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Film und Buch 

Tipp: Revision, Dokumentarfilm, 106 min / Grenzfall, Kriminalroman

Bereits auf der Berlinale bewegte der vielschichtige Film das Publikum, beim goEast-Filmfestival erhielt er den Dokumentarfilmpreis. Im Juni 1992 werden in Mecklenburg-Vorpommern - in einem Feld an der deutsch-polnischen Grenze - zwei Männer erschossen aufgefunden. Es handelt sich um die rumänischen Roma Grigore Velcu und Eudache Calderar, die offenbar in einer Gruppe illegal über die Grenze von Polen nach Deutschland gekommen sind. Es heißt, die Flüchtlinge seien angeblich mit einer Herde Wildschweine verwechselt und von Jägern erschossen worden. Vier Jahre später wird den Männern der Prozess gemacht und endet mit Freispruch für die Schützen. Die Geschichte hat – je nach Perspektive - viele Anfänge; der Film beginnt mit dem Ende einer Geschichte: Laut einer Statistik der Menschenrechtsorganisation Fortress Europe starben zwischen 1988 und 2009 mindestens 14.687 Menschen an den europäischen Grenzen. Ihr Tod wird durch kurze Pressemitteilungen zu einem Teil europäischer Geschichte, entzieht ihnen jedoch gleichzeitig das Recht auf eine eigene Stimme in der Geschichtsschreibung. "Sie erscheinen als stumme Zeugen eines europäischen Sicherheitsdenkens, das sich vor allem um sich selbst dreht und diese Toten billigend in Kauf nimmt." Fast zwanzig Jahre später begibt sich der Regisseur Philip Scheffner auf Spurensuche: "Revision ist ein Versuch, die offenen Enden einer solchen Nachricht aufzunehmen und die filmischen Möglichkeiten auszuloten, ihre Protagonisten als Akteure einer Geschichte zu verstehen. Der Film rekonstruiert biografische und politische Perspektiven der Erzählung, die gleichzeitig die Bedingungen und Konventionen meiner eigenen, filmischen Narration als Teil eines politischen Gesamtzusammenhangs thematisieren und in Frage stellen" (Philip Scheffner). Merle Kröger, Autorin und Produzentin, hat - basierend auf den gemeinsamen Recherchen – jetzt ihren dritten, sehr lesenswerten Krimi veröffentlicht: Grenzfall (367 S., Ariadne, Hamburg 2012, 11 Euro, ISBN 978-3-86754-210-4). In dieser dichten und spannenden real fiction erinnert sie an Zeit und Klima der Wiedervereinigung, lässt das Panorama der Wende in einer ländlichen, strukturschwachen Region aufscheinen, in dem Diskriminierung und latenter Rassismus immer offener zutage treten, schließlich zu ausländerfeindlichen Ausschreitungen führen und zu oft höchst fragwürdigen, weil dilettantischen Ermittlungen der zuständigen Behörden, die an Aufklärung, an Wahrheitsfindung nicht sonderlich interessiert zu sein scheinen. Erschreckend ist nicht nur der mutmaßliche Doppelmord im Kornfeld, sondern die Gleichgültigkeit und Vergesslichkeit einer Gesellschaft, die sich bis heute im Recht fühlt.

 

Lesezeit 2012/2013

Neben den Buchvorstellungen in Einzelbeiträgen und Kurzrezensionen in der Rubrik Empfehlungen -Kurz & Gut hier noch einige Bücher zum Selberlesen oder zum Verschenken:

Ivan Nagel, Schriften zur Politik. 293 S., geb., 26,95 €, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-518-42310-3 (alle Werke verteilt: Suhrkamp, Hanser).

Richard Sennett, Zusammenarbeit, übersetzt von Michael Bischoff, 416 S., geb., € 24,90; Hanser Berlin, ISBN 978-3-446-24035-3 – Von den ersten Stufen der Arbeitsorganisation bis zu unserer heutigen Arbeits- und Lebenswelt.

Andreas Kossert, Kalte Heimat – Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945, 430 S., brosch., € 14,95; Pantheon Verlag ISBN 978-3-570-5510-1 - 1. Integrationsdesaster: Die übriggebliebenen „Reichsdeutschen“ wollten ihre Landsleute „aus dem Osten“ partout nicht haben und zeigten das, wo immer sie konnten.

Natalia Shchyhlevska, Deutschsprachige Autoren aus der Bukowina, 250 S., brosch., € 52,95; Peter Lang Verlag, ISBN 978-3-631-58654-9 – Zehn SchriftstellerInnen und ihre Mehrsprachigkeit; Sprache und Identität; Konstitution einer jüdischen Identität nach dem Holocaust und seine Darstellung in ihren Werken. (s. hier auch: Irena Brezna).

 

Die Kinder und Jugendbücher von Iva Procházková (s. hier auch Interview. Bücherliste und Beitrag von Iva Procházková).

Weil Weihnachten ist und man sich ja sonst nichts gönnt: KAFKA - in der historisch-kritischen Gesamtausgabe des Stroemfeld Verlags, zumindst jedoch die sog. Aphorismen: Zürauer Zettel - 106 Zettel auf Einzelblättern im Faksimilie, € 48,00; ISBN 978-3-86600-105-3.

Markéta Pilátová, Mein Lieblingsbuch, 398 S, geb., € 22.00, Braumüller Verlag Wien (s. Markéta Pilátová)

Merle Kröger, Grenzfall, 350 Seiten, € 11,00; Ariadne Krimi im Argument Verlag. Ein Kriminalfall nach wahren Begebenheiten, lehrreich und spannend zugleich. Ein Augenöffner. (s.a.: Spots)

Janne Teller, Krieg – Stell dir vor, er wäre hier, 59 S., € 6,90; Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-23689-9 - Erkenntnisreicher Perspektivwechsel: Was bedeutet es, Kriegsflüchtling zu sein.

Janne Teller, Komm, 160 S., geb., € 16,90; Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-23756-8 – Freiheit und Grenzen von Kunst; philosophische Fragen spannend wie ein Krimi. (s. hier auch: Janne Teller)


Mascha Kaléko – Sie dichtete ihr Leben, und sie lebte ihre Dichtung (M. Reich-Ranicki)

In meinen Träumen leuchtet es Sturm – Gedichte und Epigramme aus dem Nachlass, 185 S., TB, E 7,90; dtv, ISBN978-3-423-01294-2

Mein Leben geht weiter – Hundert Gedichte, 155 S., TB, € 5,90; dtv, ISBN 978-3-3423-13563-4

Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden, Studienausgabe € 78,00; Leinengebundene Ausgabe € 198,00. Eine einzigartige Dichterin – und immer (noch & wieder) eine Entdeckung wert.


Michael Bulgagow, Meister und Margarita, Neu übersetzt von Alexander Nitzberg, 600 S., geb., € 25,00; Galiani Berlin, 2012. Das Buch über Teufels Werk in Moskau der 1930er Jahre war immer schon lesenswert, hier kommt es im Tonfall glasklarer, krasser, manchmal auch sanftmütiger, also schmerzhafter daher. Phantastisch faustisch!

Michal Hvorecky, Tod auf der Donau, 270 S., geb. € 19,95; Tropen Verlag, 2012. ISBN 978-3-608-50115-5 (s. hier auch Beitrag von Michal Hvorecky)

Péter Nádas, In der Dunkelheit des Schreibens, 215 S., geb., € 29.80; Schattengeschichte-Lichtgeschichte - Fotografien, 265 S., geb., € 75,00; Arbor Mundi – Über Maler, Bildhauer und Fotografen, € 29,80. Nádas´ Welt in Text und Bild – aus der Sicht eines (analogen!) Fotografen und Autors. Alle: Nimbus – Kunst und Bücher, 2012. Wunderschön!

100 Years Studio-Babelsberg – The Art of Filmmaking, Englisch und Deutsch, 264 Seiten, 250 s/w und farbige Abbildungen, € 59,90; teNeues Verlag, Kempen 2012, ISBN 978-3-8327-9609-9. Das älteste Großatelier – Filmstudio der Welt in einem opulenten Bildband – nicht nur für Filmfans!

Otto Pankok, Sinti-Porträts 1931 – 1949, Hg. Eva Pankok und Romani Rose, Katalog, 288 S., brosch., Damm und Lindlar Verlag, Berlin 2008. ISBN 978-3-9812288-3-6. Expressive Kohlezeichnungen, Texte zur Geschichte der Sinti und Roma. Beeindruckend und eindringlich.

Peter Walker, Der junge William Fox, Übersetzt von Anja Welle, 368 S., TB, € 19,95; Mana Verlag, ISBN 978-3-934031-15-9 - Entführung und Aufstieg eines Maori-Jungen in die weiße neuseeländische Gesellschaft, auch eine Geschichte der Kolonisation, fesselnd erzählt.

Paula Morris, Rangatira, Übersetzerin: Marion Hertle, 270. S. mit Abb., geb., € 22,00; Walde + Graf Verlag, ISBN 978-3-8493-0006-7 – Der böhmische Maler Gottfried Lindauer porträtiert den Maori Häuptling Paratene, der sich dabei an eine Reise nach England und seinen Kontakt mit der westlichen Zivilisation erinnert. Sehr lesenswert!

Annett Gröschner, Mit der Linie 4 um die Welt, 398 S., geb., mit Abb., € 22,99; DVA, ISBN 978-3-421-04567-6 – Über dreißig Städteporträts aus der Sicht einer Tram- bzw. Bus(mit-)fahrerin mit erhellenden Einblicken in Alltag und Geschichte. (s. hier auch: Walpurgistag)

  

 

Teju Cole, Open City, Übersetzerin: Christine Richter-Nilsson, 333 S., geb., € 22,95; Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3-518-42331-8 – Das pulsierende, multikulturelle Leben in New York City, seine Ursprünge und Auswüchse, brillant erzählt. Der Titel ist doppeldeutig: Offenheit und Freiheit evozierend - militärisch: eine aufgegebene Stadt. Dazwischen bewegt sich der Erzähler. Eine Entdeckung!

Sibylle Berg,Vielen Dank für das Leben, 400 S., geb., 

€ 21,90; Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-23970-8 - alles, was das Leben bietet bzw. nicht bietet: in Toto! Zum Weinen und zum Lachen - manchmal sogar gleichzeitig.

Téa Obrecht, Die Tigerfrau, aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell, 416 S., geb., € 19,95; Rowohlt Berlin, ISBN 978-3-87134-712-2 – Mitreißend, magisch und realistisch.

Christa Wolf, August, 38 S., geb., € 14,95; Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3-518-42328-8 – Wie aus unglücklichen Umständen Glück entstehen kann, in der Erinnerung und im richtigen Leben.
Herta Müller, Vater telefoniert mit den Fliegen, 192 S. Geb., € 19,90; Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-23857-2. Über das Spiel mit Worten und Bildern, die sie in uns entstehen lassen: lustvoll, melancholisch, traurig, witzig und manchmal einfach saukomisch!

Empfehlesnwert: Die Tschechische Bibliothek im DVA Verlag, die mit 33 Bänden einen vielfältigen Einblick in die tschechische Literatur, Kunst- und Musikgeschichte, in Politik und Philospophie gibt. 

    

 

© Fotos: Another Kind Of Tree, ILM, Amsterdam; Hanser Verlag; Snowflakes, Wilson Bentley

 

 

 

 

2010: 

Magdaléna Platzová, Aarons Sprung 

Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 2010
ISBN-10 3940111619
ISBN-13 9783940111616
Gebunden, 250 Seiten, 17,90 EUR

Aus dem Tschechischen von Kathrin Janka

 

Es sind zunehmend junge tschechische Autorinnen, die nicht nur über die Befindlichkeiten ihrer eigenen Generation, die oftmals ernüchternde Realität eines mittlerweile weiter geschrumpften, jetzt demokratisch-kapitalistischen Landes schreiben, sondern offenbar die vergessenen Räume der Geschichte endlich öffnen und betreten - und aus dem Staunen (manchmal vermutlich auch dem Erschrecken) nicht herauskommen, was man ihnen alles seit dem 2.Weltkrieg verschwiegen und vorenthalten hat.

Magdalena Platzová, 1970 in Prag geboren, hat mit Aarons Sprung einen Roman vorgelegt, der die Geschichte des 20. Jahrhunderts von der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen bis hinein in die Gegenwart thematisiert. Es ist die Geschichte dreier Generationen, des lange verdrängten Umstands der Deportation von jüdischen und anderen mißliebigen Mitbürgern nach Theresienstadt („nur einen Katzensprung von Prag“), in Konzentrations- und Vernichtungslager. Für die vierundzwanzigjährige Milena hat es „nie einen Grund gegeben“, sich für diese Orte zu interessieren. Erst ein israelisches Fernsehteam, das einen Film über Leben und Werk der Künstlerin Berta Altmann dreht – bis ins Detail mit biographischen Zügen der Malerin Friedl Dicker-Brandeis ausgestattet (s.a. hier: Harry Oberländer) - und deshalb die frühere Freundin Bertas, Milenas Großmutter, interviewt, bringt allmählich Licht ins Dunkel. Krystina Hladková, im Besitz der Tagebücher der ermordeten Freundin, hat all die Jahre geschwiegen. Schritt für Schritt offenbart sich ihr Geheimnis, zeigt sich der anhaltende psychische Schmerz der Überlebenden der Shoah.
Auch in Aarons Sprung öffnen unverbrauchte, andere Blickwinkel auf die Zeitgeschichte eine neue Sicht der Dinge, widerlegen alte Erklärungsmuster, die meist nur der Verschleierung und weiterer Verdrängung dienten. Die Jungen jedoch sind wißbegierig und lassen sich mit abgedroschenen Phrasen nicht mehr abspeisen: sie stellen die wichtigen Fragen. 

  

 

VOM  VERGESSEN

 

 

Erinnerung ist die Summe des Vergessenen, sagt Ilse Aichinger.

Der Satz droht, wie ein gefräßiges schwarzes Loch, jeden Erinnerungsrest zu verschlingen.

Aber nein. Erinnerung ist Erinnerung, auch wenn sie da und dort Lücken aufweist. Es gibt Risse im Film. Pausen. Ist das schlimm? Der Körper hat das Recht, sich zu entlasten. Auf eine Tabula rasa ist er nicht aus. Bevor ich mir das ungarische Märchenbuch... ins Gedächtnis zurückrufe, rieche ich es: Zimt und etwas  Süßlich-Bitteres...

Die Bilder, sage ich, in Ehren. Aber zuerst kommen die Gerüche... Ein Sekundenlink, und der Film rollt ab. Wo er reißt, reißt er. Ich feilsche nicht um das Ganze. Irgendwie spielt die Erinnerung Himmel und Hölle, springt, bleibt stehen, springt.... Diese Fäden, Verknüpfungen, losen Enden, Zufallsmuster.  Spring, Schwesterlein, spring. Und überspring.

Das Überspringen ist Erleichterung. Oder ergibt sich, weil das Gedächtnis streikt...

A partial amnesy... Und lebensrettend.

Wegschauen, vergessen, vergessen, wegschauen. Wenn es sein muss. Wenn es sein will. Der Schmerz ist zu allem fähig. Zuerst zieht er sich die Haut des Vergessens über, dann reißt er sie auf.

Und wenn kein Schmerz ist?

Dann gilt wohl mit Blanchot: "Vergessen, sich fügen dem Vergessen in der Erinnerung, die nicht vergißt." (S. 315 ff)

aus: Ilma Rakusa, Mehr Meer - Erinnerungspassagen, 321 S., Droschl Verlag Graz, 2009

 

 

 

 

Sarah Kirsch, Krähengeschwätz, DVA, 2010

Zum 75. Geburtstag der Dichterin, ein eher prosaisch karger Band mit Notaten aus den Jahren 1985 - 1987

                                                                                                                                          

 

Jan Faktor, Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich es Heiligen Hodensack-Bimbams von Prag, 640 S., Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2010

Eine lustvolle und Kräfte aufreibende Entdeckungsreise durch den tschechisch-kommunistischen Alltag, die sozialistische Hauptstadt Prag, die jüdische Umgebung, die eigene Pubertät und die Entdeckung der Sexualität; ein fulminanter Streich, gewitzt und tragischkomisch.

 

 

 

 

 

 

 


Luchterhand Literaturverlag, München 2007
ISBN-10 3630621279
ISBN-13 9783630621272
Taschenbuch, 302 Seiten, 9,00 EUR 
Aus dem Tschechischen von Christa Rothmeier

 

 

Petra Hůlová wurde 1979 in Prag geboren. Nach dem Abitur studierte sie an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität Kulturwissenschaften und Mongolistik. Für einige Zeit lebte sie in der Mongolei. Sie gilt als eines der hoffnungsvollsten Talente in Tschechien. Der Debütroman der Autorin spielt in der mongolischen Steppe: Erzählt wird von Dzaja, die keine reine Mongolin ist, sich selbst fremd fühlt und auch so behandelt wird. Später in der Stadt ist sie nur das Mädchen aus der Steppe, wieder eine Fremde. Drei Generationen: Dzaja, ihre Mutter und ihre Tochter schildern in poetischen Bildern und gleichzeitig lakonisch ihren Alltag: die Rechtlosigkeit der Frauen in der Steppe, die Sinnlichkeit und Farbigkeit des Nomadendaseins und die vergleichsweise verarmte städtische Kultur. Immer geht es um Verzicht, sollen sich die Frauen zwischen Tradition und Fortschritt entscheiden. Sie müssen aber eigene Wege in eine selbst definierte Freiheit finden. 

Von der Autorin sind noch erschienen: Endstation Taiga (2010) und Manches wird geschehen (2009)

 

 

 

 

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