LETNA PARK     Prager Kleine Seiten
Kulturmagazin aus Prag
info@letnapark-prager-kleine-seiten.com

 

 

 

Franz Kafka  - Verschrieben und verzeichnet

Ausstellung von Pavel Schmidt

 

verschrieben: ausgestelltes Rezept, etwas zum wichtigsten Ziel seines Lebens machen, sich ganz und gar einer Sache oder Person widmen, falsch (ab-)geschrieben

verzeichnet: schriftlich erfasst, eingetragen, aufgezählt, bemerkt, festgestellt, falsch (ab-)gezeichnet

 

Unterwegs mit Kafka - Interview mit dem Künstler 

von Katja Schickel

Wie lange haben Sie an dem Kafka-Projekt gearbeitet und vor allem: Wie haben Sie angefangen?

Schmidt: Was das präsentierte Werk, den Kafka-Zyklus, betrifft, gibt es zwei Phasen: die Entstehungsphase, die drei-vier Jahre gedauert hat, etwa von 2002-2005/6. Das war aber nicht Arbeit an einem Kafka-Zyklus, ganz bestimmt kein Buch, es waren autonome Zeichnungen. Erst allmählich begann es sich zu kristallisieren. Als es mehr oder weniger abgeschlossen war (ich habe natürlich immer auch an anderen Sachen gearbeitet, Objekte, Skulpturen usw.), habe ich die Verleger des Stroemfeld Verlages getroffen, KD Wolff und Michel Leiner. Ich wusste natürlich, dass sie an einer historisch-kritischen Kafka-Ausgabe arbeiten, und dachte, früher oder später würde mir die schon in die Hände kommen. Sie waren gespannt, was ich für Sachen mache, und ich war gespannt, endlich diese historisch-kritische Ausgabe zu sehen. Es war auch klar, dass diese historisch-kritische Ausgabe nicht von meinen Zeichnungen sozusagen begleitet werden kann. Sie gaben mir das gesamte Konvolut, ein zehntausend Seiten langes Skript, das sie schon hatten, einiges war schon herausgebracht, anderes noch nicht. Dann habe ich beschlossen, die Originale mit der bestehenden Kafka-Literatur zu vergleichen. Die Skripte, die in den Büchern zusammengestellt sind, befinden sich ja immer in unterschiedlichen Heften usw. Ich habe also angefangen, das alles zu vergleichen und mir Textstellen herausgesucht, die in der existierenden Kafka-Literatur nicht vorkommen. Und als ich ein paar Dutzend Seiten hatte, fing ich mit Zeichnen an. Es dauerte noch einmal zwei Jahre, bis ich die Serien zusammen hatte. Ich begann, die Fragmente, die ich ausgesucht hatte, meinen Zeichnungen zuzuordnen - nach gewissen Kriterien, eigenen Erfahrungen oder danach, wie ich persönlich Kafka verstehe. Daraus ist der Zusammenhang von Bild und Wort entstanden.

Sie nannten diese Arbeit auch emblematisch und haben darauf hingewiesen, dass es immer eine Dreiteilung gibt: Bild, Thema und Motto.

Schmidt: Das ist der klassische Dreischritt des Emblems. In jeder Kultur gibt es ein Spannungsverhältnis, eine Wechselbeziehung von Bild und Sprache, in wenig entwickelten oder hochentwickelten Kulturen, von der Höhlenmalerei bis zu binären Systemen in Computern haben wir diese Spannung. Dann gibt es das Chinesische, die bildhafte Sprache, die ägyptischen Hieroglyphen. Das ganze Mittelalter ist noch voll davon. Ab der Renaissance konstituiert sich das Emblem. Man geht davon aus, dass die meisten Menschen Analphabeten sind, also muss ein starkes Bild da sein, und das hat ein Thema, einen Titel, ein Icon, also Bild und ein Motto, ein Schlagwort. Nehmen Sie ein Spiegelmagazin und Sie haben Titel, Bild und Hauptgeschichte, dreigeteilt. Also diesem Kanon habe ich gehorcht. Anders als im Buch, wo der Text dem Bild gegenübergestellt ist, habe ich für die Ausstellung das Passepartout mit dem Text bedruckt und so dem Bild zugeordnet. Das war die abschließende Arbeit. Seit 2006 wandert die Ausstellung nun: Sie war im Museum Goch am Niederrhein, im Jüdischen Museum Berlin, in Princeton, sie geht nach Harvard und soll nach Israel, weil Kafka ja dorthin wollte.

Wie und wann sind Sie auf Kafka gestoßen, wie war Ihr Zugang zu ihm?

Schmidt: Ich fand ihn mit Sechzehn und hatte sofort ein starkes Identitätsmoment; dann habe ich nur gelesen, die Schule geschwänzt, alles, was verfügbar war, habe ich gelesen. Dann gab es eine Phase mit Ende Zwanzig, dann noch eine mit Ende Dreißig, in der Phase, als Kafka starb. Ich habe jedes Mal einen anderen Kafka gelesen, immer im Zusammenhang mit meiner eigenen Biographie, mit meinem Stand, Beruf, mit meiner Familie, dem Privatleben – immer fand ich einen neuen Kafka. Und das ist selbstverständlich ein ganz großes Faszinosum gewesen. Ich habe jetzt einen gewissen Zustand erreicht, aber natürlich beschäftigt er mich weiter. An diesem Zyklus werde ich nicht mehr weiter arbeiten, aber ich werde sehen, was noch alles entsteht: im Geist von Kafka. Kafka ist für mich wirklich so eine Art Satellit, ein Himmelskörper, der immer wieder kommt, periodisch, wie die Himmelskörper, die wir von der Erde aus beobachten, die jährlich wiederkehren. Dann gibt es auch solche die nur alle zehn Jahre wiederkehren, alle achtzig oder hundert Jahre. Also so ein Begleiter ist Kafka. Nicht irgendein künstliches Satellitchen, das Nachrichten funkt, sondern wie die - im klassischen, ptolmäisch-aristotelischen Weltbild - sieben sichtbaren Planeten und die Sonne natürlich. So ist Kafka für mich, so periodisch kommt er.

Sie treffen immer auch eine Auswahl: bestimmte Personen, reale wie fiktive aus Kafkas Werk. Wie ist diese Auswahl zustande gekommen?

Schmidt: Ganz einfach. Als Titel wähle ich Wesen - zum Beispiel aus seinen Erzählungen, die immer auch einen autobiographischen Hintergrund haben, und Personen aus dem realen Leben, Verwandte, enge Freunde und Menschen, die sehr wichtig waren für ihn. Kurt Wolf war nie ein enger Freund, aber der erste Verleger, der an Kafka wirkliches Interesse zeigte. Felix Weltsch, Max Brod waren sehr enge Freunde, die über Kafkas Tod hinaus eine lebenslange Freundschaft verband. Bei neunundvierzig Zeichnungen habe ich dann Halt gemacht. Als ich das entschied, war ich selbst Neunundvierzig. Das gesamte Konvolut besteht aus sechsundfünfzig Blättern, das ist auch mein Jahrgang. Es gibt 49 + 7 = 56 und 7 x 7 = 49 + 7 = 56. Das ist ein bisschen die Geschichte.

Stimmt es, dass die Anzahl – abgesehen von der Sieben – auch mit der Gründung Israels 1949 zu tun hat?

Schmidt: Ja, es kommt vieles zusammen. Gut, das Sie es erwähnen. Das kommt natürlich dazu und 7 x 7 = 49 ist im Hebräischen auch eine wichtige Zahl, der Anfang der Sphären, wo man erwachsen wird und erstmals wahrgenommen wird. Man ist über den ersten Zyklus schon hinaus. Der zweite ist dann noch gewaltiger, den dritten schaffen dann nur die Wenigsten. Es gibt diese Zusammenhänge. Aber man muss sie nicht parat haben. Wenn es jemand so lesen kann, ist es gut, wenn nicht, auch. Das ist egal. Ich richte mich ja auch an ein Publikum, das Kafka nicht kennt, aber Freude an seinem Werk finden könnte.Wenn meine Arbeit dieses Interesse weckt, bin ich froh. Ich bin auch froh, dass Leute wie Čermák, ausgesprochene Kafkaologen also, in meiner Arbeit etwas sehen und entdecken, was auch sie weiterführen kann.

Zum Schluss möchte ich Sie zu Ihrem Reisen befragen. Wie macht man es, sich etwas zu erarbeiten und gleichzeitig ständig die Orte zu wechseln, mit anderen Menschen konfrontiert zu sein? Wie verändert das Reisen Ihren Arbeitsprozess?

Schmidt: Es ist im Moment so, die letzten zwölf Jahre funktioniert mein Leben so. Ich habe kein festes Atelier. Ich habe Angst vor festen, bindenden Ateliers. Natürlich habe ich diverse Lager, aber die kreative Arbeit passiert unterwegs. In allen möglichen Situationen, in Hotels, wo ich ein Arrangement mache für ein-zwei Wochen. Niemand muss mein Zimmer machen, die Wäsche usw. Wir vereinbaren einen Preis, und ich bin da, bis ich mich ausgetobt, 'entladen' habe. Spontane Einfälle gibt’s natürlich auch. Dann halte ich an der nächsten Autobahn-Raststätte, gehe in eine Kneipe, in einen Park, schreibe sie auf oder zeichne. Das Material reist bei mir mit. Das gehört zu meinem Reisegepäck. Aber natürlich sind das keine gewaltigen Formate, keine schweren Skulpturen; es sind eben handliche Formate, DIN a 2 ist relativ problemlos. Und dann finde ich kleine Objekte, nehme sie mit, bastle herum. So lebe und arbeite ich auf Reisen, und so entsteht auch alles Gezeichnete.

 

Ausstellungen bis 05.07.2010:

Goethe Institut Prag mit Franz Kafka-Zentrum Prag 

Masarykovo nábřeži 32, Praha 1

Široká 14, Praha 1 


Katalog: Pavel Schmidt, f.k., Stroemfeld Verlag, Frankfurt/Main 2006

(in den Ausstellungen erhältlich)

Foto: Sönke Tollkühn 

 

Pavel Schmidt: Maler, Zeichner und Objekt-Künstler, 1956 in Bratislava (Pressburg) geboren, 1966 für zwei Jahre nach Mexiko, dann in die Schweiz, wo er heute noch einen Wohnsitz hat. 1977-78 Chemie-Studium in Bern, danach Kunst-Studium in München, 1983-1989 Assistenz u. a. bei Daniel Spoerri, bis 1991 Professor, seitdem freischaffend.

 

 

Abb. aus dem Buch, S. 91 kafka  und S.69 ottla - mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

© Katja Schickel/www.letnapark-prager-kleine-seiten.com

 

 


 



Tweet