie oder politischer Weitsicht – Totalitarismus und Vernichtungslager! - geschoben; in perverser Verkehrung wird daraus eine Art self-fulfilling-prophecy, als hätte Kafka in seinen Texten das Schicksal vor allem der Juden schon voraus sehen können.Vor lauter Betroffenheit war ein lachender Jude, ein moderner, ein liebender Mann da eher störend.

 

Mittlerweile kann man sich Kafka als glücklichen Menschen vorstellen; man findet es auch "nicht seltsam, dass das Wünschen und Fragen bis zuletzt nicht aufhört".

Man wird dennoch weiterhin Absurdität  und Gewalt, Bedrohung und Verzweiflung, düstere Komik und erhellende Ironie, die flirrende Klarheit in Kafkas Texten lesen, mit der eigenen Wirklichkeit vergleichen und nichts beschönigen wollen. Man hat Kafka und Dora als Liebende kennengelernt und ihre Geheimnisse nicht entschlüsselt.

Nun können wir alle gelassen weiteren Entdeckungen entgegen sehen. Vielleicht schon demnächst in Ihrem Kino...


(erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, geb. 238 Seiten)

 


© Katja Schickel

 



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