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Prof. Dr. Hans Dieter Zimmermann

Ein tschechischer Kafka? Zur Prosa Richard Weiners

 

Vortrag auf der Konferenz Kafka und Prag zum 80. Geburtstag von Kurt Krolop im Goethe- Institut Prag am 29. Mai 2010.


Kde moje místo?, Wo ist mein Platz? überschrieb Richard Weiner einen Aufsatz, der am 13. Juni 1918 in der Zeitschrift národ erschien: „Denn es ist Zeit, dass man jeden einzelnen – ob Jude oder Nichtjude – nach seinem Platz fragt.“ (1, 45) Die Frage stellt sich Weiner nicht nur selbst, sie wird ihm auch gestellt. Er nennt die Gruppen, die in dieser Zeit – der Erste Weltkrieg geht zu Ende und die neue Republik ist im Entstehen – die Frage jedem Juden in Böhmen und Mähren stellen: die Zionisten und „Jüdischnationalen“, wie er sagt, die „tschechischjüdische Bewegung“ und nicht zuletzt die Antisemiten. Weiner beantwortet die Frage mit einem schlichten Satz: „Diese Zeilen schreibt ein tschechischer Schriftsteller und Jude.“ (1, 45) So selbstverständlich, wie dieser Satz klingt, ist er nicht, denn Weiner muss ihn dann verteidigen, wiewohl er feststellt: „Nur uns selbst – und niemand anderen – sind wir bei der Antwort auf die Frage nach unserem Platz verantwortlich.“ (1, 45). Und: die Frage gehört zu „den wichtigsten des Lebens überhaupt“. (1, 45)

Weiner hatte die Wahl, so schreibt er, zwischen der „sogenannten tschechischjüdischen Bewegung“ (1, 46) und den Zionisten. Diese Wahl hatte nicht nur er, die hatten auch die anderen tschechischen Juden in Böhmen und Mähren, und wie viele dieser anderen entschied er sich gegen die beiden scharf definierten Gruppen. Er zog einen eigenen Platz vor. Er fühlte sich als Tscheche durch und durch. Die Deutschen empfindet er hier wie in anderen Texten als die anderen, denen er aber keineswegs feindlich gesonnen ist. Im Gegenteil. Dass er versöhnlich ist und zur Verständigung neigt, gerade das will ihm als sein jüdisches Erbteil erscheinen.

Das ist es auch, was ihn an der tschechisch-jüdischen Bewegung abstößt: die schroffe nationale Haltung. Assimilation sei das Ergebnis eines sozialen Prozesses, sie könne nicht durch Agitation herbeigeführt werden. Er ist Tscheche, er fühlt sich so, es ist ihm selbstverständlich und er muss es nicht herbeireden. Er liefert dann Anhaltspunkte dafür: seine Liebe zu tschechischen Malern, die ihm heimatlich vertraut sind im Gegensatz zu den Franzosen, die er schätzt, seine Liebe zur Musik Smetanas, und sein Herz erfreut es, Worte von Palacký zu lesen. Dies ist ihm vertraut, die schneidigen nationalen Töne dagegen, er wittert Demagogie dahinter, verstören ihn.

„Die Zugehörigkeit zu einem Volk ist subjektiv gefühlsgegeben; objektiv zeigt sie sich in Taten, durch die Einheit von Wort und Tat.“ (1, 49) Er fühlt sich zugehörig, und er wehrt sich gegen die Unwilligen, die ihm dieses Recht absprechen. In der Zeitschrift Česky Socialista habe ein Kritiker über Fischers Premysliden gesagt, ein Tscheche und Jude – ein tschechischer Jude oder jüdischer Tscheche, so Weiner – sei als Mitstreiter willkommen, aber das Recht auf nationale Zugehörigkeit stehe ihm nicht zu. Wenn die „Rassenfrage“ so wichtig sei, so Weiner, was machten die Nationalisten dann mit Rieger, Fügner, Vrchlicky und Zeyer. „Wie beweisen sie, dass X, dessen Großvater sich stolz zu den Deutschen bekannte, tschechischer ist als Y, der zwar nicht getauft ist, dessen ungetaufter Vater jedoch durch Taten gezeigt hat, dass er für die tschechische Sache Opfer zu bringen vermag.“ (1, 49-50)

Weiner reklamiert für sich das Recht, „wir“ sagen zu dürfen wie die anderen Tschechen auch: „unser Land, unser Schmerz, unser Sieg, unsere Freude“. „Ich gebe mein Tschechentum nicht auf, weil ich es nicht aufgeben kann.“ (1, 52) Er schließt seinen Aufsatz mit dem Rat an die tschechisch-jüdische Bewegung, sich aufzulösen. Wozu sei sie da? Für die, denen ihr Tschechentum eine Freude sei und ihr Judentum ein Wermutstropfen? Denen helfe sie nicht. Und denen, die Tschechen seien, aber wegen ihres Judentums aus manchen Organisationen ausgeschlossen seien, denen helfe sie auch nicht.

Richard Weiner spricht hier nicht nur für sich, er spricht von einer sozialen Situation und einer politischen im Böhmen und Mähren dieser Zeit, die er freilich am eigene Leib erfahren hatte und in der eigenen Familie. Er ist am 6. November 1884 in Písek geboren als ältester Sohn eines wohlhabenden Süßwarenfabrikanten. Seinen Schwestern Marta und Zdena widmete er später die Erzählung Abschied und seinem Bruder Jíří die Erzählung Leere Hände. Sein Onkel Dr. Viktor Vodička war der Verteidiger Leopold Hilsners im Revisionsprozess in Písek. Und ein anderer Onkel Julius Taussig war enger Mitarbeiter der liberalen Zeitung Čas, die Tomáš Garrigue Masaryk herausgab, der auch Hilsner verteidigt hatte und wesentlich Anteil daran hatte, dass es zu einer Revision des Prozesses kam, in dem Hilsner, ein jüdischer Schustergeselle, wegen Ritualmords zum Tode verurteilt worden war.

Hilsner war vorgeworfen worden, die Näherin Anežka Hruzová ermordet zu haben. Ihre Leiche war am 1. April 1899 merkwürdig blutleer im Walde bei Polna gefunden worden. Sofort verbreitete sich das Gerücht, sie sei Opfer eines jüdischen Ritualmords geworden.

Eine Welle des Antisemitismus überflutete Böhmen, Mähren und Österreich.

Die Affäre war vergleichbar der Dreyfus-Affäre in Frankreich. Und vergleichbar dem tapferen Emile Zola, der für den unschuldigen Dreyfus eintrat, war T. G. Masaryk, der mit seiner Schrift „Die Notwendigkeit der Revision des Polnaer Prozesses“ tatsächlich eine Revision erreichte, in welcher der unschuldige Hilsner nicht freigesprochen wurde, aber doch vom Ritualmord nicht mehr die Rede war. Masaryk war daraufhin heftigsten Angriffen ausgesetzt. Er konnte keine Vorlesungen halten, weil die Studenten randalierten, seine Familie wurde bedroht, er wollte nach Amerika auswandern, seine amerikanische Frau hinderte ihn daran.

Dies alles gehörte zu den frühen Erfahrungen Richard Weiners, der zu dieser Zeit die Realschule in Písek besuchte, die er 1902 abschloss. Danach studierte er Chemie in Prag. Nachdem er 1906 zum Diplom- Ingenieur promoviert worden war, zog er zu Studienaufenthalten nach Zürich und Aachen. 1907 leistete er seinen Wehrdienst. 1908 trat er seine erste Stelle in Pardubice an, der weitere in Freising und Allach bei München folgten. 1912 gab er den Beruf des Chemikers auf, eine Enttäuschung für den Vater, dessen Betrieb er übernehmen sollte, und widmete sich ganz dem Schreiben, freilich nicht nur dem literarischen, sondern auch dem publizistischen. Er ging nach Paris als Korrespondent tschechischer Zeitungen, ab 1913 der Lidové noviny. Im selben Jahr veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband Pták (Vogel), dem 1914 der Gedichtband Usměvavě odříkání (Lächelndes Entsagen) folgte.

Weiners Weg nach Paris war nicht nur die Flucht vor dem väterlichen Anspruch und dem bürgerlichen Beruf, es war auch die Möglichkeit von Freiheit: in Paris war er nicht mehr der tschechische Jude, sondern der tschechische Korrespondent und – dies wohl das Wichtigste – in Paris war er als Homosexueller der heimischen Aufsicht entronnen. Prag war klein und überschaubar, Paris war groß und unübersichtlich. Dies war das zweite Stigma, das Richard Weiner mit sich trug. Freilich sprach er nicht davon. Es war damals unmöglich, davon zu sprechen. Homosexualität bei Männern – nicht bei Frauen, die Gesetze wurden von Männern gemacht – wurde strafrechtlich verfolgt. Wer als Homosexueller gebrandmarkt wurde, war erledigt sein Leben lang. Nicht zu vergessen: das hat sich erst in den letzten Jahrzehnten geändert.

Wer genau liest, wird in einigen Texten Weiners einen Subtext finden, der auf die Homosexualität verweist; sie ist darin versteckt und gibt dem Text eine zusätzliche Dimension. Beispiel Uhranute město, Die behexte Stadt. Da wird eine Provinzstadt beschrieben, möglicherweise Písek, in die ein Sportwagen einfährt, der noch all die Faszination der frühen Autos mit sich führt, die wir heute verloren haben. Und aus ihm steigt ein Fremder aus, der für eine Nacht im Hotel am Markt absteigt. Wer er ist, dieser vom Erzähler als bedächtiger, energischer und allen überlegener Mensch vorgestellte Fremde, das bewegt alle Bewohner, die neugierig aus den Fenstern schauen. „Hundert, ja noch mehr Augen“, heißt es, „rügten ihn wegen seiner Andersartigkeit, sie rügten ihn mit Blicken stiller Gehässigkeit – jener Gehässigkeit, die sie ihm vorwarfen – und mit jener gereizten Selbstgefälligkeit aufgeregter Menschen, die jemanden feindlich gesonnen sind, der sich ihrer Gruppe entzog.“ (1, 30) In dieser Konstellation lässt sich leicht die des Homosexuellen erkennen, der sich der Gruppe durch seine Andersartigkeit entzieht und den die Gruppe mit ihrer Gehässigkeit verfolgt, denn diese Andersartigkeit und diese Gehässigkeit werden im Text selbst nicht begründet, was diesem Text seine rätselhafte Spannung gibt. Am Schluss fährt der Fremde im Sportwagen davon und niemand hat sein Geheimnis gelüftet. Davor aber kommt es zu einer merkwürdigen Begegnung. Der Fremde sitzt im Speisesaal des Hotels allein an einem Tisch. Da tritt ein Student herein, überschaut die Gäste an den Tischen und setzt sich zu dem Fremden an den Tisch, wiewohl genug Tische frei sind. Er isst stumm. Dann: „Erst als er zu Ende gegessen hatte, wechselten die beiden stummen Gesprächspartner einige Blicke, die nicht erstaunt waren, obwohl es Grund zur Verwunderung gab, denn diese Blicke sagten einander, wie gut sie sich verstanden.“ (1, 39) Hier haben sich zwei ohne Worte erkannt, sie fühlen sich durch das ihnen Gemeinsame verbunden. Wiederum wird es nicht begründet; es heißt dann: „Sie unterhielten sich halblaut, wie zwei Menschen, die sich schon lange kannten und einander sympathisch fanden. Sie sprachen zwanglos, und es war offensichtlich, dass sie sich nichts erklärten, einander nicht zu überzeugen suchten und auch nicht stritten...“(1, 39) Eine Situation, die von der üblichen offensichtlich abweicht, in der sich die beiden erklären, verteidigen, streiten müssen, weil sie wegen ihrer Andersartigkeit angegriffen werden. Hier haben sich zwei gefunden, so scheint es, die dieselbe Anlage eint, die homosexuelle.

Weiner hat mit dieser kleinen Geschichte, sehe ich recht, sich eine angenehme Situation herbei geträumt: er kehrt in seine Vaterstadt zurück, überlegen, souverän, erfolgreich, alle Missgunst der Bewohner kann ihm nichts anhaben, er findet einen, der ihn versteht, und fährt getröstet wieder davon, die Missgünstigen zurücklassend. Diese Überlegenheit war Weiner nicht gegeben. In dem kurzen Beitrag Über mich selbst nennt er sich einen „entwurzelten Menschen“: „Mit der Zeit wird man immer entwurzelter...“ schreibt er (1, 10) Der Weg nach Paris war ihm nicht leicht gefallen. Er war zwischen seiner Pflicht dem Vater gegenüber und seinem Wunsch, zu schreiben und nichts als zu schreiben, hin- und hergerissen. Seine Briefe von 1913 und 1914 zeugen davon. „Lieber lebenslänglich freiwillige Verbannung und vielleicht sogar Not als hier Braten zu essen, wo weder Ordnung noch Unordnung, sondern nur ein soziologisches Nichts ist.“ (1, 15). Doch kommt auch wieder die gegenteilige Sicht: „Es ist nicht gut, in der Fremde zu leben. Der Mensch soll in seinem Land bleiben. Anderswo degeneriert er früher oder später.“ (1, 15) Schließlich fühlte er sich als Grenzgänger, der nirgendwo zu Hause ist: „Ich bin jetzt schon lange in der Fremde. Ich vergesse zunehmend, aber ich möchte nicht zurückkehren... Ich bin weder Jude noch Tscheche, weder Deutscher noch Franzose.“ (1, 15) Das schrieb er im Juli 1913.

Ein Jahr später, im Sommer 1914, verbrachte er seinen Urlaub in Prag. Bei Beginn des Ersten Weltkriegs wurde er sogleich einberufen, er kam an die serbische Front und erlebte den Krieg in all seinem Schrecken. Im Mai 1915 erlitt er einen Nervenzusammenbruch und kehrte als sogenannter Zitterer nach Prag zurück. Im Herbst des Jahres hatte er sich so weit erholt, dass er wieder arbeiten konnte. Seine Erzählungen vom Kriegsgeschehen an der Front, etwa Kostajnik und Die Furie gehören zu seinen besten Texten. Sie sind ohne die sonst eingeschalteten Erzähler-Reflexionen nüchtern und klar geschrieben und überzeugen gerade deshalb in der Darstellung des Leidens an der Front.

Durch diese Erfahrung als k. u. k. Soldat wurden wohl auch seine nationalen Gefühle als Tscheche wieder wach, denn sowohl der Text Wo ist mein Platz als auch die Fragmente historischer Tage (1, 171-184) sind 1918 entstanden, letztere eine Schilderung der Ereignisse um den 28. Oktober 1918, als sich die Tschechoslowakische Republik etablierte. Hier ist er von dem Glück der Menschen, die nach Jahrhunderten ihre Burg wieder sich aneignen und ihre Rechte zurück erobern, tief bewegt, wenn er sich auch nie zu übertrieben nationalen Äußerungen hinreißen lässt. So trifft er einen deutschen Bekannten, mit dem er tschechisch spricht, deutsch hört man kaum in diesen Tagen in Prag; er verabschiedet sich aber mit einem deutschen „Auf Wiedersehen“, was dieser Bekannte dankbar aufnimmt.

Weiners literarisches Schaffen lässt sich in zwei Phasen gliedern: die frühe Phase, die von 1913 bis ins Jahr 1919 reicht, und die späte Phase von 1928 bis 1933. In der Zeit dazwischen arbeitete er als Journalist. 1919 zog es ihn wieder nach Paris, wo er als Korrespondent tschechischer Zeitungen bis 1935 lebte. Danach kehrte er todkrank nach Prag zurück. Am 3. Januar 1937 starb er an Krebs in einem Krankenhaus in Prag-Podolí. Karel Čapek schrieb in Lidové noviny einen Nachruf „auf den armen Richard“. So nannte man ihn seit seiner Rückkehr als Zitterer von der Front. „Die Spur der seelischen Erschütterungen fanden wir in seinem Kriegsbuch Die Furie, aber gewichen ist sie wohl nie.“ (1, 283) Hier das dritte Stigma, das er mit sich trug. Čapek berichtete, dass er ihn einige Male in Paris traf, wo er „ein wenig kauzig einsam, zerstreut und unstet lebte. Er ist hier nicht zu Hause“, fand Čapek, aber in Böhmen war er auch nicht mehr zu Hause: „Er war zu lange weg“. „Es war Einsamkeit unter Menschen, die ihn gern hatten und nicht wussten, was sie tun mussten, um die Empfindsamkeit des scheuen und sanften Sonderlings nicht zu verletzen.“ (1, 284) Čapek endet: „Mit Richard Weiner ist ein Schmerzensmann gestorben.“ (1, 285)

Weiners späten Texten blieb der Erfolg versagt, Kenner schätzten sie, ein Publikum fanden sie nicht, woran sich bis heute wohl kaum etwas geändert hat, wenn auch inzwischen eine Ausgabe seiner Werke erscheinen konnte. Nach dem Ende des Kommunismus wurde ihm wie etlichen anderen tschechischen Schriftstellern, deren Werke verboten oder verschollen waren, Genugtuung zuteil. Vladimír Kafka, als Lyriker, Lektor und Übersetzer unvergessen, gab in Zeiten des Tauwetters eine kleine Sammlung Der leere Stuhl und andere Prosa 1964 heraus, die Franz Peter Künzel 1968 für den Suhrkamp-Verlag übersetzte. Jindřich Chalupecký, Mit-Begründer der berühmten skupina 42, Gruppe 42, schrieb vor Beginn der kommunistischen Diktatur 1947 eine kleine Monographie über Weiner. Und daran kann man erkennen, dass Weiner, der entwurzelte Jude und Homosexuelle, doch in der tschechischen Literatur und Kunst verwurzelt war. Gerade mit seinen letzten Texten, die mehr Konstruktion als Erzählung, mehr Essay als Bericht sind, zeigt er seine Nähe zu Künstlern der Gruppe 42, die das, was sie taten, reflektierten und diese Reflexion ihren Lesern nicht vorenthielten. Beispiel: Weiners Der leere Stuhl, seine wohl bekannteste Geschichte.

Im Untertitel heißt sie Analyse einer ungeschriebenen Erzählung. Diese ungeschriebene Erzählung umfasst immerhin 30 Seiten. Der umfangreiche erste Teil handelt von der Unmöglichkeit: „Ich halte es für meine Pflicht, den Leser gleich eingangs auf diese Umstände aufmerksam zu machen. Er wird keines der Bedürfnisse, derentwegen er im allgemeinen liest, befriedigen können.“ (1, 53) Der Erzähler wendet sich also direkt an den Leser und der Erzähler reflektiert im Folgenden die Problematik, die ihm am Schreiben der Erzählung hindert, aber auch die Möglichkeiten einer Erzählung überhaupt, auch die einer Spannung, einer sinnlichen oder psychischen, die er unterscheidet. Die Spannung, die er dem Leser vorenthält, bedenkt er also. Und er liefert sie dann doch dem Leser, der weiter liest, denn nach fünf Seiten lässt er erkennen, wie sehr ihn diese ungeschriebene Geschichte bedrängt: „Ich schreibe diese Studie also in der selbstsüchtigen Hoffnung, mich des Alps zu entledigen, der mir allzu lange schon das Blut aussaugt.“ (1, 57) Und nach 12 Seiten fasst er den plot, die schlichte Handlung, um die es geht, in einem Satz zusammen: „Die Erzählung die zu schreiben ich beabsichtigte, sollte somit von dem Entsetzen handeln, das den Gastgeber erfasste als der Gast, den er erwartete und der sein Kommen fest zugesagt hatte, nicht eintraf.“ (1, 65) Nichts Schlimmes, sollte man denken. Jemand hat zugesagt zu kommen und kommt dann doch nicht. Es ist etwas dazwischen gekommen. Doch was?

Dies spielt der Erzähler nun durch. Den Mann, der den Freund erwartet, nennt er Jan, den Freund, der ausbleibt, Václav. Sie treffen sich auf der Straße vor dem Haus, in dem Jan wohnt. Jan lädt ihn zu sich ein. Václav geht noch rasch zum Konditor, Gebäck einzukaufen, während Jan in seiner Wohnung den Tee zubereitet. Doch Václav kommt nicht, stundenlang wartet Jan. Die Gründe, die Václav vom Kommen abgehalten haben könnten, werden alle durchgespielt. Ich erspare mir das, obwohl es mit einer schönen Eindringlichkeit dargelegt wird, genüsslich gewissermaßen, so wie Kafka im Prozess-Roman den Maler Titorelli alle Möglichkeiten eines Freispruchs durchspielen lässt, bis am Schluss keine mehr übrig bleibt. So auch hier. Das Verschwinden Václavs ist und bleibt rätselhaft: „Es bleibt unergründlich, denn es liegt außerhalb des Bereiches der Logik und außerhalb des Kreises der einfachen menschlichen Gefühle.“ (1, 76)

Soweit die Konstruktion einer Konstruktion, die Reflexion einer Reflexion, Literatenliteratur, könnte man sagen. Eine Handlung, die fast nichts ist, wird nach all ihren Möglichkeiten durchgespielt. Eine Art Konstruktivismus, der an manche Versuche in der Malerei eher erinnert als solche in der Literatur; ich denke an die nutzlosen Maschinchen von František Gross oder an die zahllosen Varianten des Dreiecks von Jan Kotík, zweier Maler der Gruppe 42. Doch dann kommt doch noch eine psychische Konstellation ins Spiel, auf einmal gibt der Erzähler die „wahre Geschichte“ preis – auf den letzten vier Seiten. Die Geschichte ist einst tatsächlich dem Erzähler passiert: 1914 in der Passage Stanislaus, heute rue Jules Chaplin. Dort traf er den Belgier Emile Dermengh, einen guten Bekannten, und verabredete sich mit ihm. Er ging in seine Wohnung voraus und wartete auf ihn, der noch zum Konditor gehen wollte: „...also ging ich in der Hochstimmung eines Menschen, dem das Glück begegnet ist, wieder in die Wohnung zurück, bereitete den Tee und wartete mehrere Stunden vergeblich.“ (1, 77) Diesmal zeigen sich Schuldgefühle. Er fühlte sich schuldig, möglicherweise hatte er Emile etwas angetan, was ihm nicht bewusst war. Er vermutete „dass Emile sich nicht eingefunden hatte, weil es seine Absicht war, mich zu verlassen.“ Hier ließe sich wieder an eine homosexuelle Freundschaft denken: Das Glück des Erzählers, der auf den geliebten Freund wartet, und dann das Unglück, wenn dieser nicht kommt. Dann die Frage nach eigenem Versagen und eigener Schuld, die schließlich zu einer allgemeinen Schuld anwächst, zu einer durch nichts Konkretes bestimmten Schuld.

Denn der Erzähler trifft diesen Emile eines Tages wieder und befragt ihn. Emile erinnert sich nicht an den Vorfall, nein, er habe ihn nicht getroffen, nein, er habe ihm gegenüber sich nicht schlecht benommen, nein, er trage keinerlei Schuld. „Da begriff ich, dass ich nicht an ihm schuldig geworden war, sondern dass mich die Strafe für meine große Schuld traf, die keine Beziehung zu den Dingen und Menschen hat, die Böses nicht durch die Gegenstände erzeugt, sondern unmittelbar durch sich selbst, das heimliche und unfruchtbare Böse, der Fluch meines Lebens.“ (1, 82)

Hier tritt sie hervor: diese Ur-schuld, die er empfindet, vielleicht auch wegen seiner Homosexualität, die ihn in den Augen der Mehrheit zum Bösewicht stempelt. Aber auch die Ur-schuld als Ur-Sünde, als Erbsünde des Menschen: „... ich ertrinke in Schuld, ersticke an ihr, wate in Sünde – die ich nicht kenne und nie kennen lernen werde.“(83) Wie sprach der Katholik früher in der lateinischen Messe: mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa. Meine Schuld, meine Schuld, meine allergrößte Schuld.

Hier lässt sich natürlich ein Vergleich ziehen zwischen dem tschechisch schreibenden Juden mit dem deutschen Namen und dem deutsch schreibenden Juden mit dem tschechischen Namen, also zwischen Weiner und Kafka. Die Schuld, die in Kafkas Tagebüchern hie und da auftaucht, etwa in Bestrafungsphantasien oder Träumen, und die im Prozess- Roman nicht benannt wird, aber doch irgendwie vorhanden ist, ist auch keine konkrete Schuld, sondern eine unbegründete allgemeine Schuld. Diese könnte eine gewisse Ähnlichkeit mit der von Weiner in seiner Erzählung „Der leere Stuhl“ dargestellten Schuld aufweisen.

Die höchst unterschiedliche Erzählweise der beiden fällt allerdings ins Auge: Weiner tritt als Erzähler in den Vordergrund und wendet sich an den Leser, er reflektiert das Erzählen und das Nicht-Erzählen. Kafkas Erzähler bleibt im Hintergrund, er verschwindet fast hinter dem Erzählen. Doch in der Art, wie er erzählt, ist er vorhanden: Er ist die beherrschende Figur des Textes, könnte man sagen, wie der Weiners, aber auf andere Weise. Kafkas Erzähler verschweigt dem Leser Teile der Handlung, andere stellt er ambivalent dar, so dass auch der Leser vor Rätsel steht, so wie der Erzähler Weiners vor einem Rätsel steht, weil Václav nicht gekommen ist. Weiner bleibt allerdings nicht beim Rätsel stehen, er löst es durch eine „reale Geschichte“ auf, eben die mit Emile, führt aber dann zu einer unbegründeten Schuld, die wiederum rätselhaft bleibt am Ende der nicht-erzählten Erzählung.

Bei Weiner jedoch finde ich eine Möglichkeit der Erlösung, die ich bei Kafka nirgends finde. Deshalb dürfte Steffi Widera recht haben, die meint, dass Weiner eine Sympathie für den Katholizismus hegte. Ich finde diese Erlösung in Weiners wohl wichtigstem Text Lazebník, Der Bader von 1929, einem komplexen Essay, einer Art Poetik, den der Übersetzer Peter Urban beschreibt als „Pamphlet und dichterisches Credo, als Erzählung von der Idee des Erzählens und von seiner scheinbaren Unmöglichkeit.“ (3, 167) Dort heißt es:

„Und er hob die Augen auf zu dem Gekreuzigten, um sich davon zu überzeugen, ob die Freiheit wirklich das sei, was er durch die Fenster des verwunschenen Schlosses sehen konnte, in dem seine Abhängigkeit eingesperrt war, und er las, ohne zu lesen, sah, ohne zu sehen, hörte, ohne zu hören: Bejahen und Verneinen. Ja und nein sind eins. – Jetzt können wir ihm nicht weiter folgen. Jetzt ist er woanders. In einem Woanders, wie es sich – wenn sie könnte – eine Linie vorstellen würde, die vom Raum spricht.“ (3, 32-33)

Literaturangaben:


  1. Richard Weiner: Kreuzungen des Lebens. Erzählungen, Essays, Feuilletons, Briefe. Ausgewählt und kommentiert von Steffi Widera. München 2005 (Tschechische Bibliothek). – Darin Der leere Stuhl in der Übersetzung von Franz Peter Künzel, Die behexte Stadt in der Übersetzung von Susanne Roth, Die Erneuerung in der Übersetzung von Peter Sacher, Kostajnik in der Übersetzung von Karl-Heinz Jähn, Karel Čapeks Nachruf in der Übersetzung von Eckhard Thiele. Alle anderen Texte übertrug Silke Klein. (Seitenzahl jeweils in Klammern)

  2. Der Band Der leere Stuhl, die Auswahl von Vladimír Kafka, 1964 in Prag erschienen, ist in der Übersetzung von Franz Peter Künzel in der Bibliothek Suhrkamp als Nr. 196 herausgekommen, Frankfurt a.M. 1968. Neben Der leere Stuhl enthält sie die Texte Die Puppendoktoren, Gleichgewicht und Ela.

  3. Richard Weiner: Der Bader. Eine Poetik. Übersetzt von Peter Urban. Friedenauer Presse, Katharina Wagenbach, Berlin 1991. (Seitenzahl in Klammern)


Hans Dieter Zimmermann, emeritierter Professor für Literaturwissenschaft an der TU Berlin, gab 1994 zusammen mit Kurt Krolop den Band Kafka und Prag heraus. Er war Geschäftsführender Herausgeber der Tschechischen Bibliothek in deutscher Sprache, einer Initiative der Robert Bosch Stiftung; 33 Bände liegen in der Deutschen Verlagsanstalt vor. Sein Buch Kafka für Fortgeschrittene in der Beckschen Reihe wurde von Josef Čermák ins Tschechische übersetzt und von der Prager Kafka-Gesellschaft ediert. Er gab einen literarischen Reiseführer Prag in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt heraus und ist Autor des Bandes Tschechien der zwölf-bändigen Reihe Die Deutschen und ihre Nachbarn, die von Richard von Weizsäcker und Helmut Schmidt herausgegeben wird.

 

Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors

© Vortrag und Fotos: Prof. Dr. Hans Dieter Zimmermann, Deutsche Verlagsanstalt