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"BRÜCKEN NACH PRAG"

von Katja Schickel


Ein Gespräch mit dem renommierten Germanisten und Literaturhistoriker Prof. Dr. Kurt Krolop in Prag


 

2008 wurde weltweit an den 125. Geburtstag Franz Kafkas erinnert - mit Veranstaltungen, Aus­stellungen und Neuerscheinungen von Büchern über ihn und sein Werk; 1938 war das Jahr des Münchner Abkom­mens, des Anschlusses der sog. Sudeten-Gebiete, dem 1939 die Okkupation der böhmischen Länder der Tschechoslowakei folgte; 1948 übernahmen die Kommunisten die Macht; der Einmarsch der Truppen der Warschauer Pakt Staaten beendete den Prager Früh­ling 1968. - Ab 1989 entsteht ein anderes Europa, jen­seits des Ost-West-Blocks, der Kalte Krieg ist erst einmal auf Eis gelegt.


 

KS Mit all diesen Daten ist Ihre Lebensgeschichte auf´s Engste verknüpft, die Erforschung und Darstel­lung Ihrer literaturhistorischen Hauptfelder: Prager deutsche Literatur, Franz Kafka und Karl Kraus ha­ben Ihnen gerade diese Zeiten allerdings oft recht schwer gemacht.

Was hat man sich denn unter Prager deutscher Literatur vorzustellen? Ist es ein geographischer Ort, eine deutschsprachige Insel, eine Enklave in der tschechischen Mehrheitsgesellschaft, oder ein thematischer, ein ästhetischer Begriff, der eine Literaturproduktion von ca. 60 Jahren umfasst?

Welche Begriffsbestimmung können Sie für sich am ehesten gelten lassen?


 

KK Der Begriff der Prager deutschen Literatur wird gemeinhin als eine Prägung der tschechischen Nach­kriegs-Germanistik, also nach dem 2. Weltkrieg, angesehen. Ich habe aber nachweisen können, dass der Begriff schon in den 30er Jahren vorkommt, und zwar bei Robert Musil. Der hat in einer Antwort auf die Frage: Gibt es eine österreichische Literatur? differen­ziert und von einer Prager deutschen Literatur ge­sprochen, in der Mitte der 30er Jahre. Robert Musil ist es darum gegangen, über die lokalen Attribuierun­gen hinaus eine gemeinsame Tradi­tion festzustellen und zwar eine Tradition, an der sowohl die Österrei­cher wie die deutschspra­chigen Schweizer, als auch die eigentlichen Deutschen beteiligt sind, nämlich die deutschspra­chige literarische Tradition. Und in diesem Sinne ist auch von einer Prager deutschen Litera­tur zu sprechen. Ein Blick in die von der Franz Kafka Gesellschaft erworbene Bibliothek Kafkas belegt, dass er ebenso wie Musil oder Robert Walser der gleichen deutschsprachigen Tradition angehört hat. Ich habe im Nachwort zur tschechischen Kafka-Ausgabe geschrieben, dass es in den größeren Buchhandlun­gen Prags zwei Abteilungen gibt: Česka literatura, tschechische Li­teratur, und Weltliteratur. Paradoxer­weise steht unter der Rubrik Tschechische Literatur Kaf­ka, zusammen mit Kundera und in der Abteilung Weltliteratur Franz Werfel, obwohl beide zur Prager deutschen Literatur gehören.


 

KS Die Einordnung ist ja oft versucht worden: sind das eigentliche deutsche, sind das österrei­chische Schriftsteller oder auch jüdische, am besten alles noch mit Bindestrich: deutsch-tsche­chisch-ungarisch-ös­terreichisch-jüdisch. Es gibt auf der einen Seite also eine Schwierigkeit, sie einzuordnen; Karl Kraus spöt­telt über diese Art Schubladisierung: den Nagel abgeschossen und den Vogel auf den Kopf getroffen, auf der anderen Seite scheinen viele tatsächlich, und das ist vielleicht eine Gemeinsamkeit, damit auch ein Problem zu haben, mit diesem „Fehlen eines national-literarischen Identitätsbewusstseins“, wie Sie ge­schrieben haben. Das glaube ich auch, dass da ein Stachel war, wohin gehören wir, wer ist unser Adres­sat, dass diese Identität nie wirklich klar war und deshalb Prag oft so eng wurde. In gewisser Weise sehe ich auch frü­he Europäer in ihnen, und diese Widersprüchlichkeit gefällt mir auch.


 

KK Das ist alles richtig, aber der gemeinsame Nenner ist die literarische Tradition. Mit kei­nem Autor hat sich Kafka beispielsweise so ausführlich beschäftigt wie mit Goethe. Und das ist eben ein Zeugnis für die literarische Tradition, der Kafka sich verbunden fühlte, unabhängig von nationalen Identitätsproblemen. Gottfried Keller zum Beispiel war ein Schweizer Patriot, ein Zürcher Bürger, aber er hat sich bekannt zur deutschsprachigen literarischen Tradition. Und Rousseau, ein Schweizer, der stolz darauf war, Bürger von Genf zu sein, aber kein Mensch würde bestreiten, dass Rousseau zur Tradition der französischen Literatur gehört.


 

KS Vor allem in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg fällt auf, es gibt den sog. 1. Prager Kreis, mit Max Brod, und dann im 1. Weltkrieg....


 

KK Der 1. Prager Kreis war um 1900. Das war vor Brod. Das war Hugo Salus, Rainer Maria Rilke, Vic­tor Hadwiger, Paul Leppin, auch Camill Hoffmann, Gustav Meyrink, Oskar Wiener - das war die Genera­tion der in den 70er Jahren des vorvorigen Jahrhunderts Geborenen und dann kamen die in den 80er Jah­ren Geborenen: Max Brod, Franz Werfel, Rudolf Fuchs, Otto Pick, Egon Erwin Kisch, Bruno Adler, Os­kar Baum, Willy Haas, Hugo Sonnenschein, Franz und Hans Janowitz, Paul Kornfeld, Oskar Kosta, Ge­org Mannheimer, Leo Perutz, Ernst Som­mer, Ernst Weiß, Ludwig Winder usw. und natürlich Franz Kaf­ka.


 

KS Ich möchte darauf hinaus, dass in diesem Kreis die Problematik eine andere wird. Die po­litischen Verhältnisse sind andere, es gibt ein Erstarken des Nationalismus und vor allem des Antisemitismus, und einerseits versuchen sie, eine Art Mittlerrolle zu spielen zwischen deut­scher und tschechischer Literatur, einige betätigen sich als Übersetzer tschechischer Literatur ins Deutsche, andererseits spielt diese Identi­tätsgeschichte eine Rolle, gerade auch die jüdi­sche, neue Fragen tauchen auf, welche Themen sind wich­tig für uns, welche Auswege und Ausdrucksformen finden wir angesichts der veränderten Welt, dieses neuen Gebildes der Re­publik.


 

KK Ja, das war in viel stärkerem Maße der Fall bei dieser Generation. Die Kafka-Generation war eine Generation, die im sog. expressionistischen Jahrzehnt groß geworden ist, die ersten Veröffentlichungen gehabt hat, und nicht zu unterschätzen, in die gleiche Zeit fiel der 1. Welt­krieg, und der und die Nach­kriegsjahre waren prägendes Erlebnis. Und die Kontakte zu den anderen deutschsprachigen Zentren in Berlin, München, Wien waren viel lebhafter.


 

KS Das ist erstaunlich. In Wien Die Fackel von Karl Kraus, Alfred Ehrenstein und Berthold Viertel, in Berlin Kurt Hiller, Der Brenner in Innsbruck, in Heidelberg der Verlag Hermann Meister, in Hellerau Ja­kob Hegner und Paul Adler und dann als eigenständige Persönlichkei­ten Franz Blei, Alfred Kubin und Heinrich Mann. Da gab es schon so etwas, was man heute Netzwerke nennt, aber eben doch auffällig, wie viele weg gegangen sind. Letztendlich ist nur ein kleiner Kreis übrig geblieben, die anderen haben Prag verlassen.


 

KK Mitte der 60er Jahre habe ich einen Aufsatz veröffentlicht: Hinweis auf eine verschollene Rundfrage: Warum haben Sie Prag verlassen? Es war eine Rundfrage des Prager Tagblatts 1922 und geantwortet ha­ben ca. 20 Autoren, darunter Gustav Meyrink, Franz Werfel, Ernst Weiß, Paul Kornfeld, ein „ungenann­ter, bekannter Schriftsteller“- ich vermute, es handelte sich um Egon Erwin Kisch - und da kommt das Einschnitthafte des Krieges und des Kriegsen­des zum Ausdruck. Auffällig ist das Motiv der unheimli­chen Stadt, das da entworfen wird. In den 1990er Jahren ist ein dtv-Band erschienen mit dem Titel „Die unheimliche Stadt“. Meine Hinweise werden da zwar zitiert, aber mein Name wird nicht genannt.


 

KS Interessant ist, dass die meisten nicht nach Wien gehen, sondern nach Berlin. Wenn man aufbrechen, fort will, auch Kafka, dann will man nach Berlin. Selbst Joseph Roth oder Alfred Polgar...


 

KK Das sind die 20er Jahre, auch die 30er. Die Umschaltstelle ist allerdings schon im 19. Jahrhundert. Z.B. Fritz Mauthner, in dessen Erinnerungen ist das festgehalten. Er hat ge­schwankt, ob er nach Wien oder Berlin gehen soll, und hat sich dann für Berlin entschieden. Auch Rilke ist nicht nach Wien gegangen. Im Unterschied übrigens zu anderen Vertretern des Kulturbereichs. Hanslick, der berühmte Kritiker, der von Wagner in den „Meistersingern“ ver­ewigt worden ist, der ist nach Wien gegangen. Die Landesindividua­lität hat sich stärker ausge­drückt zwischen Mähren und Böhmen. Die Schriftsteller aus Mähren sind über­wiegend nach Wien gegangen; Husserl, Masaryk, Sigmund Freud sind nach Wien gegangen.


 

KS Brünn wurde gerne Vorort von Wien genannt.


 

KK Man unterschätzt immer, dass die Landesindividualitäten von Böhmen und Mähren vor dem 1. Welt­krieg viel ausgeprägter gewesen sind als danach. Und das ist der Punkt, wo die Richtung der Abwande­rungswellen in Mähren eindeutig nach Wien, in Böhmen aber eindeutig nach Berlin geht.


 

KS Viele sind tatsächlich aus ökonomischen Gründen abgewandert. Die Lebensgrundlagen waren prekär, es war sowieso eine schwierige Zeit, und wenn man dann etwas veröffentlicht hat und kaum Geld bekam, dann schien Berlin lukrativer.


 

KK Ja, das ist richtig. Zudem kam der Antisemitismus beispielsweise in Prag nicht von deut­scher, son­dern von tschechischer Seite. Kafka schrieb während der Novemberunruhen 1920: Ich bin auf der Straße und bade mich in Judenhass. Die Prager Enklave war eine deutsch-libe­rale Insel in national aufgeregten deutschen und tschechischen Bereichen.


 

KS Nach dem 1. Weltkrieg gab es in Prag ca. 42 000 Deutsche, davon waren die Hälfte jü­disch, d.h. die haben nochmal zwischen allen Stühlen gesessen, und dieser vehemente Nationa­lismus hat alles erschwert. Kafka hat eins der ersten Judenpogrome in Berlin erlebt, 1923 war das, als er sich endlich aufgemacht hatte in seine Sehnsuchts-Stadt, und hat dann geschrieben: Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht nach Berlin gekommen. Aber ich weiss gar nicht, ob ich weggefahren bin. Ein schrecklicher Satz, der sich ja auf diese Erfahrung bezieht. In bei­den Städten ist dasselbe los. Und die Frage stellt sich, wie ent­kommt man dem, welche Mög­lichkeit hat man zu leben, wo ist ein Ausweg. Und deshalb glaube ich, dass diese Autoren, es gab ja auch diverse Zeitungen, z.B. die Selbstwehr, anders nachgedacht haben, z. B. in­wiefern ist der Zionismus eine Möglichkeit, Kafka selbst hat sehr stark über das sog. Westjudentum nach­gedacht. Das war vorher in dieser Weise kein Thema.


 

KK Es war für einige Leute kein Thema, aber für den Zionismus-Kreis war das schon um 1910 ein The­ma, also für Brod, für Bergmann, und Brods, vor allem jedoch Kafkas Interesse am Jüdischen Theater, namentlich dem Jiddischen Theater (Jitzhak Löwys Theatergruppe im Café Savoy, KS), Felix Weltsch wären noch zu nennen. Die Diskussion, ob Franz Kafka be­kennender Zionist war oder nicht, halte ich für überflüssig; er hat die Problematik, die sich da­hinter verbarg, aber sehr wohl gesehen.


 

KS Er hat doch ein Bewusstsein davon gehabt, und er hat aus seinen Erfahrungen Literatur ge­macht. Die Situation verschärft sich und alle versuchen, nach Erklärungen und neuen Möglich­keiten zu suchen. Es gibt auch Überlegungen, wie weit hat uns die Assimilation gebracht, wie weit bringt uns das Aufgehen in der 1. Tschechischen Republik, nicht nur unter dem Aspekt jüdisch – nicht-jüdisch, sondern als deutsch­sprachige Minderheit. Solche Auseinandersetzun­gen gibt es verstärkt.


 

KK Manchmal ist es aber profaner. Ich habe an einer Stelle Überlegungen von Hodin zitiert, der einen autobiographischen Roman geschrieben hat „Dieses Mütterchen hat Krallen“, also dieses Kafka-Zitat ver­wendend. In den 20er Jahren ist er in der Zionistischen Jugend gewesen und hat überlegt, ob er in Prag bleiben soll oder nicht, und ein Hauptmotiv seiner 'Gehenslust' war die Tatsache, dass, wenn er Deutsch schreibt, er ein potenzielles Publikum von 60 Millio­nen erreichen könnte, ein Wirkungskalkül hat also eine Rolle gespielt, und in einem anderen Zusammenhang hat Grillparzer einmal geschrieben, wenn Kant seine „Kritik der reinen Ver­nunft“ ungarisch geschrieben hätte, hätte er vermutlich nur drei Leser gehabt.


 

KS Ich möchte doch nochmal zurück gehen und Pavel Eisner erwähnen, der von einem „drei­fachen Ghet­to“ spricht, dem man so schwer entkommt, und dem viele auch nicht entkommen sind, also, dass man eine Minderheit ist innerhalb der deutschen Minderheit, dass man als deut­sche Minderheit ausgeschlossen ist aus der tschechischen Mehrheit, und das insgesamt auch noch ein soziales Moment enthalten ist, das Distanz schafft, eine Trennung besteht zu denjeni­gen,die das sog. Proletariat verkörpern, sowohl das tschechische, als auch durchaus das deut­sche: Eine von vornherein komplizierte Konstellation also.


 

KK Aber bis zur Besetzung 1938/1939 war das Zusammenleben, das offizielle Zusammenle­ben, ausge­richtet nach bestimmten Regeln, etwas vollkommen anderes als das alltägliche Zu­sammenleben. 1980 er­schien ein amerikanisches Buch über Strategien des ethnischen Überle­bens, das sich mit der Situation der Prager Deutschen von 1869, also dem Beginn des verfas­sungsmäßigen Lebens, bis 1914 beschäftigt hat und da wird deutlich, dass die Deutschen ihre eigenen Bereiche und Institutionen hatten, ein Deutsches Haus, Theater, Zeitungen, usw. und damit auch Teil der Gesellschaft waren, sich etabliert und integriert hatten. Die Soziologen nennen das „versäult“.


 

KS Kommen wir nochmal auf Kafka zurück, diesem Solitär innerhalb der Literatur, der am Anfang ja kaum auftaucht in der literatischen Szene. Da sind andere, natürlich Brod und Wer­fel, aber auch Ernst Weiß und Hermann Ungar haben schon veröffentlicht. Über Kafka wird ja gerne gesagt, er habe diese Vorahnungen gehabt, was kommen wird, antizipiert, was Men­schen dieses 20. Jahrhundert an Schrecken dann ja tatsächlich produziert haben, ich denke al­lerdings, wichtiger ist, dass er genau gesehen hat, was IST in seiner Zeit und das zum Aus­druck gebracht hat in seiner Literatur; Sie haben Franz Fühmann zi­tiert, der etwas schreibt, was sich eigentlich auf ein Gedicht von Georg Trakl bezieht: „Er prophezeit, was schon da ist, man sieht es nur nicht, (er) zeigt ein Modell des Untergehens, einen Prozess, nicht ein Er­gebnis... und jeder, der sich betroffen fühlt, ist frei, sich in diesem Bild wiederzufinden und das heisst zu erkennen, was ihm geschieht.“ Das ist ein sehr treffendes Zitat, was Kafka angeht. Das macht ihn so ein­malig, weil er auf der einen Seite das zum Ausdruck bringt, auf der ande­ren Seite jeder seine Wirklichkeit dazu tun kann.


 

KK Ja, das habe ich aufgeschrieben in einem Aufsatz, der sich mit dieser viel zitierten Prophe­ten-Rolle von Kafka beschäftigt. Und die Antwort von Franz Fühmann hat mir eingeleuchtet.


 

KS Es sind schwierige Zeiten. Kafka wird in Deutschland nicht mehr aufgelegt. Es gibt in der Tschecho­slowakei 1929 eine erste tschechische Übersetzung eines Textes...


 

KK Nein, 1935 ist „Das Schloss“ in einer ersten tschechischen Übersetzung von Pavel Eisner erschienen, und das Buch ist ein Ladenhüter gewesen. Und die Gruppe von Schriftstellern, die sich während des Krie­ges zusammen getan hat, die hat Kafka nachträglich während der Pro­tektoratszeit entdeckt. Die erste deutsche Gesamtausgabe von Kafka ist beim Schocken Verlag erschienen, und die letzten beiden Bände davon sogar in Prag, eben auf Deutsch. Die ersten Bücher von Kafka gab es bereits vor dem 1. Weltkrieg.


 

KS Das geschah ja auch noch mit seiner Zustimmung, während alles andere ja nicht von ihm autorisiert, nicht mal gewollt war.


 

KK Alles, was bereits gedruckt war, hat er akzeptiert. Alles was im Nachlass war, sollte ver­brannt wer­den, hatte er angeordnet.


 

KS Es gibt eine Zeit, da ist Kafka definitiv nicht mehr im Gespräch in unseren Breiten, seine Bücher sind nicht verfügbar. Wann haben Sie das erste Mal von Kafka gehört, wann das erste Mal etwas von ihm ge­lesen?


 

KK Das war in der letzten Zeit des Gymnasiums, und dann in der ersten Zeit des Studiums. Da war beim damaligen Kiepenheuer Verlag die Neuausgabe des 1931 oder 1932 erstmals er­schienenen Bandes Beim Bau der Chinesischen Mauer erschienen, damit habe ich Kafka ken­nen gelernt.


 

KS Das war ja in der damaligen DDR...


 

KK Nein, die DDR gab es damals noch nicht. Die Ausgabe erschien 1947, das war noch vor der Wäh­rungsreform 1948, und es gab einen Zonen übergreifenden Buchmarkt, und da konnte man auch Bücher kaufen, die in den westlichen Zonen erschienen sind. Ich erinnere mich an die rororo-Zeitungsromane, die damals erschienen sind, und zu der Zeit ist auch dieser Kafka-Band erschienen.


 

KS Sie sind 1930 geboren. Wie sind Sie aufgewachsen bis 1938/39, was war das für ein Um­feld, war das rein deutsch oder gemischt?


 

KK Das war rein deutsch. Die Tschechen waren Staatsbeamte, die wegen der Sprachen-Geset­ze in mei­nen Heimatort kamen: Polizisten, Eisenbahner, Postbeamte und Straßenwärter. Alle mussten eine Sprach­prüfung ablegen, und wer die nicht in der sog. Staatssprache bestanden hatte, der wurde ersetzt. Es gab als nur tschechisch sprachige Beamte.


 

KS Das war die einzige Verbindung, die man zu Tschechen hatte, qua Obrigkeit und Beamten­tum?! Sie waren damals ein Junge, haben Sie dennoch Erinnerung an 1938/39, haben Sie Ver­änderungen wahrge­nommen?


 

KK Ja, das schon, aber ich habe das eher als Abenteuer wahrgenommen.


 

KS Das kann man nachvollziehen, all die Fahrzeuge und Bewegungen auf den Straßen, die Fremden, die Soldaten, das ist sicher spannend als Kind. Aber in der Familie, bei den Nachbarn, war da etwas anders, gab es Zu­stimmung, Ablehnung? Sicher nicht alle, aber viele haben den An­schluss ja begrüßt, manche sogar fana­tisch. Wie war das in Ihrem Umkreis?


 

KK Ich bin in eine Gemeinde mit 900 Einwohnern geboren worden. Dieser Ort war dennoch eine Stadt. Die meisten Leute, soweit sie überhaupt parteimäßig gebunden waren, waren beim Bund der Landwirte, der ländlichen Agrarpartei. Ich wusste von einem Kommunisten am Ort, zwei Sozialdemokraten und zwei Anhängern der Henlein-Partei.


 

KS Da gab es auch keine großen Auseinandersetzungen? D.h. diese sog. Sudeten-Deutschen waren also gar keine glühenden Nazi-Anhänger? Aber gegeben hat es sie doch!


 

KK Ich nehme an, ja. Es gab viele, die fanden es gut, andere nicht. Ich kann es nur so sagen: Es gab kei­nen Widerstand.


 

KS Die Leute hören Radio, lesen Zeitungen, die ganz andere Inhalte haben, die Propaganda läuft, sie ge­hen ins Kino, sie sehen Wochenschauen und Filme. Das hat doch Auswirkungen.


 

KK Es wurde nicht darüber geredet. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass Unterhaltun­gen z.B. über Filme gelaufen wären. Man fand das gut oder nicht so gut. Das wars.


 

KS Alle sollten doch irgendwo organisiert sein. Waren Sie organisiert, in der Hitlerjugend?


 

KK Zuerst war ich ein Pimpf, von 10 – 14 Jahren, und ein Jahr in der Hitlerjugend, wie alle anderen. Das war wie in der DDR oder hier, bei den Jungen Pionieren. Dem konnte man sich nicht entziehen. Man hat­te Unannehmlichkeiten, wenn man sich dem entziehen wollte.


 

KS Stimmt es, dass Sie versucht haben, sich zu entziehen. Sie erzählten, Sie machten bereits irgendwelche Arbeiten an einem anderen Ort und dort dasselbe, so dass sie sich eigentlich ge­drückt haben.


 

KK Das war aber kein ideologisches Drücken, sondern ein Drücken aus Faulheit. Ich habe unter der Woche in Leitmeritz bei Bekannten gewohnt, um das Gymnasium besuchen zu kön­nen, und am Wochen­ende war ich zu Hause. Und wenn Wochendienst war, bei der Hitlerju­gend sogar zweimal in der Woche, dann habe ich da eben erzählt, ich mache das schon an dem anderen Ort, und so habe ich mich erfolgreich um den Großteil dieser Dienste (Appelle, Hei­matabende) sowohl beim Jungvolk als auch bei der Hitlerju­gend gedrückt.


 

KS Ich habe auch gelesen, dass Sie unbedingt zur Napola wollten, dann dort jedoch ziemlich schnell wieder fort wollten.


 

KK Ich wollte nicht nur unbedingt zur Napola, ich bin dort auch fast ein halbes Jahr gewesen.

Das war aber schon nach den ersten Wochen unerträglich, die Schleiferei, der Drill, das Heim­weh, und nach einen halben Jahr ließen sie mich dann wieder zu meinen Eltern. Ich hatte eine Überbein, das habe ich abgeschnürt, bis es eiterte. Das war alles nicht ideologisch, es war eine Abneigung gegen diese furcht­bare Schleiferei.


 

KS Ideologisch ist es nicht, aber ein Widerstand gegen eine bestimmte Art der Behandlung war es schon. Wie hat denn Ihre Familie oder die Nachbarschaft reagiert? Waren Ihre Eltern nicht entsetzt?


 

KK Nein, mein Vater hat das gutgeheissen und auch dem Druck der Napola-Lehrer widerstan­den, die mich ja behalten wollten.


 

KS Dann ist Kriegsende, 1945, und die Deutschen müssen raus. Sie bleiben noch etwas länger, aber es herrscht ein anderes Klima.


 

KK Ja, es gab plötzlich die gleichen Vorschriften und Verbote, die vorher die Deutschen ge­gen die Juden verhängt hatten: Kennzeichnung der einzelnen Person, keine Benutzung öffentli­cher Verkehrsmittel, kein Schulbesuch, überhaupt keine deutsche Bildung, Ausgangs-Sperre ab 19 Uhr, alle möglichen Schikanen, usw. Wenn es eine Befragung gegeben hätte, und man hätte mich gefragt, ob ich unter diesen Umständen bleiben möchte, hätte ich Nein gesagt, ich möchte sofort raus hier. Ich hätte für die Ausweisung ge­stimmt, nur um endlich weg zukom­men.


 

KS Dann wurde die Leute von den Alliierten auf die einzelnen Zonen verteilt. Ein Teil der Deutschen musste die Elbe hinauf, die Menschen aus Brünn beispielsweise sind über Öster­reich erst einmal nach Süddeutschland gekommen.


 

KK Wir kamen zuerst nach Schönberg, das liegt nicht weit von Lübeck entfernt. In der DDR wurde der Ort später als Müllabladeplatz, als Deponie berühmt-berüchtigt. Dort hat mein Vater keine Arbeit gefun­den, aber in Coswig bei Dessau. Nach einem Jahr wurde er Leiter der Mol­kerei-Genossenschaft im Süd­harz, und ich war von 1946 bis zum Abitur im Schülerheim in Köthen in Anhalt, der Bach-Stadt, Sitz der ersten deutschen Sprachgesellschaft im 17. Jahr­hundert. Anhalt, das waren früher verschiedene Fürstentü­mer: Anhalt-Zerbst, Anhalt-Aschers­leben, Anhalt-Dessau, Anhalt-Köthen, Anhalt-Bernburg.


 

KS Das Abitur haben Sie gemacht, wollten dann aber ziemlich Unterschiedliches werden.


KK Ich habe drei Bewerbungen geschrieben. Einer meiner Lehrer meinte, Krolop, Sie sind sprachbegabt, lernen Sie Sprachen. Deshalb habe ich mich an der Dolmetscher-Schule in Leip­zig beworben, an der Schauspielschule in Weimar und an der Universität Halle/Wittenberg. Die Universität lehnte mich zu­nächst ab, ich habe dann Berufung eingelegt. Mein Vater war ja Angestellter, nicht Arbeiter, deshalb habe ich mir nicht sehr viel versprochen davon. Aber ich hatte Erfolg, und kurze Zeit später bekam ich auch die Zulassung für die Schauspielschule, die ich dann nicht mehr wahrgenommen habe.


 

KS Woher kam denn Ihr Interesse an der Schauspielerei?


 

KK Ich habe mich für Theater und Theaterspielen interessiert. Ich war in der Schule in einer Laienspiel­gruppe und bin häufig ins Stadttheater in Köthen gegangen. Innerhalb von vier Jah­ren wurde dort das ge­samte klassische Repertoire gespielt. Ich kann mich noch erinnern an Grillparzers „Der Traum Ein Leben“, das spielten die am Stadttheater in Köthen! Ich finde das heute noch erstaunlich.

 

KS Nun sind Sie kein Schauspieler geworden, haben studiert und hatten dann plötzlich die Möglichkeit, nach Prag zu gehen. Wie ist das denn zustande gekommen? Weil Sie Tschechisch sprachen?


 

KK Nein, ich habe Tschechisch erst während meines ersten Aufenthaltes in Prag gelernt.


 

KS Richtig, Sie konnten ja gar kein Tschechisch, weil sie bis 1946 nur Deutsch gesprochen ha­ben. Sie sind ja nicht zweisprachig aufgewachsen.


 

KK 1957 kam ich zum ersten Mal nach Prag, und ich habe mir sämtliche Langspielplatten, die es als Sprechplatten gab, gekauft und immer wieder angehört, Kapitel aus dem Schweijk und von Jan Neruda Kleinseitner Erzählungen, und nach einem Jahr war ich so weit, dass ich als Ausländer nicht mehr auffiel. Eine Anekdote: Ich brachte einen deutschen Freund aus Berlin, der mich besucht hatte, zum Bahnhof, und im Taxi unterhielten wir uns natürlich auf Deutsch. Als ich mit dem Fahrer zurück fuhr und tschechisch mit ihm sprach, sagte er nach einer Weile anerkennend: Ich habe Sie vorhin gehört, Sie sprechen sehr gut Deutsch. Das hat mich gefreut.


 

KS Sie bekamen die Gelegenheit nach Prag zu gehen, um Lektor zu werden, aber die haben Sie auch ger­ne genutzt?!


 

KK Die Jahre von 1953 – 55, nach dem Aufstand des 17. Juni und vor dem ungarischen Auf­stand im Herbst 56, das war die angenehmste Tauwetterzeit in der DDR. Man konnte bei­spielsweise nach West­deutschland fahren und von dort auch weiterfahren, aber nach dem Un­garn-Aufstand hat sich die Situati­on schlagartig verschlechtert. Es gab Verhaftungen, Prozesse, Kontrolle und Gängelung in allen gesell­schaftlichen Bereichen nahmen zu. Und als sich im Herbst 57 die Möglichkeit ergab, nach Prag zu gehen, habe ich die sofort ergriffen. Gute Be­kannte sagten mir, das schadet deiner Karriere, aber das war mir da­mals ganz egal. Ich wollte nur raus aus der DDR.


 

KS Gibt es denn Unterschiede, als Sie nach Prag kommen? Können Sie anders leben, lehren und for­schen? Immerhin ist die Tschechoslowakei ein sozialistisches Land wie die DDR.


 

KK Nicht nur das, sondern es gab schon Vorläufer zu der Entwicklung, die man später Prager Frühling nannte. Mehr Offenheit und Öffnung, das war spürbar. Anfang der 90er Jahre gab es eine Ausstellung, die sich mit den Brennpunkten der Wiedergeburt der demokratischen Repu­blik beschäftigte, und damit waren hauptsächlich die kulturellen Ereignisse zwischen 1956 – 1963 gemeint, also die Zeit nach dem Ungarn-Aufstand bis zur Kafka-Konferenz. In Prag stand das größte Stalin-Denkmal ausserhalb der Sowjetunion, auf der Letná, und das wurde, zwar etwas spät, aber 1962 gesprengt.


 

KS Ich finde interessant, dass die Tschechoslowakei eine sehr rigide und dogmatische Zeit er­lebt hat von 1948 – 56, es gibt die furchtbaren Slánský-Prozesse 1952, während die DDR da eher noch gemäßigt ist, die Entwicklung dann aber fast gegenläufig wird. Während die DDR zunehmend erstarrt, versucht die Tschechoslowakei sich wieder zu öffnen, vor allem kulturell. In die Zeit, in der Sie das erste Mal in Prag sind, fallen Ausstellungen und Diskussionen über das expressionistische Jahrzehnt, eine kleine Karl Kraus-Renaissance bahnt sich an, bis hin zur 1. Kafka-Konferenz in Liblice 1963, initiiert von dem eben­so engagierten wie couragierten Eduard Goldstücker.


 

KK Die Beschäftigung mit Karl Kraus war damals eher rudimentär. Seinerzeit war ich der Einzige, der sich mit Karl Kraus beschäftigt hat. Aber es war schon etwas in Bewegung gera­ten, das ist wahr. Immer­hin habe ich bereits 1961 in Prag etwas über Brecht und Karl Kraus veröffentlicht und mich dann immer intensiver mit ihm beschäftigt. 1969 ist es mir dann ge­lungen, die ersten Texte von Karl Kraus herauszu­geben. Hier (gemeint ist Prag, KS) hat man sich Mitte der 60er Jahre auf ihn besonnen.


 

KS Wäre das in der DDR zu dieser Zeit nicht möglich gewesen?


 

KK Ich habe es gar nicht erst versucht. Nachdem 1963 Hans Mayer in den Westen gegangen war, habe ich die damals von Hans Mayer und Werner Krauss herausgegebenen Beiträge zur Literaturwissenschaft von der germanistischen Seite her mit herausgegeben. Ich wollte, dass meine Dissertation von 1964 in dieser Reihe gedruckt würde, aber man teilte mir mit, das The­ma sei zu „abgelegen“. Und genau so abge­legen war das Thema Karl Kraus.


 

KS Das war Ihre Arbeit über Ludwig Winder? Wie wurde denn der Begriff „abgelegen“ defi­niert?


 

KK Ja, Ludwig Winder als Teil der Prager deutschen Literatur galt als abgelegen, genauso wie Karl Kraus. Das war das Klima in der DDR. Das wurde nicht begründet. In den wissen­schaftlichen Publikati­onsorganen in der Tschechoslowakei konnte ich veröffentlichen, wozu ich Lust hatte. Das konnte ich in der DDR nicht.


 

KS Wieso ging das in Prag?


 

KK Das war natürlich das Verdienst Eduard Goldstückers. ( spiritus rector der Kafka-Konfe­renz wie der Germanistik in der Tschechoslowakei, späterer Präsident des tschechoslowaki­schen Schriftstellerverban­des, nach 1968 das zweite Mal ins englische Exil, KS). Es gab auch eine neu-philologische Zeitschrift, in der Beiträge in den Originalsprachen (französisch, deutsch, spanisch usw.) publiziert wurden. Das waren meine Publikationsmöglichkeiten, die ich in der DDR nicht gehabt hätte.


 

KS Trotzdem sind sie 1962 zurück in die DDR.


 

KK Ja, von 1962-1968 war ich an meiner sog. Heimatuniversität Halle, habe dort gelehrt und geforscht. 1963 habe ich an der Kafka-Konferenz in Liblice teilgenommen, das Eingangsrefe­rat von Goldstücker ins Deutsche übersetzt, 1965 war ich an der Konferenz über die Prager deutsche Literatur beteiligt.


 

KS In der Kafka-Konferenz gab es ja von Anfang an heftige Streitigkeiten. Goldstücker hat versucht, das immer wieder zusammen zu halten, aber es war kompliziert.


 

KK Ja, es wurde eine ideologische Auseinandersetzung daran festgemacht. Es waren Teil­nehmer aus den sozialistischen Ländern, teilweise aus der Slowakei, Polen, Ungarn, Jugosla­wien und auch sog. Re­form-Kommunisten aus dem westlichen Ausland: Ernst Fischer aus Ös­terreich, Roger Garaudy aus Frankreich usw.


 

KS Waren da eigentlich auch Westdeutsche?


 

KK Nein, nein! Die Grundthese, um die es ging, war: Kafka hat die Entfremdung des Men­schen darge­stellt, und die These, die auf der Kafka-Konferenz vertreten wurde, vor allem von den sog. Reform-Kom­munisten, war, dass es das Phänomen der Entfremdung auch im Sozia­lismus gibt. Die Dogmatiker, vor allem aus der DDR, haben das vehement bestritten. Bei der zweiten Konferenz zur Prager deutschen Lite­ratur 1965 im November waren auch nicht-mar­xistische Wissenschaftler aus dem Westen, beispielsweise Paul Raabe, Malcolm Paisley usw.. Der Protokoll-Band der Kafka-Konferenz ist tschechisch und deutsch erschienen. Das Proto­koll der Konferenz zur Prager deutschen Literatur ist mit zweijähriger Verspätung 1967 mit dem Titel Weltfreunde ( in Anspielung an Werfels berühmtesten Gedichtband, KS) allerdings nur deutsch erschienen.


 

KS War das eine Art Protest?


 

KK Ach, da war vielleicht auch Protest, aber es hatte hauptsächlich finanzielle Gründe. Aus­serdem war die Konferenz-Sprache sowieso deutsch.


 

KS Dieser Entfremdungsaspekt interessiert mich – wie kann man sich denn diese Diskussio­nen vorstel­len?


 

KK Es war eine inner-sozialistische Auseinandersetzung, die Kritik kam fast ausschließlich vonseiten der DDR, und Alfred Kurella war ihr Hauptvertreter, auch mit dieser sozialistischen Terminologie. Man macht sich eine unzureichende Vorstellung über die Situation Anfang der 60er Jahre. Ich kann mich noch erinnern, 1962 erschien das erste Werk Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch von Solschenizyn. In der Kominform-Zeitschrift Probleme des Friedens und des Sozialismus, den habe ich mir noch ausge­schnitten, erschien noch 1964, kurz vorm Absägen von Chruschtschow, ein ausführlicher Artikel darüber, in dem das Werk gegen die Kritik der chinesischen Dogmatiker verteidigt wurde - von einem sowjeti­schen Autor. Da war wirklich eine inner-sozialistische Auseinandersetzung. Die wurde allerdings im­mer schwieri­ger.


 

KS Ist es denn so, dass die DDR ideologisch gefestigter war als z. B. die CSSR?


 

KK Die Führungsschicht war gefestigt, die DDR-Bevölkerung war über die Entwicklung in den West-Staaten durch Rundfunk und Fernsehen viel besser informiert als über ihren eigenen Staat und hat sich ihren eigenen Reim darauf gemacht.


 

KS Nun kommt 1968, der Prager Frühling, es gibt die Möglichkeit für Sie, nach Prag zurück­zukehren; was hat dieser Prager Frühling für Sie bedeutet?


 

KK Das Wichtigste war die zunehmende Freiheit des Denkens und der Meinungsäußerung. Ich habe es erlebt, das war noch vor Aufhebung der Zensur, im Frühling 68, dass man eben über das Geschehen im eigenen Lande am besten durch die Massenmedien des eigenen Landes informiert wird und nichts vorge­macht bekommt. Das beflügelte alle. Die Hoffnung, dass das so weiter gehen könnte, die war, wie sich im Nachhinein gezeigt hat, illusionär, dass das ohne weiteres weitergehen könnte.


 

KS Das ist aber kein einheitlicher Prozess, es gibt Leute, die den Sozialismus reformieren wol­len, und es gibt durchaus welche, die ihn abschaffen wollen. Die das alles für naiv und gefähr­lich halten.


 

KK Nein, das hat keine Rolle gespielt. Es hat bis zum 21. August keine Rolle gespielt. Auf eine Weise, die ich persönlich und viele Andere mit mir bis dato gar nicht gekannt hatten, sind die Führung und die Bevölkerung weitgehend eins und einig gewesen. Das hat es in anderen sozialistischen Ländern nicht ge­geben. Nur so ist zu erklären, wie die Reaktion auf den 21. August war, in dieser unglaublichen Geschlos­senheit.


 

KS Hat das auch mit einer historischen Wiederholung zu tun: Ein Land wird besetzt, das hatte man schon einmal erlebt.


 

KK In den aktuellen Diskussionen hat es keine Rolle gespielt, aber unterbewusst vielleicht schon. Das vorherrschende Gefühl war Ohnmacht und Wut - und die Rechtmäßigkeit des eingeschlagenen Prozesses.


 

KS Vom 1. - 5. Juni 2008 fand in Prag ein Internationaler SchriftstellerInnen-Kongress statt, der das Jahr 1968 zum Thema hatte. In verschiedenen Podiumsdiskussionen wurde erörtert, wie die Entwicklung war in der UdSSR, in den USA, in anderen europäischen Ländern und in Südamerika. Auf dem tschechischen Podium wurde konstatiert, dass 1968 nicht so sehr Aufbruch war, dass es nicht darum gegangen sei, etwa die Utopie des Sozialismus weiter zu tragen; es wurde antizipiert als erster Spatenstich zum Ende, zum Begraben des Sozialismus, weil man schon vorher gewusst habe, dass die Sowjetunion und die War­schauer Pakt-Staaten diese Entwicklung nie akzeptieren würden.Diese Klarheit kann man nachträglich leicht vertreten. Gab es diese Auseinandersetzungen schon damals, oder wird das erst jetzt so gesehen?


 

KK Ich würde sagen, eine Erklärung ist Ihr „nachträglich“. Denn wie immer die Einzelnen zum Sozialis­mus stehen mochten, die Freiheitsbewegung ging ununterbrochen bis zum 21. Au­gust weiter. Das war keine Frage, welchen Begriff der Einzelne vom Sozialismus hatte. Es war eine allgemeine und breite Un­terstützung dieses Entwicklungsprozesses. Es ging um jede Form von Freiheit: der Presse, der Meinung, des Reisens usw. - keinerlei Zensur mehr.


 

KS Die Besetzung am 21.August ist, wie man von vielen hören kann, dann doch einigermaßen überra­schend gewesen. Wie war das für Sie? Und welche Konsequenzen hatte sie?


 

KK Zuerst habe ich es nicht geglaubt. Später habe ich meinen DDR-Pass zurückgeschickt, die tschecho­slowakische Staatsbürgerschaft beantragt und sie Ende des Jahres auch bekommen. Nach dem Machtan­tritt Husáks im April 1969 wurde sie mir wieder aberkannt. Ich habe Beru­fung eingelegt, wobei mir klar war, dass die nur aufschiebende Wirkung haben würde. Anfang 1970 wurde die Berufung abgelehnt. Ende 1970, kurz nach meinem 40. Geburtstag, wurde ich wieder an meine Heimatuniversität Halle zu­rückgeschickt, und da flog ich raus, weil ich mich „eines DDR-Bürgers unwürdig“ verhalten hätte.


 

KS Das hat quasi Berufsverbot für Sie bedeutet, denn Sie durften ja an keiner Uni mehr arbei­ten. Sie ha­ben dann diverse Jobs gemacht, bis Sie wenigstens in Verlagen arbeiten konnten.


 

KK Ja, redaktionell und teilweise als Autor habe ich an der 12-bändigen Literaturgeschichte von den An­fängen bis zur Gegenwart mitgearbeitet. 1980 bekam ich die Möglichkeit, am Institut für Klassische Lite­ratur in Weimar zu arbeiten, da war ich drei Jahre. Ich konnte für mich auch weiterarbeiten an der For­schung zur Prager deutschen Literatur, habe mich in meiner kurz bemessenen Freizeit auch mit Karl Kraus befasst und dann die erste Ausgabe herausgebracht. Ich habe auch mit Georg Regler, dem Musik­wissenschaftler, gearbeitet, der 1930 der Klavierbegleiter bei den Offenbach-Vorlesungen von Karl Kraus gewesen war und ein Buch darüber veröffentlicht hat. Unsere Zusammenarbeit hat dazu geführt, dass er sich beim Direktor des Institut der Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR für mich verwendet hat, und so kam ich 1988 dorthin und wurde Arbeitskollege von Wolfgang Thierse.


 

KS Hat sich denn mal, wie für andere, die Frage gestellt, in die BRD zu gehen? Oder war es immer schon: Wenn raus, dann Prag!?


 

KK Ich hätte höchstens illegal in die BRD gehen können. Ich gehörte ja nicht zum sog. Reise-Kader. Als Nicht-Reisekader hätte ich über die Ostsee schwimmen müssen oder über die Mau­er springen. 1987 konnte ich zum ersten Mal ins sog. westliche Ausland, nach Österreich zu ei­ner Tagung in Klagenfurt.


 

KS Aber wenn Sie Ihre Forschung betrieben haben, gab es doch Kontakte ins Ausland, zu Kol­legen?


 

KK Kontakte hatte ich natürlich, briefliche; ich war auch eingeladen, nach London und Paris, 1974 zum 100. Geburtstag von Karl Kraus und 1986 zum 50. Todestag, aber ich konnte nicht fahren. Ich bin immer wieder eingeladen worden, habe die Einladung vorgelegt und dann wur­de die Reise regelmäßig abge­lehnt.


 

KS Dann kommt 1989, und Sie gehen sofort nach Prag. Das ist schon eine Stadt, in die Sie gerne heim­kehren.


 

KK (strahlt) Ja! Ein echtes Nikolaus-Geschenk! Am 7. Dezember 1989 bin ich zum ersten Mal wieder in Prag..


 

KS Dieses Mal hatten Sie eine richtige Berufung an die Karls-Universität in der Tasche?


 

KK Ich war zum ersten Mal da als Gast-Professor, da gab es noch die DDR.

1990, am letzten Tag der DDR, haben 7 Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften den Professoren-Titel verliehen bekommen, die ihn aus politischen Gründen vorher nicht bekom­men konnten, und das war am 2.Oktober 1990, ein Tag vor Ende der DDR. Ich wollte nach Berlin, und wurde von DDR-Grenzern hereingelassen, und einen Tag später standen sie da, schon umkostümiert als Bundesgrenzschutz.


 

KS Nochmal zu 1989. Ist es vergleichbar mit 68 oder ist es anders, ist da eine vergleichbare Aufbruch­stimmung?

 

KK Jaja, die Aufbruchstimmung, die war da. Am 7. Dezember waren Demonstrationen vor der rumäni­schen Botschaft. Da war Ceaucescou noch an der Macht. Und der Wahlkampf mit der Kandidatur von Havel war in vollem Gange. Havel auf die Burg! Havel na hrad!

Aber natürlich ist von dieser Stimmung wenig geblieben. Zwei Jahre hat die angehalten.

Einen Dämpfer gab es nochmal nach der Trennung von der Slowakei. Das hat auch zu einigen Einbußen in der Popularität von Havel geführt. Er hat sein Amt in Frage gestellt mit der Be­gründung, er habe seinen Eid als Präsident auf die Verfassung der tschechoslowakischen Re­publik geschworen, und wenn es eine solche Republik nicht mehr gäbe, müsse er zurücktreten. Nichtsdestoweniger hat er sich dann doch zum Präsidenten der Tschechischen Republik wäh­len lassen. Das haben ihm viele, die sich mit Havel für das Weiterbestehen der tschechoslowa­kischen Republik eingesetzt haben, einigermaßen übel genommen. Da wurde dann kolportiert, Klaus habe die Teilung betrieben und ihn beschworen, die Tschechoslowakei gäbe es zwar nicht mehr, er könne unter seiner Ägide aber auf jeden Fall Präsident bleiben. Das war na­türlich ein Witz, aber mit einem gewissen Realitätsgehalt.


 

KS Wie war das denn? Die Slowaken wollten die Trennung. Die Tschechen auch?


 

KK Den Tschechen ist das relativ egal gewesen. Einige fanden die Slowakei auch als Last, der man sich entledigen sollte.


 

KS Wenn Sie die Entwicklung der letzten 20 Jahre sehen, was ist positiv, was eher negativ?


 

KK Negativ ist ein Nachlassen der Anfangsbegeisterung, positiv ist eine größere Offenheit gegenüber Europa und zu den deutschen Nachbarn. Es gibt seit einigen Jahren viel verspre­chende Ansätze deutsch-tschechischer Zusammenarbeit, verglichen mit den 90er Jahren ist das ein Fortschritt.


 

KS Jetzt sind Sie emeritiert, sind aber trotzdem noch sehr aktiv, vor allem für zwei Einrichtun­gen: die Franz Kafka-Gesellschaft und das Prager Literaturhaus, da sind Sie auch Mitbegrün­der, Sie sind Präsident und im Vorstand. Welche Aufgaben haben diese beiden Institutionen?

 

 

KK Die Aufgabe der Franz Kafka-Gesellschaft, die fast 20 Jahre besteht, ist, das deutsch-tschechisch-jü­dische Zusammenleben, das es in dieser Form nicht mehr gibt, darzustellen und zu betreuen, was Karl Kraus das Einschöpfen genannt hat, d.h. diese kulturelle Vielfalt als Teil der eigenen Geschichte zu zei­gen. Es gibt erstmalig eine 13-bändige Gesamtausgabe der Wer­ke Franz Kafkas in tschechischer Überset­zung, deren Herausgeber ich bin. Im Vordergrund stehen Veranstaltungen, die zum Verständnis dieses Erbes beitragen. Alljährlich wird der Franz Kafka-Preis verliehen. Bisherige Preisträger sind u.a. Philip Roth, Elfriede Jelinek und Harold Pinter. Das Prager Literaturhaus geht auf die Initiative der kürzlich ver­storbenen Lenka Reinerová zurück, der letzten deutschsprachigen Schriftstellerin Prags, die ein Museum für die Prager deutsche Literatur einrichten wollte. Der jetzige Name bedeutet auch

 

eine Veränderung der Inhalte. Der Fokus des Prager Literaturhauses liegt auf der deutschsprachigen Literatur, die in Originalsprache in einer mehr als tausend Bände umfassenden Bibliothek vorliegt und der Darstellung deutsch-jüdischer Kultur in einem tschechischen Umfeld durch Veranstaltungen, Lesungen, Stipendien usw.

 

KS Wenn man sich das Prager Literaturhaus anschaut, dann ist das ein kleines Büro, alle Ver­anstaltungen müssen in anderen Räumen außerhalb stattfinden. Der deutsche Aussenminister Steinmeier hat zum Tod von Lenka Reinerová kondoliert und ausdrücklich betont, ihr Ver­mächtnis in Form des Prager Literatur­hauses sei ihm Herzensangelegenheit wie Verpflichtung gleichermaßen. Hat er sich schon beim Litera­turhaus gemeldet?


 

KK Das war nicht nur beim Tod der Lenka Reinerová so, schon im Dezember vorigen Jahres haben Steinmeier und sein tschechischer Kollege Schwarzenberg ihre Unterstützung bekundet. Ich gehe davon aus, dass das nicht nur Unterstützungswilligkeit darstellte, sondern eine Unterstützungstatsache ist. *


 

KS Das er das bloß nicht vergisst! - Am Schluss wollte ich Sie noch fragen: Sind Sie denn nun doch noch tschechischer Staatsbürger geworden?


 

KK Nein. Ich hätte meinen deutschen Pass abgeben müssen. Das wollte ich nicht mehr. Ich lebe in Prag, und das mit dem Pass ist nicht mehr so wichtig.


 

KS Ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch. (* Das stimmt: Das Prager Literaturhaus hat jetzt ein eigenes Haus.)


Empfehlenswerte Lektüre


Krolop, Kurt      Studien zur deutschen Prager Literatur, Praesens Verlag, 2005

ders.,                Studien zu Karl Kraus, Verlag der Wiener Akademie der Wisssenschaften, (demnächst)

Ehlers u.a.          Brücken nach Prag, Bern/Frankfurt a.M. 2002 (Festschrift zum 70. Geburtstag von

                         Kurt Krolop

Serke, Jürgen      Böhmische Dörfer, Wien/Hamburg 1987


Bücher von Prager deutschen Schriftstellern sind im Buchhandel oder antiquarisch erhältlich

 

Stach, Reiner       Franz Kafka, Die Jahre der Erkenntnis, Fischer Verlag, Ffm 2008

 

Kafka, Franz        Historisch-Kritische Kafka Ausgabe, mit Faksimiles und CD, u.a.:

                          Der Process, Stroemfeld Verlag, Ffm 2008

                          Oktavhefte 3 + 4, Stroemfeld Verlag, Ffm 2008

 

© Katja Schickel/www.letnapark-prager-kleine-seiten.com  08-2008

 



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