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Als Sie hörten, Sie müssen alle nach Theresienstadt – was haben Sie sich da vorgestellt?Wussten Sie etwas über Theresienstadt?

 

 

NACH THERESIENSTADT

 

 

ER: Man hat damals behauptet, es wird einen Platz in der Welt geben, wo alle Juden zusammen leben. Man sprach von Madagaskar, das war aber nur Theorie. In der Praxis hat das ganz anders ausgesehen. Hitler hat schon damals versucht, die Juden zu vernichten. Aber es war nicht so einfach. Es gab viele Juden, es gab auch in Deutschland viele Juden, und alle Juden zu vernichten, das zu realisieren, war nicht so einfach. Aber zum Teil ist es ihm ja gelungen

Sie bekommen die Aufforderung, ins Messepalais zu kommen. Was ist das? Was denken Sie? Was erwartet uns in Theresienstadt? Hatten Sie eine Vorstellung, wie es dort sein würde?

ER: Nur, dass wir dort zusammen sind und dass wir nicht unter den 'normalen' Leuten leben, separiert sind von den 'normalen' Leuten. Aber ich weiß nicht, ob die Leiter, die das alles organisiert haben, eine Ahnung hatten, was das alles bedeutet, ob sie schon damals wussten, dass das nur ein Übergang ist zu weiteren Transporten in die Vernichtungslager. Davon hatten wir keine Ahnung, und ich weiß nicht, ob die Vorbereitungen damals schon so weit waren, dass es wirklich um unser Leben ging, ob sie uns damals nur separieren wollten oder was sie eigentlich wollten. Was sie beabsichtigen, wusste ja niemand. Natürlich gibt es heute darüber Dokumente, aber damals war das noch nicht bekannt. Es gab diese Wannsee-Konferenz, auf der die Vernichtungslager geplant wurden. Dass wir damals keine Ahnung davon hatten, das war ja nicht unser Fehler. Man hat es ja verheimlicht.

Wenn einem gesagt wird: Du gehst jetzt in die Stadt B., dann hat man doch Vorstellungen. Was werde ich dort machen, werde ich arbeiten, wie werde ich leben, wird es gut sein oder schlecht...

ER: Die ersten Transporte sind nach Lodz gegangen. Das waren ungefähr fünftausend Leute, die kamen dort in ein Ghetto. Das war ein Teil der Stadt, der als Ghetto vorbereitet worden war. Also haben wir uns vorgestellt, vielleicht wird in Theresienstadt auch so etwas wie ein Ghetto sein. Man wird dort arbeiten können und leben. Am Anfang haben wir auch gearbeitet und versucht, alles zu organisieren. Aber bald war klar, dass nicht alle Juden in Theresienstadt Platz finden würden. Es war schnell vollkommen überfüllt, und dann mussten zwangsläufig Transporte kommen. Das war ganz klar, dass über 70.000 Juden in einem so kleinen Ort wie Theresienstadt keinen Platz finden würden.

Wir haben vorher schon mal darüber gesprochen: Die Vorstellung, dass sie alle nach Polen sollen, dass hat niemand gefallen. Das war wie ein Damoklesschwert. Man wusste auch darüber nicht wirklich Bescheid, aber trotzdem: nach Polen wollte man nicht!?

ER: Man hat automatisch Angst vor Veränderung. Es war klar, sie wird nicht zum Besseren sein. Wie das wirklich ausgefallen ist, dass konnte sich natürlich niemand vorstellen. Es war aber klar, es wird eine Änderung zum Schlechten sein. Das war uns allen ziemlich klar.

Und deshalb war auch immer klar, wenn so ein Transport angesagt worden ist, dass man dann auf jeden Fall zusammenbleiben wollte.

ER: Das ist eine der schlimmsten Dinge überhaupt.Wir hatten Hunger, wir haben gefroren, man war nicht richtig gekleidet, das war schlimm, aber ich glaube, dass kann man nicht vergleichen damit, als die Familien auseinander gerissen wurden. Das war das Allerschlimmste, was uns passieren konnte. Da habe ich immer den Eindruck gehabt, sie können uns hungrig lassen, aber dass die Familien zusammenbleiben, dass war für uns unter diesen Bedingungen das Allerwichtigste. Dann wurden nach und nach die Familien zerrissen.

 

© Katja Schickel/www.letnapark-prager-kleine-seiten.com


 

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