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Was heißt denn hier Zigeuner?

Bild und Selbstbild von Europas größter Minderheit
Internationales Symposium – 10.-11.11.2011 in Berlin
Allianz Kulturstiftung, Bundeszentrale für politische Bildung mit dem Literarischen Colloquium Berlin und dem Projektbüro Reconsidering Roma


von Katja Schickel

Seit etwa sechshundert Jahren leben sie in Europa, in seiner Musik, seinen Kulturen und Sprachen und obwohl alle, die nicht zu ihnen gehören, eine dezidierte Meinung haben, ist das Unwissen über sie beschämend - und erschreckend groß. Die mittlerweile größte Minderheit Europas hat wie kaum eine andere Bevölkerungsgruppe mit massiven Vorurteilen zu kämpfen, muss sich ständig gegen Stereotype – angesiedelt zwischen romantisch-kitschiger Verklärung und knallhartem Rassismus – wehren und sich im alltäglichen Leben gegen vielfältige Diskriminierung behaupten. Ganz aus dem kollektiven Gedächtnis verbannt, aus dem nationalen Bewusstsein gefallen scheint die Tatsache, dass etwa 500.000 Roma und Sinti in deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern umgebracht worden sind. Von 30.000, die 1939 in Deutschland wohnten, überlebten nicht einmal 5.000 Menschen die Torturen. Wie die geplante, totale Vernichtung der Juden – Shoah – war der Völkermord an den Roma, Sinti, dem so genannten Zigeunertum – Pojramos (Romanes; dt.: das Verschlingen) - Teil der nationalsozialistischen Politik von systematischer Verfolgung, Zwangsarbeit und Ausrottung art- und rassefremden Lebens. Die deutsche Volksgemeinschaft sollte rein werden und sich nie wieder vermischen müssen.
Die Europäische Kommission für Beschäftigung, Soziales und Integration schätzt die Zahl der in den siebenundzwanzig EU-Staaten lebenden Roma auf zehn bis zwölf Millionen, die Zahl der deutschen Sinti und Roma wird von UNICEF mit etwa 70.000 angegeben. Die EU-Osterweiterungen (2004 und 2007), die EU-Freizügigkeitsregelung ermöglichte auch Roma - vor allem aus Rumänien und Bulgarien - ihre Länder zu verlassen. EU-Bürger dürfen sich in jedem EU-Land dauerhaft niederlassen, arbeiten oder als Arbeitssuchende einreisen. Arbeitsbeschränkungen gibt es allerdings immer noch vor allem für Rumänen und Bulgaren. Es waren aber gerade Arbeitslosigkeit, Armut und Perspektivlosigkeit, der sie entkommen wollten. Darüber hinaus ist die allgegenwärtige Diskriminierung und Verfolgung von Roma in Osteuropa schwer zu ertragen. Rechtsextreme Bürgerwehren in Ungarn und Tschechien haben in jüngster Zeit durch Brandanschläge und Straßenterror gegen Roma von sich reden gemacht.
Angemessener, bezahlbarer Wohnraum und Mietverträge sind Voraussetzungen, sich anmelden, Kinder zur Schule schicken zu können und Arbeit zu finden. Rumänen und Bulgaren dürfen sich allerdings nur als selbstständige Unternehmer melden, was sie auch tun. Sie arbeiten auf dem Bau, gehen putzen, sammeln Schrott. Die Bezahlung ist oft sehr schlecht, manchmal bleibt sie ganz aus. Ausbeutung und Mietwucher sind an der Tagesordnung. Wenn das Geld nicht reicht, muss man eben Autoscheiben putzen, betteln oder Musik machen. Kindergeld oder Hartz IV wird nur in Ausnahmefällen bewilligt.

 

Über die Eröffnungsveranstaltung - Gesprächspodium I
Anfang der 1990er Jahre schreibt Herta Müller, Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin, eine Reportage mit dem - einer Liedzeile entlehnten – Titel Der Staub ist blind, die Sonne ist ein Krüppel über rumänische Roma. Allerdings bekommt sie gleich Probleme mit dem Wort: "Ich habe es anfangs in den Gesprächen benutzt und bin damit überall auf Unverständnis gestoßen. 'Dieses Wort ist scheinheilig', haben mir die Zigeuner gesagt. 'Wir sind Zigeuner. Und das Wort ist gut, wenn man uns gut behandelt.'"
Zum Auftakt des Symposiums über die Situation von Roma, Sinti und allen anderen Gruppen in Europa las sie einige Passagen daraus:
"Hütten, die am Rand der Orte hängen, da wo Feld oder Wald und staubige Wege bis vor die Tür kriechen. In den Hütten gibt es keinen Strom, kein Wasser, keine Möbel. Kinder schleppen kleinere Geschwister. Sie sind verdeckt vom Gesicht, von den nackten, kleineren Füßen, die fast bis zu ihren eigenen Zehen hängen. Sie tragen Menschen und müssten selber noch getragen werden. Die Hunde sind groß, bewegen sich langsam zwischen den Hütten. Sie schauen genau und wissen, wer nicht dazugehört." Sie beschreibt in ihrem Reisebericht Armut und Ausgrenzung, mangelnde Bildung und Erwerbslosigkeit, patriarchale Familienstrukturen – und den Hass der Landbevölkerung, der sich immer wieder – und zunehmend - in Pogromen entlädt. Im Dorf Kogalniceanu beispielsweise wurden mit Strohballen und Dieselöl Häuser von über hundertvierzig Roma in Brand gesteckt, die Bewohner konnten sich nur mit dem, was sie gerade am Leib trugen, in den nahe gelegenen Wald retten. Es war eine vorbereitete, sozusagen konzertierte Aktion, alle notwendigen Hilfsmittel waren vorher gelagert worden, die Kirchenglocken läuteten, als die brandschatzende Dorfgemeinschaft johlend die sich schnell ausbreitenden Flammen beklatschten, Polizei und Feuerwehr schritten nicht ein. An Bestrafung der Täter wegen vorsätzlicher Brandstiftung war gar nicht zu denken, an den Wiederaufbau ihrer Häuser erst recht nicht. Es war Winter, die Roma-Familien fürchteten die Kälte ebenso wie erneute Angriffe. Im Dorf hieß es nur: Ehrliche Leute haben sich gegen kriminelle Zigeuner gewehrt. Das war Freibrief genug für Zerstörung und Gewalt. Ab 1942 waren 90.000 Roma verschleppt und in Transnistrien ermordet worden. Die wenigen Überlebenden fanden wenigstens ihre Häuser intakt vor, berichtete ein zutiefst verstörter alter Mann. Unter Ceauşescu hatten die Roma Zugang zu Erwerbsarbeit, allerdings unter teilweise katastrophalen Arbeitsbedingungen und „Schandlöhnen“, wie Herta Müller betont. Meistens arbeiteten sie im Straßenbau und als Straßenfeger (zynische Reminiszenz an das so genannte Fahrende Volk?, ks), Sesshaftigkeit wurde erzwungen; es ging dem Regime nicht um Verwurzelung, sondern um Zwang und Kontrolle. Die zuständige GEO-Redakteurin wollte den beeindruckenden Text gerne veröffentlichen, allerdings erst im Sommer, und bat die Autorin daher um einige Änderungen. Das Pogrom sollte nach ihrer Auffassung zeitnah zum Erscheinen des Heftes in den Sommer verlegt werden. Die Autorin zog ihre Reportage zurück.

Wie im Text Herta Müllers schon angedeutet, ist es schwer, eine adäquate Bezeichnung für die Sinti und Roma, Rroma, Zigeuner bezeichneten Gruppen zu finden. Der eindeutig rassistisch kontaminierte Begriff Zigeuner, gleichwohl affirmativ von einigen Sinti- und Romagruppen verwendet, wird als Fremdbestimmung mehrheitlich abgelehnt. Allerdings gibt es auch einige, meist international agierende Organisationen, die den Namen Deutsche Sinti und Roma als spaltend empfinden. Eine von Vorurteilen und Ressentiments, vor allem jedoch Unwissen geprägte Gesellschaft tut sich darüber hinaus deshalb so schwer, weil sie diese größte europäische Minderheit als einen homogenen Block sieht, obwohl es historisch und gesellschaftlich bedingte Unterschiede der einzelnen Gruppen gibt, die meisten der zehn bis zwölf Millionen verschiedene Staatsangehörigkeit haben, neben Romanes ihre eigenen Dialekte und die jeweiligen Landessprachen sprechen, 90% von ihnen seit Generationen sesshaft sind, viele aus Angst vor Repressalien jedoch lieber die Anonymität wählen. In Deutschland nennen sie sich mehrheitlich Sinti, in anderen Ländern Gitanos, Manouches, Kalamash, Kalé, Ashkali, Lovara, Gypsies, Roma, aber auch Irish Traveller oder eben Zigeuner.
Sie sind jedoch alles in allem die am stärksten diskriminierte und bedrohte Bevölkerungsgruppe in Europa. Nach Studien der Vereinten Nationen und der EU haben 60% von ihnen Erfahrungen mit Diskriminierung am Arbeitsplatz, sowohl bei Bewerbungen als auch im Job, 25% erleben offene Diskriminierung im Gesundheitswesen, 18% direkte brutale Gewalt. Nur für zwei von fünf Kindern wird Schulbildung angeboten. Als Nachbarn wollen sie 70-80% der Deutschen nicht. Kein Wunder, dass sich viele Sinti und Roma nicht 'outen'.
Morten Kjærum, Direktor der Agentur der EU für Grundrechte in Wien, fasste die jüngste Umfrage der Agentur zusammen: danach war jeder zweite Rom in den zwölf Monaten vor der Befragung diskriminiert worden - und über ein Drittel der Roma Opfer eines Verbrechens.
Sie werden systematisch an den Rand der gesellschaftlichen Ränder gedrängt. Der Teufelskreis von sozialem Status, Armut, Nicht-Bildung und Diskriminierung (vor allem bei der wichtigen Wohnungs- und Arbeitssuche) wird perpetuiert. Nach 1989 hat sich ihre Situation dramatisch verschlechtert. In Mittelost- und Osteuropa wird regelrecht zur Jagd auf Roma aufgerufen, es gibt Brandanschläge in Rumänien, Ungarn und Tschechien, Tote werden billigend in Kauf genommen. Gewaltsame Übergriffe werden von Parolen wie „Zigeuner zu Seife“, „Zigeuner ins Gas“ begleitet. Politiker und Intellektuelle diskutieren über die Installierung von Lagern, in Italien und Frankreich gibt es groß angelegte Razzien und anschließende Abschiebeaktionen, die sämtlich alle EU-Verträge missachten und damit der ihnen zugrunde liegenden Rechtsauffassung widersprechen. Um ihre Ausgrenzung zu beschleunigen, wurden im Schnellverfahren Gesetze gegen Roma erlassen, die die Europäische Menschenrechtscharta eklatant verletzen.
Silvio Peritore, Leiter des Referats Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg, betonte, dass es sich keineswegs um Gewalt von Extremisten (Rechtsradikalen etc.) handelt, sondern in die Mitte der Gesellschaft weist. Der Rassismus ist in der gesamten Gesellschaft angekommen: er richtet sich auch gegen andere Minderheiten, aber seine spezielle Form des Antiziganismus eint alle Schichten. Er ist von unverhohlener Verachtung geprägt. In einigen Ländern lässt sich die Mordlust kaum verbergen, man macht Roma zu Pack, Gesocks, Geschmeiß, zu Tieren, gegen die man sich schließlich wehren müsse.
Es gibt 34.000 EU-Mitarbeiter, aber nur zwei Beamte in der EU, davon eine Ungarin, die sich um diese Minderheit und ihre Belange kümmern sollen. Alle Entscheidungen werden von Oben nach Unten gefällt, es gibt keine Vertreter der Minderheit in Gremien oder Ausschüssen. Schon auf dieser Ebene wird der Segregation also Vorschub geleistet.
Zoltán Balog ist Staatsminister für soziale Inklusion in Ungarn, das mit seiner rechtsgerichteten Regierung und durch Attacken von Nationalisten auf Roma immer wieder für Schlagzeilen sorgt. Über den Rechtsradikalismus im eigenen Land will er nicht sprechen, aber über die prekäre Situation schon. 7,5% der Bevölkerung in Ungarn, also 750.000, sind Roma. Zwei Drittel von ihnen leben in Armut, die Hälfte davon in „äußerster Armut“ mit kaum einer Chance auf Verbesserung ihrer Situation. Insgesamt hat sich der Lebensstandard, die soziale Lage, für mehr als drei Mio. Ungarn in den letzten zwanzig Jahren verschlechtert. Er sagt, sein Ministerium fördere lokale Zentren der Bildung und Ausbildung, die die Roma dort erreichten, wo sie lebten, in den segregierten Gegenden, in ihren Dörfern. Man müsse, und das gefällt nicht allen, wie er sich ausdrückt, „schmutzige Wäsche ins Schaufenster stellen“, das heißt, die Probleme in den einzelnen Ländern zunächst und ungeschönt sehen wollen, sie dann analysieren und schließlich unter Einbeziehung der Betroffenen lösen. Dabei spiele der wirtschaftliche Faktor eine wesentliche Rolle. Man müsse Ausbildung anbieten und geeignete Arbeitsplätze schaffen, sonst würde die gesamte Gesellschaft erodieren. EU-Förderung für Roma-Projekte kann nicht nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden, sondern muss sich an den Gegebenheiten in den einzelnen Ländern, ihren ökonomischen Strukturen und Möglichkeiten orientieren. Bisher habe man in der EU zwar der „Situation der Roma in die Augen geschaut“, nicht jedoch den Roma selbst. Sie waren bisher nur Objekte von Maßnahmen. Balog plädiert hingegen für Partizipation schon auf unterster, lokaler Ebene, um die sozialen Probleme in Angriff nehmen zu können.


Der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal stellte sein Buch Europa erfindet seine Zigeuner (Suhrkamp, 2011) vor. Es ist eine vergleichende Studie (gewonnen aus Stadtchroniken, Kirchenbüchern, literarischen Quellen) über historische, politische und psycho-soziale Hintergründe von Faszination und Verachtung, der Roma in ihrer sechshundert-jährigen europäischen Geschichte ausgesetzt waren. Interessant ist, dass das ursprüngliche Bild, das man sich von ihnen machte, bis in die heutigen Klischees hinein wirksam ist. Das Europa des 15. und 16. Jahrhunderts, die Epoche des Übergangs vom Hochmittelalter in die Neuzeit, war mit vielen Umbrüchen verbunden: Expansion nach Außen mit der Entdeckung der Neuen Welt, Etablierung des Feudalismus, Kriege zwischen Adel und Kirche um Hegemonialansprüche, der blutige Kampf gegen so genannte Heiden und Ketzer (Hexenverfolgung). Die Erde war keine Scheibe mehr und nicht der Mittelpunkt der universellen Schöpfung. Das Christentum war längst nicht so etabliert wie gewünscht. Heidnische Rituale und Feste waren tief verwurzelt im Glauben der 'einfachen' Leute. Mit dem Buchdruck konnten erstmals amtliche Dekrete, Pamphlete und Bibelsprüche unters Volk gebracht werden. Die innere Ordnung musste immer wieder mit Gewalt hergestellt werden. Von den Kanzeln wurde der Hass gegen Juden und Zigeuner geschürt, die als Nachfahren von Mongolen und Tataren bezeichnet, direkt aus der Hölle kamen. Dass sie schriftlos waren, dürfte der mehrheitlich analphabetischen Bevölkerung egal gewesen sein. Die fremde Sprache, ihre magischen Fähigkeiten, ihre Musik und Tänze haben vermutlich viel mehr zur Mythen- und Legendenbildung beigetragen. Für die Kriege, vor allem aber die Pest - als Strafe Gottes - mussten darüber hinaus Sündenböcke gefunden werden.

Die Zivilität Europas maß sich, so Bogdals These, stets an den größtmöglichen Unterschieden, nie am kleinstmöglichen Nenner der Gemeinsamkeiten. Die eigene Zivilisationsstufe erhöhte sich, je mehr Abstand man zum fremden Volk hielt. Man verwehrte ihm von Anfang an den Zugang in die Gesellschaft, verweigerte Land und anderen Besitz, den Zutritt zu öffentlichen Gebäuden, den Eintritt in Stände. Nur aus der Entfernung war Faszination überhaupt möglich, die Fremden boten Projektionsflächen für Wünsche nach Freiheit, Ungebundenheit, Lebensstil, Schönheit und Kunst. Damit waren sie aber, so unsere Schlussfolgerung, die Negation des gewohnten Lebenswandels und mussten verachtet werden. Ikonographie, Symbole, Erzählungen wurden wichtiger als deren Lebensrealität. Die natio infamata (das verschrieene, ehrlose Volk) verweist somit auf die Unterdrückung der in sie projizierten Vorstellungen, die sich dann als Gewalt gegen ihre Objekte entladen kann. Solche Verachtung muss allerdings ständig wiederholt werden; Demütigung, Entrechtung, Vertreibung sind die Mittel, um sich diese Menschen vom Hals zu halten. Das Unterschwellig-Erotische, das Geheimnisvoll-Exotische verwandelt sich in etwas Hässliches und Bedrohliches, das man mit aller Macht bekämpfen und beseitigen muss. Man muss sie nicht einmal entwerten. Weil „die Zigeuner“ keinen Wert haben, kann man sie ohne Reue verachten, ist man sie als einzelne Menschen aus Fleisch und Blut, mit eigenem Charakter und Temperament, los. In der Realität sind sie jedoch immer noch vorhanden, allerdings nur noch verzerrt gesehen. Wenn man sie weit genug weg schiebt, sind sie fast unsichtbar. Sie werden verdrängt: aus dem öffentlichen Raum und dem Bewusstsein gleichermaßen. Verachtung bleibt das Grundprinzip dieses Verhaltenskodex. Sie haben keine Menschenwürde, weil man ihnen keine zubilligt; rechtsstaatliche Maßgaben treffen auf sie nicht zu, sie haben kein Recht auf Leben, weil ihnen überhaupt zivilisatorische Entwicklung abgesprochen wird. Diese Behandlung ist in seiner Inhumanität jedoch gleichzeitig das beständig entzivilisierende Moment europäischer Geschichte.
Kenan Emini von der Göttinger Initiative alle bleiben erinnerte am Schluss der Veranstaltung an die Realität, dass nämlich am gleichen Tag, dem 10.11.2011, siebzig Menschen, die seit fünfzehn Jahren und länger in Deutschland gelebt hatten, in den Kosovo abgeschoben worden waren. Die im Jugoslawien-Krieg, zuletzt im Kosovo, zwischen die Fronten geratenen Roma wurden häufig als Verräter und Spione der jeweils anderen Seite drangsaliert, auch gefoltert, vergewaltigt und viele schließlich auch umgebracht. Etwa 30.000 entkamen als Kriegsflüchtlinge in die Bundesrepublik. Die meisten von ihnen erhielten keine Aufenthaltsgenehmigung, aber eine Duldung, weil die Gefahr im Herkunftsland für Leib und Leben als zu hoch eingeschätzt wurde, um sie gleich wieder zurück zu schicken. Duldungen müssen alle ein bis drei Monate verlängert werden. Das bedeutet, dass dieser Personenkreis über Jahre in Unsicherheit und Angst vor Abschiebung leben muss. Ohne Sondergenehmigung der Ausländerbehörde dürfen die Geduldeten keine Arbeit aufnehmen oder ihren Aufenthaltsort verlassen (Residenzpflicht). Der vorläufige Personalausweis enthält den Vermerk: Der Inhaber/Die Inhaberin ist ausreisepflichtig. Ein normales, geregeltes Leben ist dementsprechend schwierig. In den nächsten zwei Jahren sollen 5.000 Kinder und Jugendliche abgeschoben werden. Sie sind in Deutschland aufgewachsen und werden, darin sind sich alle einig, keinerlei Chancen auf Bildung, Ausbildung und Broterwerb haben. Sie kennen das Land nicht, sind dort nicht willkommen und werden fremder als fremd sein. Abschiebungen sind nicht ganz billig. Man könnte das Geld sinnvoller ausgeben und in die Zukunft dieser Kinder investieren.
Infos:
www.alle-bleiben.info



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